Energie

Merkel auf Reisen – Wie viel Wind braucht das Land?

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Wolfgang Heumer

Foto: dpa

Für Angela Merkel ist die Energiefrage Chefsache. Bis 2050 soll Windkraft die Hälfte der regenerativen Stromproduktion abdecken.

Eine kräftige Meeresbrise soll zur treibenden Kraft für die Energieversorgung in Deutschland werden. „Bis Ende 2020 werden auf hoher See Windmühlen mit zehn Gigawatt Leistung installiert sein“, schätzt der Geschäftsführer der Windenergieagentur Bremerhaven (WAB), Ronny Meyer, die rund 200 Firmen und Institutionen der Offshore-Windindustrie vertritt. Das entspräche der Leistung von etwa 15 konventionellen Kraftwerken.

Nach dem Willen der Bundesregierung soll die Windkraft 2050 die Hälfte der regenerativen Stromproduktion abdecken. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) macht deswegen Druck. Ende kommenden Jahres müssten mindestens zehn See-Windparks im Meer sein. Auch an Land, wo inzwischen mehr als 21.000 Anlagen mit einer Leistung von rund 26 Gigawatt stehen, gibt es für das Ziel genug zu tun. Alte Windräder sollen durch effizientere Anlagen ersetzt werden.

Dem Thema Windkraft widmet sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Auftakt ihrer „Energiereise“, auf der sie Röttgen zeitweise begleitet. Bei der Reise durch Deutschland will sich die Kanzlerin einen Eindruck über den Stand der Energieerzeugung sowie die Entwicklung verschiedener Energietechnologien verschaffen. Heute wird Merkel in Mecklenburg-Vorpommern erwartet. Dort ist eine Besichtigung des Windparks Ravensberg-Krempin vorgesehen, danach ein Besuch beim Rostocker Windkraftanlagen-Hersteller Nordex AG. Weiterhin schaut Merkel auf der viertägigen Tour bei der Leipziger Strombörse vorbei, bei einem Biomasse- sowie Gas-und-Dampf-Kraftwerk, bei einem Laufwasserkraftwerk und einem Energiehaus.

Mit Spannung erwartet wird angesichts der immer schärferen Debatte um die Zukunft der Atomkraftwerke ihre Visite beim Kernkraftwerk Emsland Lingen am Donnerstag der nächsten Woche. Nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub hatte Merkel Drohungen der Atomindustrie kritisiert, wegen der Brennelementesteuer notfalls Kernkraftwerke kurzfristig stillzulegen. Wenn Gespräche laufen, sei es nicht hilfreich, wenn irgendwelche Drohgebärden nach außen dringen, sagte ihr neuer Sprecher Steffen Seibert.

Die Industrie zeigte Verständnis für die Stromkonzerne. „Es ist etwas ganz Normales passiert, was auch jede Familie tun würde: Wenn ein Teil des Familieneinkommens wegzubrechen droht, dann muss man darüber reden, ob man die Ausgaben auch reduzieren kann“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Werner Schnappauf, in der ARD. Die Unternehmen hätten große Ausgaben, zum Beispiel bei ihren Investitionen in erneuerbare Energien. Schnappauf warf der Regierung vor, mit der Brennelementesteuer das Pferd von hinten aufzuzäumen.

Erst müsse das neue Energiekonzept stehen, „und dann kann man die Konsequenzen daraus ziehen“. Das Konzept müsse weiterhin Atomkraft einschließen. Die Industrie benötige wettbewerbsfähige Energiepreise. Schnappauf verlangte damit die Abkehr vom unter Rot-Grün beschlossenen Fahrplan, aus der Atomenergie auszusteigen. Diese „künstliche Verkürzung der Laufzeiten“ müsse zurückgenommen werden.

SPD und Grüne wiederum fordern den sofortigen Abbruch der Gespräche mit den Energiekonzernen. Die Brennelementesteuer dürfe nicht in Zusammenhang mit den Laufzeiten gebracht werden, sondern sie sei notwendig, „weil der Steuerzahler sonst aus seiner Tasche bis zu zehn Milliarden Euro bezahlen muss für die Sanierung alter, maroder Atommüllendlager“, sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel. Auch der Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, Fritz Kuhn, forderte das Ende der Verhandlungen. „Ich halte die Atomindustrie für nicht geschäfts?fähig“, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. „Mit Erpressern schließt man gemeinhin keine Verträge.“ Er könne Merkel „nur raten, von Geschäften mit solchen Partnern die Finger zu lassen“.

Ein Sprecher von RWE widersprach inzwischen, dass die Konzerne mit der Abschaltung gedroht hätten. Man hätte nur darauf hingewiesen, dass die geplante neue Steuer die Wirtschaftlichkeit der Anlagen gefährde. Die Frage der Wirtschaftlichkeit stellt sich auch bei Windanlagen. Offenkundig trauen die Banken dem neuen Markt nicht so recht. Um ihre Bedenken zu zerstreuen, will Umweltminister Röttgen Bundesbürgschaften in Milliardenhöhe bereitstellen lassen.