Als Bundeskanzlerin Angela Merkel am 15. September in Erfurt eine Rede hielt, war sie nicht allein auf der Bühne. Neben ihr standen die CDU-Vorsitzende von Erfurt, Marion Walsmann, die amtierende Vorsitzende der CDU Thüringen, Birgit Diezel, und die CDU-Kandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten, Christine Lieberknecht. Auch Libet Werhahn-Adenauer war auf das Podium geklettert, die Tochter von Konrad Adenauer. Um an dessen Wahl zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik vor 60 Jahren zu erinnern, reiste Merkel an diesem Tag einmal quer durch Deutschland.

Es mag Zufall gewesen sein, dass das männliche Geschlecht an diesem Tag und auf dieser Bühne in der Minderheit war. Trotzdem war es ein Symbol. Zu Adenauers Zeiten hatten weibliche Politiker Seltenheitswert, zumal in der CDU. Inzwischen ist die Politik weiblicher geworden, doch die Spitzenämter im Staat werden noch immer vor allem unter Männern aufgeteilt. Heide Simonis war bisher die einzige Regierungschefin eines Bundeslandes. Christine Lieberknecht ist nun auf dem besten Weg, ihr nachzufolgen. Am 30. Oktober soll sie der Landtag von Thüringen ins Amt wählen. Vorher, am kommenden Sonntag, wird Lieberknecht CDU-Landesvorsitzende. Angela Merkel war zwar schon 1993 Parteichefin in Mecklenburg-Vorpommern, und seit neun Jahren führt sie die Bundespartei. Doch man kann nicht sagen, dass sich die Männer in der CDU daran gewöhnt haben.

Lieberknecht sagt, es sei zwar ein wichtiges Zeichen, dass eine Frau Ministerpräsidentin werde, denn Frauen seien in politischen Leitungsfunktionen in der Minderheit. Für sie selbst aber habe die Frage, ob ein Mann oder eine Frau ein Amt bekleide, nie eine Rolle gespielt. Die Aufgaben, die sie zu erfüllen hatte, habe sie „selbstverständlich“ übernommen. Und doch will sie „als Frau für Frauen und mit Frauen zusammen“ Politik machen. Das zeugt von Selbstbewusstsein, aber auch von Bodenhaftung.


Geachtet von Freunden und Gegnern

Lieberknecht muss nicht mehr beweisen, dass sie Politik machen kann. Auf ihr neues Amt ist sie so gut wie kaum ein anderer vorbereitet. Sie hat die thüringische Landespolitik in den vergangenen 20 Jahren maßgeblich mitgestaltet. Sie war Kultusministerin, Ministerin in der Staatskanzlei, Landtagspräsidentin, Fraktionsvorsitzende und zum Schluss Sozialministerin. Sie hat sich im Landtag bei politischen Freunden und Gegnern Achtung erworben, auch innerhalb ihrer Partei ist sie angesehen. Im rauen Politikgeschäft ist das eine wirkliche Leistung. Man fragt sich, warum sie nicht schon viel früher eine (noch) wichtigere Rolle gespielt hat.

Eine echte Antwort darauf bekommt man weder von Lieberknecht noch von jemandem in der thüringischen CDU. Fest steht, dass die Partei in den vergangenen Jahren vor allem von den Männerfreunden des scheidenden Ministerpräsidenten Dieter Althaus dominiert wurde. Viele von ihnen stammen wie Althaus aus dem konservativen und katholischen Eichsfeld im Nordwesten von Thüringen.

Lieberknecht, eine evangelische Pfarrerin aus Weimar, gehörte nicht zu dem engen Kreis um Althaus, auch in der Partei stand sie nie ganz in der ersten Reihe, sie wollte es auch nicht. Weil aber die amtierende CDU-Chefin, Finanzministerin Diezel, jetzt Landtagspräsidentin werden wollte, ist der Weg für Lieberknecht an die Spitze der Partei nun frei. Vielleicht gelingt es ihr, der zuletzt arg monolithisch erscheinenden CDU in Thüringen etwas mehr Leben einzuhauchen. Ihre Mitarbeiter im Ministerium jedenfalls kennen ihren Satz auswendig, dass „Widerspruch im Gehalt inbegriffen“, also erwünscht ist.


SMS zwischen Diezel und Lieberknecht

Das Frauenduo Lieberknecht/Diezel war es, das sich vor nun sechs Wochen ein Herz fasste und handelte, als die Ereignisse in Erfurt aus dem Ruder zu laufen drohten. Nicht nur die CDU, sondern ganz Thüringen war überrascht, als Ministerpräsident Althaus am 3.September, einem Donnerstag, plötzlich seinen Rücktritt ankündigte. Er nannte keine Gründe, sondern verschwand wortlos in seinem Privathaus – um dann am Montag anzukündigen, doch wieder auf die politische Bühne zurückkehren zu wollen: Er müsse die Kabinettssitzung leiten. Selbst für seine besten Freunde war da eine Grenze erreicht, und Diezel und Lieberknecht begannen, sich Kurznachrichten auf dem Handy zuzuschicken.

