In Libyen spitzt sich der Konflikt zwischen Anhängern und Gegnern von Staatschef Muammar al-Gaddafi weiter zu. Aus Oppositionskreisen hieß es, seit Dienstagabend seien bei Zusammenstößen zwischen Gaddafi-Gegnern und der Polizei insgesamt sechs Menschen ums Leben gekommen. Vier von ihnen seien in der Stadt Al-Baidha getötet worden, zwei in der Stadt Bengasi. Bei einer Protestaktion in der Stadt Al-Kubba hätten Demonstranten eine Polizeiwache in Brand gesetzt.
Die Proteste konzentrierten sich bislang auf die Städte im Nordosten des Landes. Die staatlichen Medien hatten zunächst nur über Proteste in Bengasi in der Nacht zum Mittwoch berichtet. Von Toten war in diesen Berichten nicht die Rede gewesen. Dafür schenken die Staatsmedien den Pro-Gaddafi-Kundgebungen, die seit Mittwoch in mehreren libyschen Städten stattfinden, große Beachtung.
Oppositionelle haben für diesen Donnerstag zu einem "Tag des Zorns“ aufgerufen. Sie forderten im Online-Netzwerk Facebook unter dem Titel „Revolte des 17. Februar 2011“ zu Streiks in dem nordafrikanischen Staat auf. Mehrere tausend Menschen unterstützten bei Facebook den Aufruf. In allen Städten des Landes sollen sich Regimegegner zu Kundgebungen versammeln. Die Proteste sollen an die Ereignisse des 17. Februar 2006 erinnern. Damals war eine Demonstration gegen die Mohammed-Karikaturen in Bengasi in eine Protestaktion gegen die libysche Führung ausgeartet. Es gab Tote und Verletzte.
In Libyen, wo Revolutionsführer Gaddafi seit 1969 herrscht, sind Kundgebungen, die nicht vom Regime organisiert werden, extrem selten. Der exzentrische Staatschef hatte die jüngsten Volksaufstände in Tunesien und Ägypten scharf kritisiert und angekündigt, dass er in Libyen keine Massendemonstrationen dulden werde.
„Der Druck der Straße ist groß, in Libyen wird es genauso ablaufen wie in Tunesien und Ägypten“, sagte Abdulhamid Salim al-Haasi, ein Sprecher des libyschen Exil-Oppositionsbündnisses NCLO mit Sitz in London. Er rief die libysche Jugend auf, friedlich zu demonstrieren und nicht die direkte Konfrontation mit der Staatsmacht zu suchen.
Andere Experten gehen davon aus, dass ein Umsturz wie in Ägypten unwahrscheinlich ist. Die Führung könne Einnahmen aus der Erdölförderung dazu nutzen, um die Probleme abzumildern. Gaddafi hat erklärt, sein Land brauche keine westlichen Demokratie-Konzepte. Es habe vielmehr sein eigenes System, das den Bürgern die Möglichkeit gebe, sich selbst zu regieren.
Die EU rief die libysche Führung auf, Demonstrationen und freie Meinungsäußerung zuzulassen. „Wir verfolgen die Situation ganz genau“, sagte die Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton, Maja Kocijancic.
Reuters/dpa/AFP/fas




