Aufsteigerin

Ursula von der Leyen, die lächelnde Härte

Sie hat deutsche Familienpolitik geprägt, die CDU verändert, die Herzen vieler Bürger gewonnen. Jetzt könnte sie Staatsoberhaupt werden.

Noch ist sie nicht Präsidentin. Doch Ursula von der Leyen ist die erste Wahl der Kanzlerin für das höchste Staatsamt. Und zweifellos würde diese Rolle zum Karriereweg der Niedersächsin passen.

Denn der steile Aufstieg der CDU-Politikerin ist beispiellos in der Geschichte der Bundesrepublik. 1990 war die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht in die Partei ihres Vaters eingetreten, nachdem dieser in der Landtagswahl von Gerhard Schröder geschlagen wurde. Private Wege führten die Ärztin aber zunächst in die Vereinigten Staaten. Politisch aktiv wurde von der Leyen erst nach ihrer Rückkehr, wobei Familien- und Sozialpolitik von Beginn an ihre Schwerpunktthemen waren.

Politik im Blut, blendendes Aussehen, sieben Kinder nebst erfolgreichem Mann und Bauernhaus – kein Wunder, dass die zierliche Quereinsteigerin schnell den Ruf einer Powerfrau innehatte und dieses Image via Medien geschickt pflegte. Ihrem Entdecker, Niedersachsens Landesvater Christian Wulff (CDU), verdankte sie, dass sie 2003 in Hannover das Sozialministerium übernehmen konnte. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war von Beginn an ihr Thema. Und gerne brachte sie dabei ihre eigenen Erfahrungen ein.

Weniger ihre Leistungen als Landesministerin denn ihre persönliche Vita und ihre große Ausstrahlung ließen Angela Merkel auf sie aufmerksam werden. Als sich CDU und CSU im Vorfeld der Bundestagswahl von 2005 über die Gesundheitspolitik in die Haare bekamen, übertrug die CDU-Chefin von der Leyen die heikle Aufgabe, mit Horst Seehofer einen Kompromiss auszuhandeln. Von der Leyen stritt geschickt für die Gesundheitsprämie. Seehofer ließ sich auf eine abgeschwächte Reformvariante ein.

Für Merkel hatte von der Leyen damit ihr Gesellenstück abgeliefert. Als es 2005 in den Bundestagswahlkampf ging, holte die CDU-Vorsitzende die blonde Vielfachmutter mit Doktortitel in ihr Schattenkabinett. Nach dem knappen Sieg war von der Leyen als Ministerin gesetzt – musste sich aber mit dem in ihren Augen unspektakulären Titel der Familienministerin zufriedengeben. Das Gesundheitsressort ging an die SPD.

Doch binnen Kurzem gelang es der Niedersächsin, das bis dato unbedeutende Ministerium „für Familie und Gedöns“ (Gerhard Schröder) zum Dreh- und Angelpunkt der großen Koalition zu machen. Dabei verpasste sie der Union eine gesellschaftspolitische Modernisierungskur, die viele Parteifreunde als Vergewaltigung empfanden. 2006 kündigte von der Leyen ein einkommensabhängiges Elterngeld an.

Ihre eigene Partei überraschte sie mit dem Plan, zwei Vätermonate einzufügen, um Männern in Sachen Kinderbetreuung auf die Sprünge zu helfen. Als „Wickelvolontariat“ geißelten konservative Unionspolitiker dieses Projekt – das von der Leyen mit Merkels Hilfe und der SPD ohne Probleme durchsetzte. Einen zweiten Aufruhr gab es, als die Ministerin wenige Monate darauf einen weiteren Überraschungscoup landete und eine Krippenoffensive ankündigte. Wieder jubelte die SPD, Merkel war einverstanden, und die Herrenriege musste klein beigeben.

Ihre Strategie der lächelnden Härte bewirkte, dass von der Leyen in den eigenen Reihen erbitterte Feinde hat. Doch mittlerweile erkennen selbst die, die ihre Politik für weniger kinder- als vielmehr karrierefrauenfreundlich erachten, an, dass die CDU-Frau für die Union von unschätzbarem Wert ist. Zwar brachte ihr ihre Initiative, die Sperrung von Kinderpornografieseiten im Internet durchzusetzen, in der Netzgemeinde den Schimpfnamen „Zensursula“ ein. Doch wenige Politiker können auf eine so anhaltend hohe Zustimmung verweisen wie sie.

Dass von der Leyens Ehrgeiz noch lange nicht befriedigt ist, zeigte sich nach der Bundestagswahl. Unverhohlen spekulierte sie auf ein größeres Ressort. Als ihre Kabinettsträume zerplatzten, setzte sie vergeblich alle Hebel in Bewegung, um in Brüssel einen EU-Posten zu ergattern. Von der Leyens Erlösung kam, als Arbeitsminister Jung zurücktreten musste – und Merkel ihrer Parteifreundin das heiß ersehnte Amt antrug.

Auch auf dem neuen Posten legte von der Leyen einen atemberaubenden Arbeitseifer an den Tag. Binnen weniger Stunden hatte sie Pläne für die Jobcenter-Reform parat. Zwar setzten die CDU-Ministerpräsidenten später einen anderen Weg für die Reform der Arbeitsämter durch. Doch versteht es die Ministerin, derartige Niederlagen in gefühlte Erfolge umzumünzen. Pragmatismus, nicht Ideologie ist ihr Markenzeichen. Etliche ihrer Berater und Mitarbeiter sind Sozialdemokraten – was von der Leyen noch nie gestört hat.

Und so nimmt sie der SPD ein Thema nach dem anderen weg: zuerst Krippenausbau und Elterngeld, jetzt Mindestlohn und Arbeitnehmerschutz. Gerade ihr sozialpolitisch wenig scharfes Profil könnte ihr nun den Weg ins Präsidentenamt erleichtern. Kaum ein anderer Unionspolitiker hätte so große Chancen wie sie, Stimmen aus der Opposition zu generieren. Keine Frage ist es zudem, ob von der Leyen repräsentieren könnte. Neben Verteidigungsminister zu Guttenberg ist die 52-Jährige der unbestrittene Star der Regierung. Dass von der Leyen genügend Ehrgeiz besäße, Deutschlands erste Präsidentin zu werden, steht wohl außer Frage.