Sun Hongjie

Der letzte Text eines getöteten Reporters

Er schrieb über die Brutalität der chinesischen Mafia – und musste mit dem Leben bezahlen: der Journalist Sun Hongjie. Morgenpost Online dokumentiert seinen letzten Text.

Foto: picture alliance / Photoshot

„Hätte ich doch nur gewusst, dass sie kommen, um mein Haus abzureißen. Ich hätte es mir drei Tage verkniffen, Gemüse zu kaufen.“ Voller Tränen in den Augen sagt Cai Yulan das. Es ist mittags, der 4. April, im Wohnviertel Ye Lintao der Stadt Kuitun. Cai Yulan steht vor den Trümmern ihres Hauses, das direkt an ein mit Blech eingezäuntes leeres Gelände angrenzte. Die eingestürzten Ziegelsteine haben die Beine eines schwarzen Hundes eingequetscht. Er lebt noch. Daneben liegen überall Möbel und Haushaltsgegenstände.

Cai Yulan ist 70 Jahre alt. Sie ist die Besitzerin des gerade abgerissenen Hauses. 1962 kam sie mit ihrem Mann von Henan nach Xinjiang Kuitun. Ihr Mann arbeitete für ein Transportunternehmen. Seit 20 Jahren wohnen sie in diesem Haus. Weil sie es von ihrer früheren Arbeitsstelle geschenkt bekamen, haben sie aber keine Besitzurkunde.

Um zehn Uhr früh verließ Cai Yulan am 4. April ihr Haus, um Gemüse zu kaufen. Als sie 15 Minuten später zurück kommt, ist das Haus schon abgerissen. Cai Yulan ist Hausfrau. Im Monat bekommt sie nur 100 Yuan Sozialhilfe. Anfangs hatte ihr Haus zwei Räume, später baute sie vier Zimmerchen an und vermietete sie. Davon konnte sie leben, nachdem ihr Mann vor zehn Jahren gestorben war.

Lan Yunfeng ist ein Verwandter von Frau Cai. Auch er wohnte in dem Haus. Er sagt mir, dass in den Trümmern noch seine Habenschaften und Gebrauchgüter stecken. “Ich weiß nicht, ob die mehr als 1000 Yuan Bargeld, die ich besaß, noch dort sind.“ Bekümmert sagt er. „Das Geld habe ich mir beim arbeiten verdient und gespart.“

Lan Yunfeng hat noch versucht, den Hund zu befreien. Er ist dabei in die Hand gebissen worden. „Da war noch ein zweiter Wachhund, der ist von den Trümmern erschlagen worden."

Ein Augenzeuge hat gesehen, wie zwei gelbe Abrisswagen das Haus von Cai Yulan einrissen, ganz schnell. Sie sagt: "In diesem Wohnblock lebten einst 40 Familien. Mein Haus blieb als letztes übrig, nachdem eine Immobilienfirma aus Kuitun das Terrain neu erschließen wollte." Sie hatte aber noch keinen Vertrag mit der Firma. Das war der Grund, warum sie noch da war. Die Immobilienfirma hatte vor Gericht auf Räumung geklagt. Der Entscheidungstermin sollte der 21. April sein.

Noch am Tag des Abrisses hat Cai Yulan Anzeige bei der Polizei erstattet. Ihre Kinder sind gekommen und haben ihr geholfen, ein Zelt neben ihrem alten Haus aufzuschlagen. Dort lebt sie, bis heute.

Diesen Text veröffentlichte Sun Hongjie am 6. April 2009 auf der Webseite Yaxin. Übersetzung: Johnny Erling

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