Ausblick

In Berlin ist 2011 (fast) alles möglich

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Hajo Schumacher

Foto: dpa / dpa/DPA

Schnee fällt auch noch im Juni, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gewinnt im Herbst die Berlin-Wahl und im Dezember verkehren Bundeswehrlaster auf den ehemaligen S-Bahn-Trassen. Ein bitterböser satirischer Ausblick auf das kommende Wahljahr.

Januar

Es schneit. Die S-Bahn fährt nach einem von einer hochrangigen Expertenkommission entworfenen Notfahrplan im Zwei-Stunden-Takt, allerdings nur auf der Strecke Alexanderplatz–Bahnhof Zoo. In Neukölln sind die Gehwege blitzblank, weil die Dealer glauben, das weiße Zeug könne man in Tütchen abfüllen und verkaufen. Die grüne Wahlkämpferin Renate Künast weiht auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ein Solarkraftwerk ein. Fraktionschef Volker Ratzmann meldet sich freiwillig, um die Solarpaneele vom Schnee zu befreien. In der Woche darauf verabschieden die Grünen einen „Aktionsplan Windenergie“. Klaus Wowereit stellt auf der Grünen Woche einen neuen Rekord im Wähler-Umarmen auf. Björn Böhning, Strategiechef der Berliner SPD, gibt bekannt, dass die Mittelstreifen der großen Straßen ökologisch bewirtschaftet werden sollen; unklar ist, ob mit Raps oder Schafherden.

Februar

Es schneit. Die S-Bahn fährt die Strecke Alex–Zoo nur noch zweimal am Tag. Neuköllns Dealer wundern sich über das Wasser in den Tütchen und sehen von weiterem Schneeschippen ab. Die grasenden Schafe auf den Mittelstreifen erweisen sich als Wahlkampfhit, weil sie beruhigend auf die Autofahrer im Stau wirken. Thilo Sarrazin präsentiert in drei übereinander gezogenen Wollpullovern sein neues Werk: „Deutschland schaufelt sich platt“. Nach Durchsicht zahlreicher Statistiken kann der Bestsellerautor nachweisen, dass Einwanderern aus dem arabischen Kulturkreis das Schneeschipp-Gen fehlt und die ganze Arbeit mal wieder an den Deutschen hängen bleibt. Millionen Berliner wollen das Buch kaufen, kommen aber nicht aus ihren Haustüren, weil niemand Schnee schippt. Sarrazin gründet die Partei „Deutsche Vita“ (DV), Motto: „Ja zum Döner, aber nicht in Berlin, jedenfalls nicht im Westen.“ Parteichef Sarrazin gibt siegesgewiss bekannt: „Wenn wir unter zehn Prozent bleiben, trete ich zurück.“

März

Es schneit. Windstille obendrein. Die Grünen vertagen ihren „Aktionsplan Windenergie“. Klaus Wowereit ruft die SPD zum „Tag des solidarischen Schneeschippens“ auf. Keiner kommt. Bevorzugte Ausrede: Rücken. Die Schafe auf den Mittelstreifen haben gelernt, dass sie von den Autofahrern gefüttert werden, wenn sie Männchen machen. „Keine artgerechte Haltung“, kritisieren die Grünen. Neueste Umfragen sehen die FDP bei 0,4 und die CDU bei 4,0 Prozent. Die Reinickendorfer Füchse werden Deutscher Meister, weil die gegnerischen Mannschaften nicht durch den Schnee zur Halle kommen und kampflos verlieren. Herthas Führungsriege lässt nachts Schnee rund ums Olympiastadion anfahren. Türkischstämmige Berliner versuchen, die DV mit Masseneintritten zu unterwandern.

April

Es schneit. Wowereit und Künast führen geheime Koalitionsgespräche im Tropical Island, werden aber von Gregor Gysi belauscht, der inzwischen als Alleinunterhalter im Kinderbecken arbeitet. Die Linkspartei wütet gegen „das West-Berliner Komplott“. Stimmt. Denn auch Berliner Liberale und die CDU verhandeln vertraulich – über eine Fusion mit anschließender Neuausrichtung. Der Plan: Gemeinsam gehen die beiden erfolglosen Parteien im neuen CSU-Ortsverband Wilmersdorf auf. Das Kalkül: Dann kommt wenigstens der neue Parteichef zu Guttenberg zum Wahlkampf und bringt womöglich die Stefanie mit. Endlich mal ein konservativer Kandidat, der keine Probleme bekommt mit dem Satz: „München ist die schönste Stadt Deutschlands.“ Sarrazins DV kontert mit dem Slogan: „Berlin ist die schönste Stadt der Türkei.“

