Bundesanwaltschaft

"Becker spielte zentrale Rolle bei Buback-Mord"

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Foto: dpa

Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft war die frühere RAF-Terroristin Verena Becker nicht nur Beteiligte am Mord von Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Sie habe „maßgeblich an der Entscheidung für den Mordanschlag" mitgewirkt. Die Bundesanwaltschaft hat Becker nun wegen Mordes angeklagt.

Die frühere Terroristin der Rote Armee Fraktion (RAF), Verena Becker, soll eine zentrale Rolle beim Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback 7. April 1977 in Karlsruhe gespielt haben. Zu diesem Ergebnis kommt die Bundesanwaltschaft.

In einer Erklärung schreibt die Behörde, Becker habe „maßgeblich an der Entscheidung für den Mordanschlag, an dessen Planung und Vorbereitung sowie der Verbreitung der Selbstbezichtigungsschreiben mitgewirkt“. Aufgrund dieser Einschätzung hat die Behörde Becker vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart „wegen Mordes an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, dem Kraftfahrer Wolfgang Göbel und dem Ersten Justizwachtmeister Georg Wurster“ angeklagt.

Bereits am 8. April war die Absicht der Bundesanwaltschaft bekannt geworden. Schon damals war klar, dass sich die Behörde gegen die Einschätzung des Bundesgerichtshofes stellte. Denn die Karlsruher Richter legen Becker nur eine Beihilfe zu dem Attentat zur Last und hoben deshalb den Haftbefehl gegen sie im Dezember 2009 auf. Daraufhin wurde sie aus der Untersuchungshaft entlassen.

Vor diesem Hintergrund sind die eindeutigen Verdächtigungen der Bundesanwaltschaft gegen Verena Becker überraschend. In ihrer Mitteilung leitet die Behörde den Mord an Buback und seinen Begleitern als das Ergebnis einer strategischen Planung der RAF-Spitze her. Ende 1975 habe sich die verbliebene RAF-Führung in einem Ausbildungslager der palästinensischen Terrororganisation „Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP)“ im Jemen zu einer neuen aktionsfähigen Gesamtgruppe zusammengefunden.

„Ihr vorrangiges Ziel war, die inhaftierten „RAF“-Terroristen freizupressen und Attentate auf Repräsentanten der ihnen verhassten Bundesrepublik zu begehen“, schreibt die Bundesanwaltschaft. Becker habe sich im März 1975 im Jemen aufgehalten und sich der neu formierten RAF angeschlossen. Ab diesem Zeitpunkt soll sie zur Führungsgruppe gehört haben.

Noch im Jemen habe sich die Gruppe entschieden, Terroranschläge auf führende Vertreter der Bundesrepublik Deutschland zu verüben. In diesem Zusammenhang wird Becker von der Bundesanwaltschaft als Rädelführerin dargestellt. „Den Auftakt dieser von der „RAF“ als „Offensive 77“ bezeichneten Anschlagsserie sollte die einstimmig beschlossene Ermordung des Generalbundesanwalts Buback bilden“, schreiben die Bundesanwälte.

Und weiter: „Die Angeschuldigte drängte bei den Diskussionen, die zu dieser für alle „RAF“-Mitglieder verbindlichen Entscheidung führten, nachdrücklich darauf, dieses von den inhaftierten „RAF“-Mitgliedern Baader, Ensslin und Raspe vehement geforderte Attentat zu verüben.“

Darüber sei Becker bei den konkreten Tatplanungen im November 1976 im Harz und zum Jahreswechsel 1976/1977 in Holland permanent dafür eingetreten, den Mordanschlag durchzuführen. Schließlich hätten zwei RAF-Mitglieder am 6. April 1977 den Ort des geplanten Attentats in der Karlsruher Innenstadt ausgespäht.

Den Tathergang beschreiben die Bundesanwälte so: „Am 7. April 1977 gegen neun Uhr lauerten zwei Täter des Anschlagkommandos dem Dienstwagen des Generalbundesanwalts mit einem Motorrad auf. An einer Ampel fuhren sie neben das Auto und schossen mit einem Selbstladegewehr mindestens fünfzehn Mal durch die rechten Seitenfenster auf die Insassen.

Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Fahrer Wolfgang Göbel starben noch an der Unfallstelle; Georg Wurster erlag seinen Schussverletzungen wenige Tage später. Die Täter flüchteten mit dem Motorrad zu einer Autobahnbrücke am Rande von Karlsruhe. Dort erwartete sie ein weiteres „RAF“-Mitglied in einem PKW, mit dem sie die Flucht fortsetzten.“

Etwa eine Woche nach der Tat bekannte sich die „RAF“ in mehreren gleichlautenden Schreiben zu der Tat. Auch an dieser „Selbstbezichtigung“ sei Becker „maßgeblich beteiligt“ gewesen. Am 3. Mai 1977 wurde sie zusammen mit dem „RAF“-Mitglied Günter Sonnenberg in Singen festgenommen. Dabei versuchte sie, mit dem bei dem Attentat eingesetzten Gewehr auf die beteiligten Polizisten zu schießen. Die Ergebnisse der folgenden Ermittlungen reichten damals für eine Anklage jedoch nicht aus.

Nachdem das Ermittlungsverfahrens am 9. April 2008 wieder aufgenommen worden war, ließ die Bundesanwaltschaft auch die Briefumschläge der Bekennerschreiben molekulargenetisch untersuchen. „Diese Untersuchungen, die erst in jüngerer Zeit kriminaltechnisch möglich geworden sind, ergaben, dass die Angeschuldigte maßgeblich an der Versendung der Selbstbezichtigungsschreiben mitgewirkt hatte“, schreibt die Bundesanwaltschaft.

Nach einer Reihe verdeckter Ermittlungen wurde am 20. August 2009 Beckers Wohnung durchsucht. Dabei stellten die Beamten persönliche Notizen sicher, die den Verdacht ihrer Mittäterschaft erhärteten.

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