Late Night "Maybrit Illner"

Guttenberg und die Arroganz eines Medienstars

Wie viel Neid steckt in der Debatte um Guttenberg und die "Gorch Fock"-Affäre? Sicher ist, sein Verhältnis zu den Medien könnte ihm zum Verhängnis werden.

Schon wieder ist dem Glamour-Minister des Kabinetts eine Affäre auf die Füße gefallen. Kurz nach seinem Amtsantritt erst musste sich Karl-Theodor zu Guttenberg mit der Frage herumschlagen, wie es zum Beschuss eines Tanklasters in Kundus kommen konnte.

Deutschland wundert sich über Ekel-Mutproben auf dem Bundeswehr-Schulschiff "Gorch Fock". Wie viel Neid ist dabei, wenn der Verteidigungsminister, der schon als Kanzlerkandidat gehandelt wurde, nun unter Beschuss gerät, fragte Maybrit Illner ihre Talk-Gäste. Und wie viel eigenes Verschulden?

"Guttenberg wird mit anderen Maßstäben gemessen", nahm der außenpolitische Sprecher der CDU, Philipp Mißfelder, seinen Parteifreund in Schutz. Mit Maßstäben allerdings, die der Minister zum Teil selbst angelegt hat. So durfte sich Linke-Fraktionschef Gregor Gysi betont empört darüber geben, dass Guttenberg seine Frau und den Sat.1-Talkmaster Johannes B. Kerner mit auf seine Afghanistanreise nahm, was die Bundeswehr und damit letztlich den Steuerzahler 17.000 Euro kostete.

Und der Politikberater Michael Spreng lästerte genüsslich über Guttenbergs Auftritt auf einer Gala, frisch aus Afghanistan eingetroffen und noch in Bundeswehr-Klamotten – "obwohl in jeder Regierungsmaschine drei Anzüge hängen." Wer sich so gekonnt in Szene setzt und mit Hilfe von Medienauftritten einen so rasanten Aufstieg in der Politik schafft, so die Botschaft, muss sich nicht wundern, wenn auch die Missstände in seinem Amt besonders begierig aufgenommen werden.

Gerade sein Umgang mit den Medien ist es ja, worüber der Verteidigungsminister jetzt stolpern könnte: Dass er Journalisten vor den Abgeordneten informierte, als im Dezember ein Bundeswehr-Soldat in Afghanistan von einem Kameraden angeschossen wurde, oder dass er mit der Entlassung des Gorch-Fock-Kapitäns einem Zeitungsbericht zuvorkommen wollte, verstimmt nicht nur die Parlamentarier. "Man hat den Eindruck", sagte Spreng, "dass Guttenberg lieber selbst mit dem Wähler redet und das Parlament als störend empfindet." Dünnhäutig und arrogant sei der Minister geworden.

Schweigsam gibt sich auch die Bundeswehr selbst. "Es herrscht ein Geist von Unaufrichtigkeit und Unaufmerksamkeit", warf Ex-Soldat Jan von der Bank der Armee vor. Als er 1987 zur Besatzung der "Gorch Fock" gehörte, seien unter den 200 Besatzungsmitgliedern Diebstähle an der Tagesordnung gewesen – aber statt eine unbequeme Untersuchung einzuleiten, habe sich die Reaktion der Unteroffiziere auf ein lapidares "Pass doch auf deine Sachen auf" beschränkt. "Die Bügelfalte war ihnen wichtiger als die Untersuchung der Diebstähle", schloss von der Bank.

In der Zwischenzeit, da war sich die Talkrunde von Feministin Alice Schwarzer bis zur Guttenberg-Biografin Anna von Bayern einig, hat sich auch die Bundeswehr verändert. Von Planspielen gegen einen Feind im Osten hin zu einem bewaffneten Einsatz am Hindukusch, bei dem Soldaten sterben, verletzt werden oder traumatisiert zurückkehren. "Die Bundeswehr steht heute unter einem ganz anderen Druck – der eine oder andere ist darauf nicht vorbereitet", sagte Politikberater Michael Spreng.

Die Aufgabe eines Verteidigungsministers ist dadurch nicht leichter geworden. Kann ein Minister ein System aus Gleichgültigkeit und Verschwiegenheit wie bestimmte Bundeswehr-Einheiten überhaupt durchdringen? Ist es ihm schon als Verdienst gegenüber seinen Vorgängern anzurechnen, dass der Afghanistan-Einsatz jetzt offiziell "Krieg" heißen darf? "Seit der Verteidigungsminister da ist, ist der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan präsenter", hielt Alice Schwarzer zu Guttenberg zugute.

Außerdem: "Mir ist lieber, dass gehandelt wird", sagte die Feministin über die Entlassung des Gorch-Fock-Kapitäns Norbert Schatz. Auch das kann zu Guttenberg gut: "Er ist in solchen Fällen häufig impulsiv", hat seine Biografin Anna von Bayern beobachtet – ob in den Verhandlungen um die Opel-Rettung, die Entlassung des Bundeswehr-Generalinspekteurs Wolfgang Schneiderhan nach der Kundus-Affäre oder jetzt die Suspendierung von Schatz.

Die "Bild"-Journalistin sieht darin ein weiteres Erfolgsgeheimnis des Politikers: "Wenn ihn etwas stört, dann handelt er. Ich glaube, dass sich viele Menschen darin wieder erkennen."

Ob er sich dabei denn ausgerechnet von Journalisten beraten lassen müsse, fragte Maybrit Illner – schließlich sei die Entscheidung zu Schatz' Entlassung offenbar während einer Autofahrt mit einem Redakteur der "Bild"-Zeitung gefallen. "Ich glaube", konterte die Autorin, "jemand wie Guttenberg lässt sich generell nicht beraten."

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