Mai

Schneeschmelze. Die Grünen beschließen eilig das Strategiepapier „Neue Energie aus Wasserkraft“, bevor die Spree über die Ufer tritt. Wowereit schaut sich rasch noch mal die alten Schröder-Videos an und holt die Gummistiefel aus dem Keller. Aber Guttenberg ist schneller. Der Freiherr hat alle verfügbaren Landungsboote und Fotografen in die Hauptstadt beordert. Im Feinripp-Unterhemd hilft der Verteidigungsminister, Sandsäcke zu füllen. Gattin Stephanie schmiert Schrippen und gründet „Innocence in White“, eine Hilfsorganisation für Schneeopfer. RTL überträgt live. In den Umfragen schnellt die CSU Wilmersdorf auf Platz eins. Eberhard Diepgen und Frank Steffel erwägen ein Comeback. Ingo Schmitt erklärt in einer Pressemeldung: „Alles meiner Vorarbeit zu verdanken.“ Trotz zahlreicher Intrigen wird Guttenberg zum Spitzenkandidaten gewählt. Sarrazin beantragt ein Parteiausschlussverfahren für alle Mitglieder, die nicht nachweislich seit 200 Jahren im Westend täglich zur Kirche gehen, scheitert aber an den Stimmen der zahlreichen Neueintritte aus Kreuzberg.

Juni

Erneute Schneefälle. Die Grünen müssen eine „Nachhaltigkeitskonferenz zur Berliner Klimakatastrophe“ absagen, weil die Zufahrt zum Zeltdorf auf dem Schlossplatz nicht geräumt werden kann. Motorisierte Schneefräsen sind auf dem Konferenzgelände verboten, wegen der Treibhausabgase. Die Teilnehmer aus Alaska, mit dem Hundeschlitten angereist, genießen die Ruhe. Spitzenkandidat Guttenberg lässt eingeschneite Einwohner in Wittenau, Köpenick und Lichtenrade aus der Luft versorgen, was ihm ein weiteres Umfragehoch einbringt. Internet-Aktivist Sascha Lobo bekennt sich zum Freiherrn („Er hat die beste Website“) und klebt seinen roten Irokesen mit viel Gel windschnittig an den Schädel. Die Grünen gehen gerichtlich gegen die DV-Aktion „Ja zur Currywurst, Nein zum Döner“ vor. Der ungleich höhere Fleischanteil in der Currywurst bedeute massenhaft sinnloses Schweinesterben. Stephanie zu Guttenberg erklärt, dass sie eigentlich Vegetarierin sei und die Gulasch-Kanonen der Bundeswehr künftig nur noch mit Tofu beladen würde. Die Grünen fordern eine Tofu-Debatte. Nach Protesten von Schafschützern sieht die SPD davon ab, in Ost-Berlin Gratis-Currywurst aus Lammfleisch zu verteilen. Die Linkspartei triumphiert: „So billig lassen wir uns nicht kaufen.“

Juli

Überraschende Hitzewelle. Wowereit kämpft sich tapfer über die Sommerfeste der Laubenpieper und hört sich geduldig Klagen über das Wetter an. Zur Feststellung, dass früher alles besser war, erklärt der Regierende: „Da war ja Schröder auch Kanzler.“ Herausforderer Guttenberg hat ein sommerliches Tarn-T-Shirt angelegt, das allerdings Bindegewebsschwächen im Oberarmbereich bloßlegt. Der Spitzenkandidat gibt große Wahlversprechen ab: Das Bundesverteidigungsministerium werde nach Berlin umziehen, und zwar in die Tempelhofer Hallen. Außerdem werde sich Berlin für die Olympischen Winterspiele 2018 bewerben, falls die Bürger der Hauptstadt sich für eine CSU-geführte Regierung entschieden. Große Zustimmung von der Linkspartei. Nach ersten Berechnungen kämen 92 Prozent der künftigen Medaillengewinner aus Ostdeutschland. Dennoch Einbruch für Guttenberg in den Umfragen, denn Berlinleaks veröffentlicht ein Geheimprotokoll, wonach das Tempelhofer Flugfeld kostenlos für ein Fotoshooting hergegeben wurde: Stephanie zu Guttenberg will sich dort in einer neuen Uniform-Kollektion für Soldatinnen fotografieren lassen, die sie selbst entworfen hat. Sarrazins DV punktet mit dem Slogan: „Ja zum Schnauzbart, Nein zum Krummsäbel“.

