Proteste in Ägypten

Flughafenchaos – Kritik an deutscher Botschaft

Eine deutsche Touristin will Ägypten verlassen – doch die deutsche Botschaft gibt keine Auskunft. Nur die Österreicher helfen.

Erleichterung könne das Gefühl nicht beschreiben, das Gabriele Heinze darüber empfindet, wieder zurück in Deutschland zu sein. Hinter ihr liegen Chaos, Ungewissheit und das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Die Augsburgerin war bis Sonntagabend in Ägypten unterwegs, die letzten 24 Stunden verbrachte sie am Flughafen von Kairo. „Die Stimmung dort war unerträglich aufgeladen: Es gab keine Lebensmittel mehr, alle stritten sich um Tickets, die sie aus Ägypten herausbringen sollten“, sagt Heinze. Auch eine Presseagentur berichtet von chaotischen Zuständen am Wochenende. Inzwischen seien zwar mehr Verantwortliche am Flughafen, aber auch am Dienstag bildeten sich lange Warteschlangen vor den Sicherheitsschleußen, weil unzählige Menschen auf ihren Abflug warten.

Die Lage in Ägypten habe sich zusehends verschärft, erzählt Heinze, die eigentlich sechs Wochen durch das Land am Nil reisen wollte. „Letztes Wochenende wurde die Stimmung in Alexandria sehr aggressiv. Vor meiner Tür erlebte ich Krawalle und bekam Tränengas ab.“ Als schließlich die nahe gelegene Polizeistation brannte und ein Supermarkt geplündert wurde, entschied sich die 45-Jährige, vorzeitig zurückzukehren. Am Samstag habe sie deshalb die Deutsche Botschaft kontaktiert. „Ein Mitarbeiter sagte mir am Telefon nur, dass er nicht berechtigt sei, mir eine Auskunft zu geben.“ Weil sie sich nicht mehr sicher gefühlt habe, beschloss sie, auf gut Glück nach Kairo an den Flughafen zu fahren.

„Ich hatte gehofft, dort wäre vielleicht Botschaftspersonal vor Ort“, sagt Heinze. Tatsächlich sei dort niemand gewesen, um ihre Fragen zu beantworten. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes erklärte am Dienstag, sie könne zu diesem konkreten Fall keine Stellung nehmen. Sie betont aber, dass die Deutsche Botschaft in Kairo rund um die Uhr zu erreichen sei. Gleichzeitig räumt sie ein, dass erst seit Montag ein Team aus zehn Botschaftsmitarbeitern am Flughafen in Kairo sei, um die dort gestrandeten Deutschen zu betreuen. „Die Mitarbeiter tragen grell leuchtende Westen und sind für alle gut erkennbar“, so die Sprecherin des Amtes. Außerdem bestätigte sie, dass am Montag zwei Sondermaschinen der Lufthansa rund 700 Deutsche aus Ägypten ausflogen.

Österreicher leisten Nachbarschaftshilfe

Diese Maßnahmen kamen jedenfalls für Heinze zu spät. „Am Sonntag war ich schon sehr verzweifelt: Das Internet fiel aus, über die Systeme ließ sich kein neuer Flug buchen, und es herrschte große Verunsicherung.“ Rettung nahte in Form zweier österreichischer Botschaftsangestellter. Diese seien auf dem Flughafengelände für alle ansprechbar gewesen und boten der Deutschen unkomplizierte Nachbarschaftshilfe an. Auf dem Rollfeld habe eine Maschine der Austrian Airlines bereitgestanden, um österreichische Staatsbürger aus dem Unruhegebiet auszufliegen. „Die sagten mir, sie hielten 25 Plätze für andere Staatsbürger frei und boten mir an, mich nach Wien mitzunehmen.“ Ein Schreckensmoment folgte: Als sie den Flug mit den Österreichern bezahlen wollte, habe ihre Kreditkarte nicht funktioniert: „Ich dachte schon, jetzt muss ich doch dableiben!“ Aber die beiden Botschaftsangestellten haben sie beruhigt und ihr versichert, dass sie auch noch nach Ankunft in Wien bezahlen könne. „Ich verstehe nicht, weshalb die Österreicher so unbürokratisch Hilfe leisten und meine eigene Botschaft mich im Stich lässt“, ärgert sich Heinze.

Unterdessen beurteilte auch das Auswärtige Amt die Lage in Ägypten neu. In einer Pressekonferenz sprach Außenminister Guido Westerwelle (FDP) am Dienstag von einer Verschärfung der Sicherheitslage. Das Ministerium rät wegen der anhaltenden Unruhen jetzt dringend von Reisen nach ganz Ägypten ab. Das schließe ausdrücklich auch die Touristengebiete am Roten Meer mit ein, sagte Westerwelle in Berlin.

Die großen deutschen Reiseveranstalter reagierten auf die Verschärfung: Bis Mitte Februar bringen sie keine Urlauber mehr nach Ägypten. Die Reiseverträge werden von den meisten Anbietern aktiv gekündigt, sagte Torsten Schäfer, Sprecher des Deutschen Reiseverbandes (DRV), am Dienstag in Berlin. An eine Evakuierung aller deutschen Touristen, die sich derzeit bereits in Ägypten aufhalten, ist weiterhin nicht gedacht. DRV-Sprecher Schäfer begründete die Entscheidung auch damit, dass Versorgungsengpässe wegen der Unruhen nicht ausgeschlossen werden könnten. Aus diesem Grunde wolle man jetzt nicht noch mehr Gäste nach Ägypten bringen.

„Es sind weitere Sondermaschinen geplant, die deutsche Staatsbürger aus Ägypten ausfliegen“, kündigte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Dienstag an. Ein Krisenstab sei deswegen permanent in Kontakt mit den Fluggesellschaften, die noch Ziele in Ägypten anfliegen. Dazu zähle neben Lufthansa auch Air Berlin.