Diezel war in Erfurt, Lieberknecht in Berlin, sie leitete dort die Gesundheitsministerkonferenz. Dort saß sie wie auf heißen Kohlen und hielt es schließlich nicht mehr aus. Sie übertrug den Vorsitz einem Kollegen, verabschiedete sich hastig und ließ sich nach Erfurt zurückfahren. Dort traf sie sich mit Diezel zum Vieraugengespräch im Finanzministerium, man bestellte beim Chinesen um die Ecke etwas zu essen und gegen 22 Uhr meldete die Deutsche Presseagentur, die amtierende CDU-Chefin Diezel habe Sozialministerin Lieberknecht als Nachfolgerin von Ministerpräsident Althaus vorgeschlagen. Wer an diesem Abend mit Lieberknecht telefonierte, hörte eine etwas aufgekratzte, aber erleichterte Frau. Sie hatte es getan.

Kandidatin war sie schon lange


Geduld sei nicht ihre Stärke, sagt Lieberknecht, aber wenn es darauf ankomme, könne sie warten. Schon lange galt sie als Nachfolgerin von Althaus, nicht erst nach dessen Skiunfall im Januar. Doch Lieberknecht zögerte. Sie wollte nicht vorpreschen, denn es wäre der zweite Ministerpräsident gewesen, dem sie aus dem Amt geholfen hätte. 1992 trat Josef Duchac zurück, der erste frei gewählte Regierungschef in Thüringen. Lieberknecht und andere Minister hatten ihn durch ihren eigenen Rücktritt zum Aufgeben gezwungen.

Sie sei mutig, sagt Althaus' Vorgänger Bernhard Vogel als Erstes, wenn man ihn nach Lieberknecht befragt. Vogel, der noch immer eine Autorität in der Thüringen-CDU ist, verweist dann darauf, dass Lieberknecht 1989 zu den Ersten gehörte, die in der Blockpartei CDU den Aufstand probten. Acht Jahre zuvor war sie beigetreten, doch erst im Wendeherbst sah sie die Chance, im sogenannten Brief aus Weimar politische Veränderungen zu fordern.

Schon als Schülerin hatte Lieberknecht Schulaufsätzen manchmal die Bemerkung hinzugefügt, der Text gebe die „Meinung der Arbeiterklasse“ wieder, aber nicht ihre persönliche. Negative Folgen hatte das für sie nicht. Ihr kirchliches Elternhaus – ihr Vater war Pfarrer – habe sie damals als Schutz empfunden, sagt sie. Ihr designierter Stellvertreter in der Regierung, der thüringische SPD-Chef Christoph Matschie, ebenfalls Theologe und ebenfalls aus einem Pfarrhaus stammend, machte da ganz andere Erfahrungen. Ihm wurde sein Wunschstudium in der DDR verwehrt.

Ihr Thema: Kampf gegen Kinderarmut

Lieberknecht ist erstaunlich uneitel, trägt das Herz auf dem rechten Fleck und kann vor allem auf andere Menschen zugehen. Darin unterscheidet sich die ehemalige Gemeindepfarrerin grundlegend vom Physiklehrer Althaus, der bisweilen autistisch anmutende Züge zeigte. Alle diese Eigenschaften haben sie auch beim politischen Gegner beliebt gemacht, zumindest persönlich. Politisch sind die Linke und Teile der SPD nun höchst beunruhigt. In dem knappen Jahr, in dem Lieberknecht vor der Landtagswahl Sozialministerin war, machte sie unter anderem den Kampf gegen Kinderarmut zu ihrem Thema und nahm damit den politischen Gegnern kräftig Wind aus den Segeln. Sie habe alle umarmt, sagt der thüringische Linke-Chef Knut Korschewsky respektvoll und besorgt zugleich.

Auch SPD-Politiker wie der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein, die sich gegen eine schwarz-rote Koalition aussprechen, befürchten nun genau das: dass diese Landesmutter die Sozialdemokraten in den Schatten stellt. Wenn es für Lieberknecht schlecht läuft, dann gelingt es Bausewein noch, die Koalitionspläne zu torpedieren. Der SPD-Parteitag, auf dem das geschehen kann, findet ebenfalls am Sonntag statt.

Die kommenden Monate und Jahre werden für Lieberknecht nicht einfach. Finanzielle Wohltaten sind in Thüringen nicht zu verteilen, im Gegenteil: Das Land wird immer weniger Geld aus dem Solidarpakt bekommen. Wohin genau die Frau an der Spitze die Regierung steuern wird, will sie noch nicht verraten, das werde sie erst in ihrer Regierungserklärung verkünden. Sicher ist nur, dass sie ihre neue Aufgabe wieder sehr ernst nehmen wird.

Als sie Sozialministerin wurde, hat Christine Lieberknecht in den ersten Wochen sogar im Nebenraum ihres Amtszimmers in Erfurt übernachtet. Die halbe Stunde Autofahrt zurück nach Hause zu ihren beiden Kindern und ihrem Mann, einem Pfarrer, hätte sie zu sehr aus der Arbeit gerissen, sagt sie. So aber habe sie spät ins Bett gehen und morgens um sieben wieder am Schreibtisch sitzen können. Sie freue sich auf die neue Aufgabe, sagt sie. Aber sie wisse, dass ihre persönliche Freiheit noch stärker eingeschränkt werde als bisher. Vielleicht ist das der ehrlichste Grund dafür, dass Christine Lieberknecht lange nicht Ministerpräsidentin werden wollte.