Guttenberg im Bundestag

Der moralische Anspruch des geständigen Sünders

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Die Opposition schäumt, der Minister kämpft: Der Fall Dr. Guttenberg hat das Parlament erreicht. Szenen aus dem Deutschen Bundestag.

Am Ende marschierte die SPD-Abgeordnete Barbara Hendricks aufgebracht aus dem Plenum - und stieß in der Lobby des Bundestages ausgerechnet auf den Unions-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder.

„Der Auftritt war heuchlerisch und fern jener Demut, die Guttenberg vorgespielt hat“, schimpfte sie.

Eine halbe Stunde lang hatte die Opposition in der aktuellen Stunde des Bundestages Verteidigungsminister Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) mit Fragen zu seiner Doktorarbeit überschüttet, hatte ihm Verfehlungen vorgehalten, seine Moral und sein Rechtsverständnis in Zweifel gezogen.

Und nun? „Nun bleiben sie mal hübsch ruhig“, antwortete Kauder der SPD-Abgeordneten.

In einem Pulk von Journalisten nannte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin „Dr. Guttenberg“ einen „Hochstapler“. SPD-Fraktionsvize Joachim Poß mahnte halb im Scherz, es dürfe nicht zu Handgreiflichkeiten kommen, worauf der parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Peter Altmaier, kurzerhand beschied, Guttenbergs Glaubwürdigkeit sei nicht erschüttert worden.

„Glauben Sie?“, fragte eine Stimme aus dem Hintergrund. Altmaier sah sich um: „Es geht doch nicht um meinen Glauben! Wir sind hier doch nicht in der Kirche.“

Nein, natürlich nicht. Ort dieser Veranstaltung war der Bundestag. Und dennoch war der Hinweis auf die Kirche gar nicht so abwegig. Denn so, wie sich der Glaube allen weltlichen Beweisen entzieht, so entzog sich Guttenberg an diesem Nachmittag den Anschuldigungen der profanen Abgeordneten-Weltlichkeit.

Da stand er nun seltsam abgehoben auf der Regierungsbank, im grauen Büßer-Anzug, die linke Hand lässig in der Hosentasche, und bekannte nicht etwa Schuld oder Unrecht, sondern bat um Vergebung unwissentlich begangener Sünden.

„Ich habe diese Fehler unbewusst und ohne Täuschungsabsicht gemacht“, beteuerte er immer wieder. Und der Verzicht auf den Doktortitel sei doch Strafe genug. Dies sei ein „durchaus schmerzhafter Schritt“.

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin suchte die Provokation. Er verhöhnte den Verteidigungsminister, in dem er ihn wiederholt sprach er ihn mit „Dr. Guttenberg“ ansprach.

Doch diese Strategie spielte dem reuigen Sünder nur in die Hände. Denn der zog sich zurück auf den moralischen Anspruch des Geständigen auf Vergebung.

Also versuchte es der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, von Haus aus Jurist, im Verhörstil: „Herr Guttenberg, können Sie ausschließen, dass andere an Ihrer Doktorarbeit beteiligt waren?“

Der Angeklagte antwortete mit einem kleinlauten „Ja“.

Andere hielten ihm den Dienstahl von Textbausteinen aus Zeitungsartikeln und wissenschaftlichen Arbeiten vor. Sie fragten ihn, wie er denn nun den vielen Doktoranden entgegentreten wolle, wie den Studenten der ihm unterstellten Bundeswehrhochschulen.

Sie konfrontieren ihn mit den ethischen Grundsätzen wissenschaftlicher Arbeit und erinnerten an seinen einst an sich selbst gestellten Anspruch: „Wie wollen Sie Ihnen allen weiterhin ein Vorbild sein?“

Guttenberg überlegte nicht lange. „Die Vorbildfunktion muss man sich jeden Tag aufs Neue erarbeiten“, entgegnete der Gescholtene, und seine letzten Worte erstarben im Gelächter der Opposition.

Guttenberg wehrte die Angriffe nicht ab, er kehrte sie gegen die Opposition um. Schaut her, gab er den Abgeordneten von SPD, Grünen und Linkspartei zu verstehen, schon in der Rolle des Büßenden sei er Vorbild.

„Das Beispiel des Umgangs mit der eigenen Doktorarbeit kann vielleicht auch ein Beispiel sein für andere“, sagte er und erntete wieder Gelächter voller Hohn und Verachtung. Aber auch voller Verzweiflung. Denn wie sollten sie einem beikommen, der immer wieder beteuerte, er habe nicht gewusst, was er tat?

Was er ihnen vorspielte, wusste er indes nur zu gut. Denn nur wer genau hinhörte, vernahm, dass Guttenberg in Gedanken gar nicht bei den Abgeordneten war.

Zwar redete er vor ihnen, aber seine Worte galten anderen. Er sprach für die Kameras, für die Zuschauer an den Fernsehgeräten, für all die Menschen, die ihm bis heute die Treue halten, die ihn trotz der schweren Vorwürfe weiter als Verteidigungsminister behalten möchten.

Union und FDP applaudierten. Und so mancher auf den Oppositionsbänken hätte heulen mögen vor Wut.

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