Afghanistan-Bericht

USA sehen Erfolge im Süden, Rückschläge im Norden

Washington vermeldet Fortschritte beim Militäreinsatz im Süden Afghanistans. Doch die US-Bürger sind kriegsmüde.

Rückschläge im Norden Afghanistans, Zugewinne an Boden und Sympathien im Süden, entscheidende Schwächen an der Grenze zu Pakistan: Die Schlüsse des ersten Fortschrittsberichts der US-Regierung seit Aufstockung der amerikanischen Truppen um 30.000 Mann sind uneinheitlich.

Die Erkenntnisse des Dokuments, das keine Zahlenangaben über das im Juli 2011 abzuziehende US-Truppenkontingent enthält, werden wegen der komplizierten Gesamtlage vom Weißen Haus eher heruntergespielt. Zumal zwei Berichte der US-Geheimdienste zu Afghanistan und Pakistan in diesen Tagen zu äußerst entmutigenden Befunden gekommen sind. Das US-Militär wie die Regierung verweisen allerdings darauf, dass die 30.000 zusätzlichen US-Soldaten erst im September einsatzbereit im Lande waren, während die Geheimdienste ihre Lageberichte Anfang Oktober zu verfassen begannen. Die Berichte der Dienste seien am Schreibtisch, fern der Fronten verfasst, wird betont.

Gleichwohl wächst der innenpolitische Druck auf Präsident Obama, vor allem aus der eigenen, zunehmend kriegsmüden Partei. Es gibt erste Drohungen von Kongressabgeordneten, die sich auf jährlich etwa 100 Milliarden Dollar belaufenden Kosten für den Feldzug nicht mehr ohne weiteres zu bewilligen.

Die Rebellen in der Fraktion haben zudem Rückhalt in der Bevölkerung: Eine aktuelle Umfrage von „ABC News“ und „Washington Post“ weist einen Rekord der Ablehnung aus: 60 Prozent der Befragten meinen, der Afghanistankrieg sei den Einsatz an Menschen und Geld nicht wert; sieben Prozentpunkte mehr als noch im Juli. Die Zustimmung zu dem längsten Krieg, den Amerika je führte, sank im selben Zeitraum um neun Prozentpunkte.

Die fünf Seiten lange, zur Veröffentlichung freigegebene Zusammenfassung des Fortschrittberichts zeichnet sich durch betont vorsichtige Wortwahl gegenüber Pakistan aus, obwohl die poröse Grenze mit ihren Schutzgebieten für Al-Qaida-Kämpfer zu den größten strategischen Problemen der Amerikaner zählt. Die Frustration scheint zwischen den Zeilen durch. Zwar habe es Fortschritte (nicht zuletzt durch Drohnen-Anschläge) bei der Eliminierung der Al-Qaida-Führung gegeben, und die Schutzräume auf pakistanischem Gebiet seien kleiner und weniger sicher.

Doch bedürfe „die Verweigerung von Schutzzonen für Extremisten entlang der Grenze der engeren Zusammenarbeit mit Pakistan“. Weniger gewunden hatte sich vor Tagen der ranghöchste US-Militär, Admiral Mike Mullen, Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff, nach einem Besuch in Pakistan geäußert. Mullen sprach von seinem starken Gefühl „strategischer Ungeduld“ mit der pakistanischen Regierung.

Laut dem Fortschrittsbericht finden sich die bedeutendsten Fortschritte in der Provinz Kandahar, dem südlichen Kernland der Taliban. Dort sei es durch die Offensive der Nato-Truppen gelungen, nicht nur Stammgebiete der Taliban zu erobern und symbolisch ihre Quartiere und Stützpunkte zu beziehen. Die massive Präsenz soll auch erheblich dazu beigetragen haben, die Unterstützung, Verpflegung und Beherbergung von Taliban durch das Volk zu unterbinden. Die Menschen wagten es erstmals, die Taliban zu ignorieren.

In anonym geführten Interviews bestätigten selbst Kommandeure der Taliban, dass es schwere Rückschläge in der Logistik, Finanzierung und in Gefechten, also in der militärischen Realität, gebe. Noch wichtiger für ist die Wahrnehmung der Bevölkerung, die beginnt, an eine dauerhafte Befreiung vom Joch der Taliban zu glauben. „Degrading the Taliban“, Taliban töten, schwächen, vertreiben, bleibt die Order für US-Kommandeure in den kommenden Jahren. Man sieht Fortschritte.

Beinahe das Gegenteil spielt sich laut dem US-Bericht im Norden Afghanistans ab, wo auch deutsche Soldaten stehen. Trotz einer Verdopplung der Nato-Truppenstärke nehme der Einfluss der Taliban zu und bewaffnete Banden, die angeblich im Namen der Zentralregierung kämpfen, terrorisierten die Bevölkerung.

Weder im Norden noch im Osten kontrolliert die Nato die Gebiete; auch nicht den berüchtigten „Narko-Drogen-Korridor“, durch den Ware und Geld der Druglords, schwer bewacht von Milizen, das Land durchquert. Die Korruption der Regierung Hamid Karsais sei unverändert verbreitet; allerdings betonen die Amerikaner das Phänomen nicht mehr so indigniert wie zuvor. Karsai zu demontieren, ohne eine Alternative zu haben, liegt nicht im Interesse der USA.

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