August

Dauerregen. Die Wilmersdorfer Bürgerinitiative „Pro Olympia“ schüttet seit Wochen den Teufelsberg an der Südseite auf, um die nötige Höhe für eine alpine Abfahrtsstrecke zu erreichen. Das Kreuzberger Aktionsbündnis „Nolympia“ untergräbt den Teufelsberg an der Nordseite. Guttenberg erwägt, für die Fotografen wieder mal Sandsäcke zu füllen, um den wankenden Teufelsberg zu befestigen. Die Umfragen signalisieren ein Kopf-an-Kopf-Rennen: CSU Wilmersdorf, SPD, Linkspartei und Grüne liegen bei je 20 Prozent. Sarrazins DV wurde von den Umfragen nicht berücksichtigt, die Meinungsforscher erklärten einhellig, das Programm der DV zwar nicht gelesen zu haben, aber gleichwohl abzulehnen. Wölfe aus Brandenburg fallen in Zehlendorf ein, weil es hier so viele fette Schafe gibt. Die Frage, wie mit den Raubtieren umzugehen sei, bestimmt die heiße Phase des Wahlkampfes: Die Grünen plädieren für einen Tierpsychologen, der die Wölfe zur Rückkehr bewegt, die SPD gründet einen Arbeitskreis, die DV fordert: „Abknallen!“, und Guttenberg rückt mit Schützenpanzer und Betäubungsgewehr in den Grunewald vor. Die Gattin überlegt, eine Wohltätigkeitsgala zu organisieren, weiß aber noch nicht, ob für oder gegen Wölfe.

September

Guttenberg gewinnt die Wahl knapp vor der Linkspartei. Die Anhänger von SPD und Grünen haben den ersten Sonnentag seit Wochen am See genossen und das Wählen ganz vergessen. Die DV erringt 9,9 Prozent, weil viele Anhänger offenbar Probleme hatten, den Wahlzettel zu verstehen. Sarrazin tritt zurück, zum neuen DV-Vorsitzenden wird Özcan Mutlu gewählt, der keine Lust mehr hat, für die Grünen Debatten zu organisieren. Ost-Berlin dagegen wählt geschlossen links. „Drei Kandidaten aus dem Westen bedeuteten eine optimale Mobilisierung“, analysiert Gregor Gysi, der sich elegant („Ich würde nicht Nein sagen!“) als Bürgermeisterkandidat ins Spiel bringt. Wahlsieger Guttenberg bekommt keine Mehrheit zusammen.

Oktober

Es schneit. Die Koalitionsverhandlungen zwischen Harald Wolf und Freiherr zu Guttenberg ziehen sich. Die Linkspartei wehrt sich gegen Guttenbergs Pläne, Jörg Schönbohm als Berliner Verteidigungssenator zu installieren, der umgehend das Kanzleramt angreifen soll. Klaus Wowereit hat bei einem Sonderparteitag in Mannheim den SPD-Vorsitz von Sigmar Gabriel übernommen. Renate Künast wurde zur S-Bahn-Chefin gewählt und fordert eine Debatte über die künftige Farbe der letzten beiden Waggons, die noch im Einsatz sind auf der Strecke Bellevue–Zoo.

November

Es schneit. Berlin verzeichnet einen Geburtenrekord. Ursache ist der lange Winter zu Beginn des Jahres. Der Regierende Bürgermeister zu Guttenberg begrüßt die ersten jungen Männer in der Bushido-Kaserne in Tempelhof. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht für perspektivlose Teenager mit und ohne Migrationshintergrund wird von der großen Mehrheit der Berliner begrüßt. Die jungen Leute freuen sich über die schicken Uniformen und hoffen auf geladene Knarren. Doch stattdessen werden Netze zum Schafefangen und Schneeschaufeln verteilt, womit die Moral der neuen Truppe umgehend untergraben wird. Zahlreiche Krankmeldungen. Guttenberg erleidet einen Schwächeanfall, Gattin Stephanie organisiert umgehend eine Spendengala für Burn-out-Opfer.

Dezember

Es schneit. In Zartgrün umgespritzte Bundeswehrlaster verkehren auf den ehemaligen S-Bahn-Trassen. Wegen der Solarzellen auf der Ladefläche haben nur zwei Passagiere vorn beim Fahrer Platz. Mit den Worten „Diese Stadt ist unregierbar“ hat sich Freiherr zu Guttenberg nach Franken abgesetzt, nachdem sich die Wilmersdorfer CSU nach endlosen Intrigen zerlegt hatte. Wolfs Linkspartei, Mutlus DV und die SPD einigen sich auf Heinz Buschkowsky als Übergangs-Regierenden. In einer bewegenden Schnee-, Eis- und Tränen-Rede fordert der neue Regierende Bürgermeister die Bürger zum freiwilligen Schneeschippen auf. Große Zustimmung. Aber: Der Schnee bleibt trotzdem liegen.

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