Vor vier Wochen geriet die halbseriöse internationale Presse in einen Zustand fiebriger Erregung: Die Ehe von Nicolas Sarkozy und Carla Bruni, hieß es, stünde vor dem Ende. Der französische Präsident habe eine Affäre mit seiner Umweltstaatssekretärin Chantal Jouanno, seine Frau turtele derweil mit dem französischen Chanson-Star Benjamin Biolay, ja, sie habe mit diesem sogar schon in Thailand geurlaubt.
Die Story stimmte nicht, aber sie klang derart abenteuerlich, auflagenträchtig und typisch französisch, dass nicht nur die britische Boulevardpresse sie gerne geglaubt hätte. Die französischen Medien hingegen hielten sich hingegen auffällig zurück. Das Gerücht kursierte zuerst in der hysterie-fördernden Twitter-Sphäre. Dann landete es für kurze Zeit in einem Blog auf der Internetseite des „Journal du Dimanche“ (JDD). Es verschwand dort allerdings eigenartigerweise fast ebenso schnell wie der Mitarbeiter, der es dort platziert hatte, von der Honorarliste. Auch der verantwortliche Redakteur musste seinen Schreibtisch räumen. Der Chef-Redakteur des JDD, Olivier Jay, schrieb gar einen Entschuldigungsbrief an den Präsidenten, obwohl seine Zeitung das Gerücht nie gedruckt hatte.
In französischen Medien fand die angebliche präsidiale Ehekrise offiziell nicht statt. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn der Präsident etwas mit der 40 Jahre alten Staatssekretärin – einer Karate-Leistungssportlerin, die gerade noch einmal französische Mannschaftsmeisterin geworden ist – gehabt hätte. Und gleichzeitig die Präsidenten-Gattin mit der bewegten Vergangenheit sich mit dem Frauenhelden Biolay vergnügte, der kurzzeitig mal mit Chiara Mastrioanni verheiratet war – der Tochter von Marcello und Catherine Deneuve.
Sarkozy tat die Gerüchte bei seinem Besuch in London vor drei Wochen schlecht gelaunt als „Hirngespinste“ ab – was mancher schon vom Zuschauen erregte Beobachter als Indiz dafür wertete, dass doch etwas dran sein müsse. Britische Blätter versuchten ihren Verdacht zu erhärten, indem sie Bilder von Carla Bruni und Nicolas Sarkozy am Tag der Regionalwahl zeigten, bei denen dem Paar das Händchenhalten etwas missglückte. So weit so lapidar.
In den vergangenen Tagen jedoch erhielt die Geschichte eine Wendung, die das Zeug hat, sie in den Rang einer Staatsaffäre zu erheben: Offenbar glaubt man im Élysée-Palast die ehemalige Justiz-Ministerin und jetzige Europa-Abgeordnete Rachida Dati habe die Gerüchte gestreut. Anscheinend ist sogar der Geheimdienst eingeschaltet worden, um die einstige Star-Ministerin der Intrige zu überführen.
Am vergangenen Donnerstag berichtete das satirische Enthüllungsblatt „Le Canard Enchainé“, der Präsident habe Dati am Abend des 14. März dazu gezwungen ihren Dienstwagen - einen Peugeot 607 samt Chauffeur - und das Handy endlich abzugeben, sie sei schließlich keine Ministerin mehr. Außerdem ließ Sarkozy den Polizeipräsidenten Datis Personenschützer abziehen – während die EU-Abgeordnete in einer Talkshow saß. Grund für die Demütigung, so der Canard: „Der Staatschef verdächtigt die ehemalige Justizministerin, die Gerüchte über das Intimleben von Carla und Chouchou zu verbreiten, wenn nicht gar deren Quelle zu sein. Sie wird wohl nicht die einzige sein, aber bei diesem Thema versteht der Élysée keinen Spaß.“
Wie humorlos zumindest das Umfeld des Präsidenten bei dem Thema ist, wurde dann am Osterwochenende deutlich. Am Sonntag berichtete das „Journal du Dimanche“, dem Präsidenten läge ein „Geheimdienstbericht“ vor, der Rachida Dati als Urheberin der Gerüchte ausgemacht habe, deshalb sei sie bei Sarkozy endgültig in Ungnade gefallen. Obwohl sie Sarkozy einen Brief geschrieben haben soll, in dem sie ihn ihrer Loyalität versicherte. „Der Élysée antwortet Madame Dati nicht mehr“, beschreibt ein Sarkozy-Berater die Lage. Dati antwortete umgehend mit einer Erklärung, in der sie mit „Empörung“ gegen die Berichte mancher „Presseorgane“ protestiert, die sie für die Verbreitung „absurder und unzulässiger Gerüchte über das Privatleben des Präsidentenpaares“ verantwortlich machten.
Sarkozys Kommunikationsberater Pierre Charon äußerte derweil in einem Interview den Verdacht, hinter den Gerüchten stecke möglicherweise gar „eine Art organisiertes Komplott“ und vermutete, es könne sogar Geld geflossen sein. In welche Richtung, erläuterte Monsieur Charon allerdings nicht. Der Kommunikations-Profi kündigte jedoch an, man wolle der „Sache auf den Grund gehen“, damit sich „so etwas nie wiederholt.“ Deshalb unterstütze der Élysée-Palast auch die „Anzeige gegen Unbekannt“, die das „Journal du Dimanche“ inzwischen wegen „vorsätzlicher Eingabe gefälschter Daten“ auf seinen Internet-Seiten erstattet habe. Offenbar vermutet man im Umfeld des Präsidenten nicht nur Rachida Dati, sondern noch finsterere Mächte am Werk.
Ein namentlich nicht genannter Minister spekulierte vor einigen Tagen bereits im „Figaro“, für eine „Verschwörung“ spreche, dass die Gerüchte vor allem in Medien „in Großbritannien, Deutschland und der Schweiz“ verbreitet wurden, just in dem Moment, wo sich Frankreich anschickt, „im Jahr 2011 die Präsidentschaft der G-20 zu übernehmen. Und Sarkozys Rechtsanwalt Thierry Hertzog vermutete am Montagabend, die Gerüchte könnten gezielt fabriziert worden sein, um den „Präsidenten der Republik und seine Gemahlin zu destabilisieren.“
Möglicherweise hat sich also Rachida Dati mit nicht-französischen europäischen Spitzenpolitikern sowie mit interessierten Kreisen der britischen Boulevardpresse zusammen getan, um Frankreich und seinem Präsidenten durch fiese Gerüchte schweren Schaden zuzufügen. Möglich wäre aber auch, dass im Élysée-Palast gerade Paranoia schwer in Mode ist.





