Im italienischen 15. und 16. Jahrhundert hätte er gut und gern als Consigliere der Medici die Straßen von Florenz durchmessen können, das Antlitz der Macht verbergend hinter einem undurchdringlichen Lächeln. In der Tat pflegte er in jüngeren Jahren sich gerne auf Machiavelli zu berufen, die geistige Großmacht der Florentiner Renaissance. Im britischen 21. Jahrhundert stehen solche Positionen und Podeste nicht mehr zur Verfügung, aber das alte Spiel um Macht und Einfluss lässt an der Themse von Zeit zu Zeit Figuren hochkommen, die uns an vergangene Epochen der Geschichte erinnern und das Grau heutiger Politik hinter dem Farbenspiel ihrer Persönlichkeit vergessen machen.
Eine solche Figur ist Peter Mandelson, den man seit Oktober 2008, als Gordon Brown ihn als „Business Secretary“, als Minister für Wirtschaft und Unternehmertum, ins Kabinett berief, Lord Mandelson nennen darf, mit vollem Namen „Baron Mandelson of Foy in the County of Herefordshire and Hartlepool in the County of Durham“. Über Politiker vom Schlag eines Peter Mandelson sagt man gerne, sie stünden im Herzen der Macht. Das trifft den Baron of Foy and Hartlepool jedoch nur ungenau. Er steht nicht im Herzen der Macht – er ist ihr Herz. Ohne Peter kein Gordon mehr, ohne Mandelson kein Premierminister Brown. Der musste zuletzt die überragenden Fähigkeiten Mandelsons als Stratege und Kommunikator zu Hilfe rufen, um sich aus seiner Not vorübergehend zu befreien.
Man könnte eine Anleihe bei Oliver Cromwell machen und Mandelson Gordon Browns ganz persönlichen Lordprotektor nennen, mit Eigenschaften, die dem Premier abgehen: Flair in der politischen Darstellung, taktisches Geschick, kühle Entscheidungsfreude. Es war Mandelson, der in der Nacht zum 5. Juni, als Arbeitsminister Purnell, ein Hoffnungsträger der Blair-Erben, zurücktrat, die Lawine eines allgemeinen Abfalls von Brown zu verhindern wusste. Dabei ging er mit beherzter Methodik vor. Als Erstes überredete er seinen Dienstherrn zu dringend benötigter Nachtruhe an jenem späten Donnerstagabend, dem Tag der Kommunal- und Europawahlen. Dann installierte er sich im „War Room“ der Downing Street und ließ eine Telefonkampagne abrollen wie einen Gegencoup, bis in die frühen Morgenstunden.
Am Ende hatte er das Kabinett beisammen, das Brown im Laufe des Freitags verkünden würde, eine Liste mit lauter Ruhiggestellten, die noch wenige Stunden zuvor das Handtuch werfen wollten, mit der Folge eines allgemeinen Aufstands gegen den ersten Mann der Politik. Darunter auch Außenminister David Miliband, der sich vor wenigen Tagen nicht entblödete, nachträglich zuzugeben, dass er „darüber nachgedacht“ hatte, seinem Freund und Kabinettskollegen Purnell in den Rücktritt zu folgen.
Solche Konfession verkürzt den Regierungschef um eine weitere Sprosse, beleuchtet aber auch, mit was für einem Leichtgewicht es Mandelson bei Miliband zu tun hatte, dem Minister, der „fast mutig“ geworden wäre, wie ein Kommentator spottete.
London reibt sich noch immer die Augen, ungläubig Mandelsons Spiel bestaunend. Der langjährige Intimfeind Browns als sein heutiger Erretter: Was liegt hier vor? Geschichte, viel Geschichte, der tiefe Brunnen der Vergangenheit. Beide, Peter Mandelson und Gordon Brown, bilden neben Tony Blair und Alastair Campbell die Gründerväter von New Labour. Es war im Mai 1994, nach dem plötzlichen Tod von Labour-Führer John Smith, als Brown seinen Freund Mandelson, den anerkannten Parteistrategen, auf seiner Seite wähnte bei der Frage, wer Nachfolger werden sollte: er, Gordon, oder Tony.
Mandelson ließ den Schotten zunächst im Glauben, er werde ihn unterstützen – bis ihm die Erkenntnis dämmerte, die weitaus größere Ausstrahlung und damit die größere Aussicht auf Wahlerfolge liege bei Tony Blair, dem Teflon-Mann mit den gewinnenden Worten und dem nicht minder gewinnenden Lächeln. Brown und sein Lager sahen im Übertritt Mandelsons zu Blair nichts weniger als einen Akt von Hochverrat. Eine Feindschaft hub an, die über die Regierungszeit beider im ersten Kabinett Tony Blairs hinweg anhielt, ungebrochen bis vor einem Jahr – der berühmteste Zwist im Herzen von New Labour, auch die Urzündung der Dauerspannungen zwischen Blair und Brown.
