Emma sorgt für Gelassenheit. Besonders wenn Emma Hunger hat. Denn dann muss die gut fünf Monate alte Tochter der Grünen-Bundestagsabgeordneten Kerstin Andreae gestillt werden – und das beruhigt nicht nur die Kleine, sondern auch die Mutter. „Das Stillen verlangsamt den Wahlkampf auf wunderschöne Weise“, sagt Kerstin Andreae: „Egal was ansteht, ich muss mich immer wieder mal zurückziehen.“ Diskussionen oder Parteiabend laufen derweil weiter.
Wäre ja auch gelacht, wenn sie das in Freiburg nicht täten. Schließlich errangen die Grünen dort bei der Europawahl 32,5 Prozent und wurden bei der Kommunalwahl im Juni stärkste Fraktion. Da wird sich die Wahlkreisabgeordnete ja mal ausklinken können.
Daher darf man Emma, die sonst von Familienangehörigen umsorgt wird, bescheinigen, dass sie zu einem angemessenen Selbstverständnis der Grünen in Freiburg beiträgt: zu volksparteilicher Gelassenheit. Sie haben weder Hektik nötig noch die Dauerpräsenz ihrer baden-württembergischen Spitzenkandidatin.
Warum aber? Warum sind die Grünen im Südwesten auch außerhalb akademischer Viertel so stark, so tief verankert in bürgerlichen Milieus? „Als erstes muss man immer Wyhl nennen“, sagt die 1968 geborene Andreae und erinnert an den 30 Jahre alten Protest gegen das damals geplante Atomkraftwerk. Da regte sich rund um Freiburg nicht einfach Widerstand.
Es entstand eine Volksbewegung. Sie wurde in einem Land, wo Links-Rechts-Konfrontationen zwischen Kapital und Arbeit kaum Nahrung fanden, zum Sammelbecken aller, die Neues jenseits von CDU-Tradition und SPD-Modernisierung suchten. Das Grüne, das sich auch im Mutlanger Anti-Raketen-Protest zeigte, war weit mehr als eine Ansammlung politischer Positionen. Es wurde zur Identitätsklammer, zum Lebensgefühl – das sich heute in der „Solarhauptstadt“ Freiburg auch als ökonomisch rentabel erleben und am eindringlichsten im Quartier Vauban besichtigen lässt.
In der ökologischen Mustersiedlung auf einem ehemaligen Kasernengelände hat sich jungbürgerlicher Wohlstand in Niedrigenergie-Mehrfamilienhäusern eingerichtet, aus autofreien Spielstraßen blickt man auf begrünte Balkone, die CDU kämpft mit der Fünf-Prozent-Hürde.
Die Grünen aber veranstalten Spielplatzgespräche, zu denen sich Andreae mit einigen Müttern (und Vätern) neben Sandkästen setzt – und das Lebensgefühl pflegt. Um Bundespolitik geht es selten, meist spricht man über Kinder, Schule und wie Andreae das mit Emma hinkriegt. Kann man da von Spießigkeit reden? Nur, wenn man den Begriff auch auf CSU-Stände im Ingolstädter Speckgürtel anwendet.
Dies gilt auch deshalb, weil die Grünen in Freiburg genauso wie die Union in deren Hochburgen auf ihre Klientel Rücksicht nehmen müssen. So hatten sie in Vauban auf ihrem 60-Prozent-Niveau bei den letzten Wahlen Verluste hinzunehmen, weil eine Gewerbeansiedlung am Rand des Viertels antikapitalistischen Furor erregte, weil die Stadt unter dem grünen Oberbürgermeister Dieter Salomon die Wohnungsgesellschaft verkaufen wollte (und damit bei einem Volksentscheid scheiterte) und weil den Grünen die Hartz-Reformen angelastet wurden. Eine linksalternative Abspaltung kam bei den Kommunalwahlen auf knapp fünf Prozent, die Linke auf 7,8 Prozent.
Es ist ein Vorurteil, dass Grünes im Südwesten durchweg so realpolitisch ist wie die Spitze des Landesverbandes, wo der Landtagsfraktionschef Winfried Kretschmann die Partei vom Ruf des Linken gänzlich befreien will, wo die Oberbürgermeister Salomon in Freiburg und Boris Palmer in Tübingen auf Schwarz-Grün setzen und stets wirtschaftsfreundlich gedacht wird.
