Nordafrika

Tunesier kämpfen für eine moderne Republik

Frauenrechte, Laizismus, Freiheit – das sind die Forderungen der jungen Aktivisten. Doch noch weiß niemand, wie das neue Tunesien aussehen wird.

Keine drei Wochen nach dem Sturz des tunesischen Diktators Zine El Abidine ben Ali schaffte die tunesische Übergangsregierung als erstes Land in Nordafrika die Todesstrafe ab. Wenige Tage später wurden der ehemaligen Regierungspartei des Präsidenten RCD alle Aktivitäten untersagt. Derweil haben sich eine Fülle neuer Parteien registrieren lassen. Offiziell herrscht in Tunesien nun Versammlungs- und Pressefreiheit. Die Zensur ist Vergangenheit. Und auch die nächtliche Ausgangsperre soll aufgehoben werden.

Insgesamt kommt das Land zunehmend zur Ruhe, auch wenn es in einigen Städten Zentral- und Südtunesiens noch immer sporadische Zusammenstöße zwischen Anhängern des gestürzten Präsidenten und Demonstranten gibt. Banden ehemaliger Milizionäre der RCD haben in etwa in mehreren Kleinstädten öffentliche Gebäude wie Schulen und Krankenhäuser verwüstet.

Militär und Gewerkschaften unterstützen die Revolution

Um mehr Sicherheit zu garantieren, hat der neue Verteidigungsminister Abdelkrim Zbidi jetzt Reservisten mobilisiert. Ein Schritt, den die meisten Tunesier begrüßen, schließlich vertraut man der Armee, bezeichnet sie auf den Straßen von Tunis gar als „Wächterin der Revolution“. Denn das Militär hatte während der Unruhen zu Beginn des Jahres, aus denen sich die tunesische Revolution entwickeln sollte, seine Neutralität erklärt. Dann wurde Ben Ali von Stabschef Rachid Ammar zum Verlassen des Landes aufgefordert. Auch half der, inzwischen von Medien als Volksheld gefeierte, die gefürchtete Garde des Präsidenten zu neutralisieren.

Wo immer deshalb dieser Tage in Tunis spontane Demonstrationszüge an Wachtposten des Militärs vorbeiziehen ertönen die Rufe „Brüder, Brüder“. Und dann stimmt man wieder die tunesische Nationalhymne an oder skandiert Slogans aus der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit. Die Demonstranten wissen die Armee auf ihrer Seite. Dies dürfte einer der Gründe sein, warum in dem nordafrikanischen Land der Sturz des Regimes so schnell und vergleichsweise unblutig vonstatten gehen konnte.

Neben dem Militär spielte die Haltung des Gewerkschaftsbund UGTT eine zentrale Rolle: obwohl staatlich kontrolliert, konnte die UGTT doch eine gewisse institutionelle Unabhängigkeit bewahren. „Wir brauchten die Gewerkschaft als Unterstützer der Revolution“, erklärt Karim, ein 25 jähriger Journalist der linken Zeitung Attariq Aljadid „deshalb haben wir im Dezember begonnen vor ihrer Zentrale zu demonstrieren. In der Gewerkschaft sind hunderttausende Tunesier organisiert.“ Die Aktionen hatten Erfolg, der Gewerkschaftsbund schwenkte auf die Linie der Protestierenden ein.

"Eine ganz normale demokratische Republik"

Denn ohne Unterstützung oder doch Duldung zweier so wichtiger Institutionen wäre es den meist jungen Demonstranten wohl kaum gelungen, innerhalb kürzester Zeit jenes „tunesische Wunder“ zu vollbringen, auf das die arabische Welt voller Staunen blickte. Mit wem man auch ins Gespräch kommt – und das fällt dieser Tage leicht in Tunis, jeder möchte schließlich die neu gewonnene Freiheit nutzen – in einem sind sie sich alle einig: Parteien hätten während der Revolution keine Rolle gespielt. Es sei alleine „le peuple“, das Volk, gewesen, lose und locker koordiniert durch Facebook und Twitter. Kontakt habe man untereinander auch mit Sms-Nachrichten gehalten.

Karim teilt diese Einschätzung: Seine Partei, die Ettajdid, eine der wenigen von Ben Ali geduldeten Oppositionsparteien, habe zwar Räumlichkeiten für Treffen zur Verfügung gestellt, auf die Ereignisse selbst aber kaum Einfluss gehabt. Statt mit den Vertretern der Opposition zu sprechen, hilft es deshalb, mit Jugendlichen auf der Straße in Kontakt zu treten – Ali etwa, ein 21 jähriger Informatikstudent, „Revolutionär der ersten Stunde“, wie er sich nennt. Jede Organisation lehnt er kategorisch ab. Aber man habe sich vorbereitet erklärt er, denn seit langem habe eine Revolte in der Luft gelegen. „Die Jugend, die Mehrheit Tunesiens, wollte endlich Freiheit, eine Perspektive, Hoffnung. Man konnte die Luft hier nicht mehr atmen. Überall Geheimpolizei, Unterdrückung und keine Arbeit“. So habe man nach Fußballspielen gezielt Ärger mit der Polizei gesucht und in den folgenden Scharmützeln dann deren Strategie studiert. „Deshalb wussten wir wie sie vorgehen und konnten ihnen begegnen.“

