Blitzbesuch

Angela Merkel spricht von "Krieg" in Afghanistan

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei einem überraschenden Truppenbesuch in Kundus klare Worte für den Einsatz gefunden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zu einem Truppenbesuch in Afghanistan eingetroffen. Die Kanzlerin wurde von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und dem Generalinspekteur der Bundeswehr Volker Wieker begleitet.

Zu Beginn ihres Besuches sprach sie vor mehreren hundert Soldaten. „Wir haben hier nicht nur kriegsähnliche Zustände, sondern Sie sind in Kämpfe verwickelt, wie man sie im Krieg hat“, sagte sie. „Das ist für uns eine völlig neue Erfahrung. Wir haben das sonst von unseren Eltern gehört im Zweiten Weltkrieg.“ Das sei aber eine andere Situation gewesen, weil Deutschland damals Angreifer war.

Der Blitzbesuch Merkels wird vom Tod eines deutschen Soldaten überschattet, der kurz vor dem Eintreffen der Bundeskanzlerin am Freitag in der nordafghanischen Provinz Baghlan starb. Vor ihrer Ansprache erhoben sich die Kanzlerin und die Soldaten, um in einer Schweigeminute des Toten zu gedenken. Der 21-Jährige Hauptgefreite starb nach Merkels Worten bei einem „tragischen Unfall“.

Mit ihm kostete der Einsatz am Hindukusch bisher 45 deutsche Soldaten das Leben. Von ihnen starben 27 bei Anschlägen und Gefechten. 2010 kamen acht deutsche Soldaten bei Anschlägen und Gefechten in Afghanistan ums Leben – mehr als in je zuvor.

Merkel ist zum dritten Mal auf Truppenbesuch in Afghanistan - nach 2007 und 2009. Sie wollte sich persönlich ein Bild von dem Einsatz machen und selbst mit den Soldaten über ihre gefährliche Mission sprechen.

„Der Grund, warum ich auch hier bin, ist, Ihnen Dankeschön zu sagen“, betonte Merkel vor den Soldaten. „Wir wissen, dass das eine extrem gefährliche Sache ist und sich viele noch lange nach dem Einsatz damit rumplagen, was sie hier erlebt haben.“ Das militärische Engagement am Hindukusch diene auch der Sicherheit Deutschlands. „Ohne Sie könnten wir nicht so sicher leben, und das müssen wir den Menschen auch sagen“.

Zur ablehnenden Haltung vieler Bundesbürger zum Einsatz sagte die Kanzlerin:„Die Bevölkerung sieht diesen Einsatz zum Teil skeptisch, und trotzdem ist sie stolz auf Sie.“

Zuvor war Merkel begleitet von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, zum Ehrenhain im Feldlager gegangen. Dort wird der Toten des Einsatzes gedacht. Merkel sprach anschließend mit Soldaten, die an der Offensive im vergangenen Monat im Unruhedistrikt Char Darah beteiligt waren. In schweren Gefechten, die vier Tage andauerten, waren die Taliban dabei aus dem Süden des Distrikts vertrieben worden. Die Kanzlerin sagte zur Schilderung der Kämpfe: „Das ist etwas, was wir bisher nur aus Kriegsbüchern kannten.“

Während des Truppenbesuchs kam es im nordafghanischen Einsatzgebiet der Bundeswehr zu Gefechten mit den Taliban. In der Nachbarprovinz von Kundus, Baghlan, hätten Aufständische versucht, einen Polizeiposten zu überrennen, sagte ein Polizeisprecher. Sie seien zurückgeschlagen worden.

Zudem habe in der Provinz eine gemeinsame Operation der Internationalen Schutztruppe Isaf und afghanischer Sicherheitskräfte begonnen, sagte der Sprecher. Die Truppen seien zunächst auf keinen Widerstand gestoßen. Unklar blieb, ob deutsche Isaf-Soldaten an der Operation beteiligt waren.

ach dem Blitzbesuch in Kundus flog Merkel mit dem Hubschrauber weiter ins größte deutsche Camp am Hindukusch im nordafghanischen Masar-i-Scharif weiter, wo sie mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai und dem Kommandeur der InternationalenSchutztruppe ISAF, US-General David Petraeus, zusammenkam. Vor dem Treffen sagte Merkel, sie wolle mit Karsai über den Aufbau der Verwaltung und über die Korruption sprechen. „Die Fortschritte sind hier noch nicht so, wie wir uns das vorstellen.“