Nein, viele Grünen-Wähler dort fühlen sozialpolitisch links, hegen Reserven gegenüber dem Afghanistan-Einsatz und lassen sich an Klimaschutz-Eifer kaum übertreffen. Da müssen die Freiburger Grünen wegen Überfüllung des Saales 100 Interessierte heimschicken, die sich einen Diavortrag (!) über eine klimapolitische Fahrradtour (!) durch Afrika ansehen wollen. In Tübingen ist der Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann ein echter Öko-Radikaler, und wenn Parteichef Cem Özdemir nun in Stuttgart-Süd um ein Direktmandat kämpft, setzt er voll auf altgrünen Widerstand gegen das Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“.
Wohlweislich bezeichnet sich auch Kerstin Andreae, die als wirtschaftspolitische Fraktionssprecherin im Bundestag einen guten realpolitischen Ruf genießt, nur als „Soft-Reala“, die nicht vehement für Schwarz-Grün kämpfe und diese Koalition bloß für „immer noch besser als Rot-Rot-Grün im Bund“ hält.
„Am liebsten hätte ich Rot-Grün nur mit der SPD“, sagt sie pflichtschuldig. Die unverbiesterte Volkswirtin und Politologin gilt als ein bisschen konfliktscheu, vielleicht hat sie deshalb so lange gezögert, bis sie sich in Freiburg entschloss, um das Direktmandat für den Bundestag zu kämpfen.
Früher haben die Grünen dort immer den SPD-Kandidaten empfohlen, Staatsminister Gernot Erler. Doch jetzt hat sich Andreae aufgerafft, selbst offensiv für ihren Direkteinzug zu werben. Freilich hätte dies auch Streitlustigere Überwindung gekostet, hat doch der grüne OB Salomon, der sonst wenig von der SPD hält, wieder zu Erlers Wahl aufgerufen, aus alter Männerfreundschaft. Grün-Sein kann im Südwesten ziemlich kompliziert sein – wie es sich für eine Volkspartei gehört, wo mit der Masse auch das Konfliktpotenzial zunimmt.
Erränge aber Andreae in gut zwei Wochen das Direktmandat, dann hätte das für die Partei auch bundespolitisch hohen Symbolwert. Denn es würde zeigen, dass die Grünen nicht nur in linksalternativen Spezial-Wahlkreisen wie Berlin-Kreuzberg reüssieren, wo der Parteilinke Hans-Christian Ströbele der Wiederwahl entgegen geht – sondern auch in bürgerlicher Normalität. Mit einer Strategie das Ausgleichens, die einer größer gewordenen Partei eher gerecht wird.
Bislang tun ja viele Spitzen-Grüne, Linke wie Realos, so, als sei diese Partei etwas Kleines, das man flugs mal hierin oder dorthin drücken könne, nach links oder zur CDU. Hiergegen setzen Jüngere wie Andreae eine weitere Flügelspannweite. Sie spricht wohlwollend über die linksalternativen Lokal-Abweichler, sucht nach Kompromissformeln gegenüber katholischen Forderungen – und sucht zugleich das Gespräch mit Unternehmern aus der Region. Denn die sind, neben den Öko-Pazifisten, die andere Basis des grünen Erfolgs.
Junge Geschäftsführer von Automobil-Niederlassungen oder Bank-Filialen fühlen Andreae bei einem Treffen nicht etwa misstrauisch auf den Zahn, sondern reden von gleich zu gleich mit ihr, stimmen ihren Klagen über die Versäumnisse bei der ökologischen Modernisierung der Automobilindustrie oder der Kreditvergabe an den Mittelstand sofort zu – und finden Steuersenkungen nicht so wichtig.
Es ist, als habe man hier keine Lust auf die großen Fragen des Lagerwahlkampfes, Steuern rauf, Steuern runter, als werde das Bürgerliche ganz woanders gesucht, im Mittelstand, in Pragmatik, gewiss in den wärmenden Idyllen des sonnigen Südbadens, in Gutwilligkeit, manche mögen sagen: Gutmenschlichkeit, aber auch in der Erfahrung, dass soziale Freundlichkeit, haushälterisches Denken und Modernisierungsbereitschaft schon irgendwie funktionieren werden. Und sei es, dass man das nur so im Gefühl hat. Doch von was, wenn nicht von politischem Gefühl, zehren Volksparteien? Zu denen aber gehören die Grünen in Freiburg.
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