In einem hauptsächlich von Jugendlichen besuchten Wasserpfeifencafé, in dem fast ebenso viele Frauen wie Männer sitzen, spricht er von seinen Hoffnungen und Träumen: „Tunesien soll eine ganz normale demokratische Republik werden.“ Einen Widerspruch zwischen Islam und Republik sieht er nicht: „Wenn ich morgens demonstrieren gehe, sage ich meiner Mutter, ich mache Dschihad für die Republik.“ Und dann fügt er hinzu: „Revolution machen ist viel besser als alle Drogen“. Wie aber soll das neue Tunesien aussehen? „Die Jugend soll regieren“, meint Ali.

Frauen fordern: Islam soll nicht mehr Staatsreligion sein

Karim ist da realistischer: Man brauche jetzt eine Übergansregierung und Druck von der Straße. Ministerien und Behörden müssten von den alten Kadern gesäubert werden. Und dann eine Verfassungsreform, die das alte Präsidialsystem ablösen und das Parlament stärken solle. Ein anderer Student, Moemen, schließt sich dieser Forderung an: Statt Führer bräuchte man nun Politiker, die die Bevölkerung vertreten, ein starkes Parlament und viele verschiedene Parteien. „Der Präsident soll, wie in den USA, nach acht Jahren wieder abtreten.“

Eine Vertreterin der Vereinigung demokratischer tunesischer Frauen geht noch weiter: Ihre Organisation fordert eine Verfassung, die künftig nicht mehr den Islam als Staatsreligion festschreibt. Für einen wirklichen Laizismus mobilisierte die Organisation unlängst zu einer Demonstration. Geschätzte 4000 Tunesier kamen, Frauen und Männer, um für Gleichberechtigung und Säkularismus zu demonstrieren. Ein für die arabische Welt sehr ungewöhnliches Bild. Tunesien hat schon jetzt im regionalen Vergleich eine progressive Verfassung, auch auf das Zivilrecht hat die Scharia keinen Einfluss.

Tahar Ben Guiza, Philosophieprofessor der Universität Tunis, unterstützt die Forderungen der Frauenorganisationen und ist an diesem Punkt sogar dem Ben-Ali-Regime dankbar: „Indem er die Islamisten unterdrückte, half der Präsident, dieses neue Tunesien zu schaffen.“ Derweil ist Rashid al-Ghanouschi, Führer der bis zum 14. Januar verbotenen islamischen An-Nadha Partei aus dem Exil zurückgekehrt. Vor seinem Abflug noch hatte er erklärt mit seiner Partei gäbe es keine Einführung der Scharia in Tunesien, auch wolle er nicht als Präsidentschaftskandidat kandidieren. Karim ist skeptisch: „Im Augenblick sind die Islamisten schwach und unorganisiert. Aber wenn wir nicht aufpassen kann sich das ändern.“ Offen konfrontieren solle man sie: „Lasst uns in Talkshows über Säkularismus diskutieren, dann werden wir ja sehen, was sie zu sagen haben.“

Es geht nicht um Brot, sondern um Freiheit

Momentan, darin ist man sich weitgehend einig, stellen die Islamisten keine akute Gefahr dar. Auf den Vergleich mit der iranischen Revolution angesprochen schüttelt Ben Guiza nur den Kopf: dies hier sei eine Revolution, die weit eher an die Nelkenrevolution in Portugal erinnere. „Es ging uns nicht um Brot oder Arbeit“, meint auf Deutsch auch ein Tunesier mittleren Alters, „sondern um Freiheit und Würde.“

Und während noch eine Spontandemonstrationen stattfindet, deren Teilnehmer schmunzelnd erklären, man demonstriere einfach „gegen das Alte und für das Neue“, führt er fort: „Nun brauchen wir eine neue Verfassung und dann Ruhe, damit zumindest die Touristen wiederkommen.“ Den Amerikanern sei er dankbar, weil sie jetzt nicht mehr auf Seite der Diktatur stünden, sondern der der Bevölkerung. Überhaupt ist dieser Tage die US-Botschaft ein ruhiger Ort in Tunis, anders als die ägyptische, wo ständig Solidaritätsdemonstrationen stattfinden. Und abschließend zitiert er lächelnd noch Konrad Adenauer: „Keine Experimente! Wenn nicht in spätestens sechs Monaten wieder Ruhe herrscht, werden die sozialen und wirtschaftlichen Probleme unklösbar werden“.

An den Bäumen der Alleen hängen Plakate, die vermutlich den noch herrschenden Geist der Revolution am besten wiedergeben: „Gegen Obskurantismus, für Modernität“, heißt es da oder „Nein zu Xenophobie, ja zu Citoyenité“ und „Auf Wiedersehen Diktatur, Hallo Demokratie“. Wie stolz die Tunesier auf das Erreichte sind, zeigt eine Zeitungskarikatur: auf einem Billardtisch liegen drei Kugeln: eine kleine, beschriftet mit „Tunesien“ rollte auf eine größere zu, auf der Ägypten steht und dahinter dann eine ganz große: China.