Bleiberecht abgelehnt

Das Abschiebeschicksal der Familie Khateeb

18 Jahre lang lebten die Khateebs in Deutschland – perfekt integriert. Jetzt soll die siebenköpfige Familie abgeschoben werden.

Foto: dpa

Hassan Khateebs Gesichtszüge sind wie eingefroren, als er ins Wohnzimmer schleicht. Da ist kein Glanz mehr in seinen grün-braunen Augen, die Lippen presst der 22-Jährige fest aufeinander. Stumm steht er ein paar Sekunden im Türrahmen und blickt aus dem Fenster. „Petition abgelehnt“, sagt er dann emotionslos. Seiner Familie kann er in diesem Moment nicht in die Augen schauen. Haitham (21), Amal (18), Yasmin (16), Sara (12) und Abdelhamid kauern auf dem ranzigen, beigen Sofa und starren ins Leere. Niemand antwortet Hassan, seine Mutter Najah (47) verlässt den Raum.

Am Donnerstagnachmittag hat der Petitionsausschuss des Hessischen Landtags die Petition „Dauerhaftes Bleiberecht für Hassan Khateeb und seine Familie“ abgelehnt. Damit droht der Familie mehr denn je die Ausweisung. Über 10.000 Menschen hatten im vergangen Jahr die Petition unterschrieben, bis zu der Entscheidung gestern wurde die Abschiebung aufgeschoben. Jetzt beginnt das Zittern aufs Neue.

Seit 1992 leben die Khateebs in der 30.000-Einwohner-Stadt Dietzenbach bei Frankfurt am Main. Aus einem Flüchtlingslager im Palästinensergebiet seien sie geflohen, gaben sie damals bei der Einreise an. Pässe hatten sie nicht, als politische Flüchtlinge konnten sie nicht abgeschoben werden. Seitdem leben sie von Sozialleistungen des Kreises Offenbach.

Seit Sommer 2006 sind die Behörden der Meinung: Die Khateebs sind in Wahrheit Jordanier und damit ausreisepflichtig. Vater Majed (48) wurde bereits 2007 nach Amman ausgeflogen, er lebt dort nun in einem Flüchtlingslager.

Ein Pilot weigerte sich, den Rest der Familie mitzunehmen. Der Anwalt der Familie, Reiner Thiele, sagt: „Die Ausländerbehörde hat nie Dokumente vorgelegt, die die jordanische Staatsbürgerschaft beweisen.“ Auch ein von dem Frankfurter Völkerrechtler Dr. Dr. Rainer Hoffmann erstelltes Rechtsgutachten besagt, dass die Khateebs faktisch Inländer sind. Trotzdem wurden mehrere Asylanträge der Familie abgelehnt.

Am Vormittag, als der Petitionsausschuss noch nicht entschieden hat, sitzt Hassan Khateeb in der Mensa der Frankfurter Goethe-Universität, an der er im dritten Semester Jura studiert. Selbst Uni-Präsident Werner Müller-Esterl hat sich hier persönlich bei der hessischen Landesregierung für Hassan eingesetzt. „Das bedeutet mir sehr viel“, sagt Hassan, der ein schwarzes Hemd, eine blaue Jeans und weiße Sneakers trägt – so wie tausende andere Studenten in Deutschland auch.

„Wir werden als Betrüger abgestempelt, als Bürger zweiter Klasse, als Ungeziefer. Das macht mich so wütend“, erklärt er und rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Dann beugt er sich nach vorne über den Tisch und sagt: „Man kann doch nicht nach Hause geschickt werden, wenn man da noch nie war. Welche Heimat meinen die?“ Hassans Augen strahlen, wenn er von seinem Traum erzählt: „den deutschen Pass in den Händen zu halten. Ich würde ihn mir einrahmen und über das Bett hängen.“

Vier von Hassans sechs Geschwistern sind in Dietzenbach geboren, sie dürfen sich als Geduldete nur im Regierungsbezirk Darmstadt bewegen. Yasmin und Mohamed besuchen die Realschule, beide sind Klassensprecher. Mohamed hat in dieser Woche seine Deutsch-Klausur zurückbekommen, eine Eins, als Einziger. Haitham beginnt im Oktober sein Wirtschaftsrecht-Studium in Darmstadt.

Und Hassan steht am Wochenende als Schiedsrichter für den Deutschen Fußball-Bund auf dem Platz. Nebenbei arbeitet er ehrenamtlich bei „Jugend ohne Grenzen“. Nach seinem Jura-Studium will er Richter werden. Alle sprechen perfekt deutsch, bei Hassan hört man sogar einen hessischen Akzent heraus. Man kann sagen, dass die Khateebs ein Musterbeispiel für gelungene Integration sind.

Dass ihre Zukunft trotzdem nicht gesichert ist, können vor allem die Jüngsten überhaupt nicht verstehen. „Ich rede oft ihnen, tröste sie und mache ihnen Mut“, sagt Hassan: „Ich kämpfe bis zum Geht-nicht-mehr.“

Seit sein Vater weg ist, trägt er die größte Verantwortung für die Familie. Mit seinem Anwalt spricht Hassan fast täglich, geht einkaufen, hilft seinen Geschwistern bei den Hausaufgaben und der Mutter beim Deutschlernen. Darf auch er irgendwann mal schwach sein? „Ich habe viele gute Freunde, denen ich meine Sorgen erzählen kann. Da kann ich mich einfach fallen lassen. Sonst würde ich verrückt werden.“

Während in Wiesbaden der Petitionsausschuss tagt, klingelt das Handy von Hassan fast im Minutentakt. Er nimmt ab und sagt dann immer das Gleiche: „Nein, ich weiß noch nichts. Ich melde mich.“ Später wolle er eine Rund-SMS an alle Freunde schreiben und sie abends zu einer großen Feier einladen – sofern denn alles gut läuft.

Hassan Khateeb faltet seine Hände und sagt mit ernster Stimme: „Ich weiß, dass wir den Staat bis jetzt viel Geld gekostet haben. Aber wir wollen arbeiten und Steuern zahlen. So würden wir doch alles zurückgeben.“ Dass es dazu kommt, ist nach der Entscheidung des Petitionsausschusses mehr als fraglich.

Der letzte Strohhalm, an den sich die Familie jetzt klammert, ist die Härtefallkommission. Die könnte ein humanitäres Bleiberecht aussprechen. Bis die Kommission sich mit dem Fall befasst, droht den Khateebs allerdings die sofortige Abschiebung. Anwalt Thiele hofft zwar auf ein „Gentlemen's Agreement“, nach dem die Familie bis zu einer endgültigen Entscheidung in Deutschland bleiben kann, aber eine Garantie gibt es nicht.

Als Hassan in Dietzenbach aus der S-Bahn steigt und die 200 Meter bis zu der kahlen Wohnung in einem Hinterhof einer Autowerkstatt geht, kennt er die schlechten Nachrichten noch nicht. Er bleibt einen Moment stehen, sieht sich um und sagt: „Das hier ist mein Zuhause. Meine Heimat. Ich gehe hier nie mehr weg.“

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