Wo immer möglich, warf der Schotte einen Felsbrocken auf den Weg des Blair-Intimus Mandelson. Mit Erfolg schon Ende 1998, als der damalige Handelsminister über eine undeklarierte Freundschaftshypothek stolperte und das Kabinett verlassen musste. Zum zweiten Mal drei Jahre später, als der inzwischen zum Nordirlandminister ins Kabinett Zurückgerufene erneut hinauskomplimentiert wurde, weil er angeblich zwei indischen Milliardären und Sponsoren des Londoner Millennium Domes zu beschleunigter Abwicklung ihres Antrags auf einen britischen Pass verholfen hatte. Eine Untersuchung sprach Mandelson später zwar von allen Vorwürfen frei, aber sein Amt war er los, und beide Male dank der einflüsternden Assassinen im Brown-Lager, die Mandelson mit dem Hass ihres Chefs verfolgten.
Den ersten Spindoktor der britischen Politik hatte man ihn geheißen, schon damals, nach zunächst zwei erfolglosen Wahlkämpfen für Labour-Chef Neil Kinnock, 1997 und 1992. Meister der dunklen Künste öffentlicher Beeinflussung dann unter Blair, Magier der politischen Werbung, Architekt zweier Wahlsiege 1997 und 2001, „Prince of Darkness“ – solchermaßen gelobt wie geschmäht, stand Mandelson plötzlich in der Kälte, besiegt von den noch dunkleren Künsten seiner Gegner, dem Brown-Lager. Aber Blair fand für seinen ehrgeizigen Freund eine Lösung und gab ihm 2004 den britischen Sitz in der neu konstituierten Europäischen Kommission, wo sich Mandelson als EU-Handelskommissar für vier kommende Jahre seine Sporen verdienen konnte.
Sein Geschick als Drahtzieher im Dickicht des britischen Parteiengeflechts kam ihm dabei nur zugute, Fähigkeit im Meistern seines neuen Portfolios konnte ihm niemand absprechen – und Mut auch nicht, als er sich noch vor einem Jahr öffentlich mit Frankreichs Präsident Sarkozy anlegte, der ihm vorwarf, bei den EU-Handelsgesprächen zu sehr auf die reine Lehre des freien Marktes fixiert zu sein.
In Brüssel gewachsen, an Jahren gereift, ließ Mandelson (55) die alten Verletzungen allmählich hinter sich, während sich zu gleicher Zeit um Brown, den neuen Premierminister, die Krisen zu sammeln begannen wie lechzende Hyänen. In diesem Moment wuchs der Mann in der Downing Street über seinen aus enttäuschter Liebe gewachsenen Hass hinaus und besann sich der unersetzlichen Künste Peter Mandelsons. Dieser, nie versöhnt mit dem Abschied von der Londoner Bühne, ergriff seine Chance mit beiden Händen und schloss sich dem alten Feind vor einem Jahr an. Das nannte er selber in einem kürzlichen Interview freimütig „nicht einfach nur ironisch, sondern nahezu unvorstellbar“.
Lord Mandelson hat aber nur einen Rat aus Machiavellis oft missverstandenem „Il Principe“ befolgt: dass auf dem Weg zur Macht Gift und Dolch, wo es auch ohne diese geht, geradezu unpolitisch wären. Wie leicht hätte ein weniger politisch Denkender als er die Schwäche Browns in diesen Juni-Tagen nutzen können, süßer Rache nachzugeben und dem angeschlagenen Premier, mit dessen Ende man allenthalben rechnete, den Gnadenstoß zu versetzen. Eine größere Genugtuung winkte stattdessen: aus dem Feind von einst und jetzigen Kampfbruder einen politisch Abhängigen zu machen, der ohne ihn, Mandelson, nicht mehr regieren und dirigieren kann. Höchste Macht, mit den Mitteln eines kalkulierten Samariterdienstes erworben.
Die Belohung folgte auf dem Fuß. Mandelson darf sich jetzt mit einem selten verliehenen Titel schmücken, „First Secretary of State“, was praktisch einem stellvertretenden Premierminister gleichkommt. Gleichzeitig wurde er zum Lord President des „Privy Council“ ernannt, ein Scharnier zwischen der Exekutive und dem Staatsoberhaupt, der Queen. Schließlich wacht er über ein erweitertes Ministerium, dem jetzt auch die Bereiche Universitären, Innovation und Facharbeiter zugeschlagen wurden. Ist Blairs Hoffnung gar in Erfüllung gegangen, sein „Projekt“ sei erst dann vollendet, „wenn die Labour-Partei gelernt hat, Peter Mandelsohn zu lieben“?
„Prinz der Stabilität“ nennt er sich heute, mit dem Lächeln entspannter Genugtuung. Geliebt zu werden braucht er nicht, wo er aufs Höchste geachtet und beeindruckend in seiner Machtfülle dasteht. Ein Kardinal Wolsey der Moderne, „man würde sich gar nicht wundern, ihn morgen beim Aufstehen als Erzbischof vorzufinden“, wie Schattenaußenminister Hague mit süffisantem Witz bemerkt. Eine politische Wiedergeburt ohne Beispiel in der jüngeren Geschichte Großbritanniens.





