Mexiko

Der beunruhigende Machtgewinn der Drogenbosse

Der Norden Mexikos ist fest in der Hand der Drogenmafia. Mit Schmiergeldern verschafft sie sich, was sie will. Und wer nicht spurt, der stirbt: Allein in der Stadt Ciudad Juarez gab es in einem Jahr mehr als 1500 Morde. Der Polizeichef wurde jetzt mit gezielten Tötungen zum Rücktritt gezwungen.

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Die Warnungen waren eindeutig: „Wenn Polizeichef Orduña nicht abtritt, wird jeden zweiten Tag ein korrupter Agent sterben.“ Das war am vorigen Mittwoch in Ciudad Juárez im Norden von Mexiko. Am Freitag wurden ein Polizist und ein Gefängniswärter erschossen. „Das waren die Ersten“, hieß es auf Zetteln, die neben den Leichen lagen. Stunden später beugte sich Major Roberto Orduña den Drohungen der Drogenbosse. Er trat zurück – als der zweite Polizeichef in weniger als einem Jahr, der das Handtuch warf. Ciudad Juárez ist die gewalttätigste Stadt Mexikos: 1600 der 5600 Morde im vorigen Jahr wurden dort verübt.

Die Grenzstadt zu den USA ist die Hochburg des Juárez-Kartells, das nicht daran denkt, sein lukratives Geschäft aufzugeben. Da mag Präsident Felipe Calderón den Drogenkrieg noch so laut verkünden, noch so viele Soldaten auf die Straßen schicken. Anfang der Woche erst hatten die Drogenkartelle in Ciudad Juárez und anderen Städten „Bürgerproteste“ gegen die Präsenz des Militärs organisiert.

Die Sicherheitskräfte geraten dabei schnell zwischen die Fronten. „Plata o plomo“ (Geld oder Blei) – so lautet die Alternative, vor die die Drogenmafia die Gesetzeshüter stellt. Die Korruption, die bis hoch in Justiz und Regierung reicht, ist ein altes Übel in Mexiko. Die Posten der Polizeichefs im Norden waren früher die beliebtesten, da man dort innerhalb kürzester Zeit Geld scheffeln konnte. Damals wurden derartige Geschäfte im Hinterzimmer abgewickelt. Die Politiker drückten die Augen zu, und in Mexiko blieb es relativ ruhig. Dieser Stillhaltepakt ist passé, seit die Partei der Institutionellen Revolution im Jahr 2000 nach 70 Jahren an der Macht die Präsidentschaftswahlen verlor. Damit gerieten die kolumbianischen Kartelle in der Heimat unter Druck und verloren zahlreiche Routen an die Mexikaner.

Seither ist die Lage unübersichtlicher geworden. Die Kartelle bekriegen sich untereinander, Einheiten von Elitesoldaten sind zu den Kartellen übergelaufen. Polizisten und Soldaten beschießen sich gegenseitig, wobei die eine Gruppe einen Drogentransport bewacht, den die anderen auffliegen lassen wollen. Dabei ist Mexiko längst nicht mehr nur Transitland, immer mehr Drogen werden hier konsumiert.