Ersatz für Koch

Union auf der Suche nach Konservativen

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Robin Alexander

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Angela Merkel braucht in ihrer Partei Flügelexponenten, neben denen sie liberal wirkt – wie Roland Koch. Die Suche gestaltet sich schwierig.

Doch, doch, es gibt noch Konservative in der CDU – auch nach dem Abgang des Hessen Roland Koch. Sie sehen nur nicht mehr so aus. Sondern so wie Younes Quaqasse. Der 20-Jährige stammt aus Marokko, glaubt an Allah – und hat als Bundesvorsitzender der „Schüler-Union“ am Samstag den Unionsnachwuchs in Mannheim versammelt: „Starke Werte, starke Wurzeln“, überschrieben die jungen Politiker ihr Treffen und forderten: nur christlichen Religionsunterricht, Kreuze in allen Klassenzimmern, Videoüberwachung auf Schulhöfen, Kopfnoten in Zeugnissen, Beibehaltung des dreigliedrigen Schulsystems – geht doch, seufzte mancher Altvordere.

Denn auch in der Welt der Erwachsenen haben die Modernisierer in der CDU verstanden, dass es so nicht weitergeht. In NRW bescherten streikende Stammwähler Jürgen Rüttgers einen Einbruch von zehn Prozentpunkten. Der Mitgliederschwund nimmt an Geschwindigkeit zu. Die Umfragen werden wöchentlich schlechter.

Nach der verlorenen Bundestagswahl hatte die Parteiführung noch eine Analyse des Wahlforschers Matthias Jung vorgelegt, die zu dem Schluss kam, traditionelle Wählerschichten, wie etwa kirchentreue Katholiken, seien als Wählerreservoir künftig zu vernachlässigen. Das würde heute im Konrad-Adenauer-Haus niemand mehr behaupten.

Und schon gar nicht im selten besetzten Büro der Vorsitzenden. Angela Merkel will eine Union, die im Kern anders tickt als zu Helmut Kohls Zeiten. In ihrem „inner circle“ im Kanzleramt duldet sie keinen Konservativen. Aber als „Außenspieler“ zur Austarierung der Partei wünscht sie sich durchaus Flügelexponenten.

Am liebsten solche wie den späten Roland Koch: mit gestutzten Ambitionen, aber intelligent, in schwierigen Missionen einsetzbar und so lustvoll den Hass der Linken auf sich ziehend, dass sie daneben liberal wirkt. Merkels Problem: So einen gibt es in der CDU zurzeit nicht.

Da ist etwa Stefan Mappus, der neue Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Er erinnert zwar habituell an Franz-Josef Strauß und würde gerne die konservative Planstelle einnehmen: Zuletzt fiel er jedoch durch Regulierungsphantasien über die Finanzmärkte auf („Ich bin für so ziemlich alles zu haben.“) und eine Rücktrittsforderung an den CDU-Umweltminister Norbert Röttgen, die ihn auch bei Sympathisanten disqualifizierte.

Christean Wagner, Kochs Fraktionsvorsitzender, ist zu alt und eigensinnig. Der junge Philipp Mißfelder ist zwar bekennender Kohlianer: Er findet aber auch die Krippenoffensive von Ursula von der Leyen ganz in Ordnung. Ähnliches gilt für Mike Mohring, den jungen Fraktionsvorsitzenden in Thüringen.

Tatsächlich können sich die CDU-Konservativen zurzeit nur auf ein Thema wirklich einigen: Die als Anbiederung empfundene Hinwendung zu den Grünen ist ihnen zuwider. Deshalb ist ausgerechnet die Atomkraft in den vergangenen Monaten zu einem konservativen Fetisch geworden: Mit einer Abkehr vom rot-grünen Atom-Ausstieg würden die Brücken zu den Grünen auf lange, lange Zeit verbrannt.

Hier könnten die Konservativen bald einen Erfolg verbuchen: Die Kanzlerin möchte die Atom-Frage noch vor der Sommerpause entscheiden. Viel spricht dafür, dass es nicht bei der vom grün-affinen Umweltminister Röttgen geplanten moderaten Laufzeiten-Verlängerung bleibt. Treibende Kraft dahinter ist ironischerweise Kanzleramtschef Ronald Pofalla – der Mann, der als Generalsekretär das Profil der Union bis zur Unkenntlichkeit glatt geschliffen hat.

Pofallas Nachfolger Hermann Gröhe umarmt derweil jeden Konservativen, der nicht bei Drei auf dem Baum ist: Am Samstag trat er brav bei den schwarzen Schülern in Mannheim auf, am Freitag nahm er sich zweieinhalb Stunden Zeit für den katholischen Parteirebellen Martin Lohmann, der Merkel schon einmal mit einer „Staatsratsvorsitzenden“ verglich.

Der Bedarf an solchen Streicheleinheiten wird wohl noch steigen. Denn Koch wird in der engeren Parteiführung erst einmal unersetzbar sein: Als stellvertretender Parteivorsitzender könnten dem Hessen entweder der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich oder der designierte hessische Ministerpräsident Volker Bouffier folgen.

Beiden hat die Kanzlerin über Mittelsmänner Hoffnung machen lassen. Tillich hätte die Ossis hinter sich, Bouffier einen mitgliederstarken Landesverband. Tillich ist aber kein Konservativer und zu leutselig-landesväterlich, um sich als einer zu profilieren. Bouffier ist konservativ, kann aber schon froh sein, wenn er sich langfristig in Hessen etabliert.

Die Stelle des rechten Leitwolfs bleibt also unbesetzt – erst einmal. Die Physikerin Merkel weiß: Nicht nur in der Natur, sondern auch in der Politik gibt es kein Vakuum. Wenn es tatsächlich noch Konservatismus in der Union braucht, wird sich mittelfristig auch ein satisfaktionsfähiger Konservativer finden.