Kommentar

Stalin-Kritik – Medwedjew grenzt sich von Putin ab

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Foto: dpa/pa

Josef Stalin steht in Russland noch immer für den Sieg über Nazideutschland und den Glanz des sowjetischen Imperiums. Die Greueltaten des Diktators werden vergessen, Stalin-Kritik ist in Russland kein populäres Genre. Dmitri Medwedjews klare Worte sind deshalb als ein deutliches Signal an Wladimir Putin zu verstehen.

Die weiße Marmorbüste Stalins thront immer noch auf dem Sockel über seinem Grab an der Kremlmauer. Immer noch pilgern Menschen dorthin, die den Diktator verehren. Stalin steht für den Sieg über Nazideutschland, der im „Großen Vaterländischen Krieg“ errungen wurde und in dem fast jede Familie der damaligen Sowjetunion Söhne und Töchter verloren hat.

Es gibt aber auch eine sogar wachsende Zahl von Stalin-Verehrern, die mit dem knappen Vierteljahrhundert seiner Herrschaft noch anderes verbinden: den Glanz des sowjetischen Imperiums, industrielle Großprojekte, architektonische Pracht und eine starke Hand, die für Ordnung sorgte. Das gute Väterchen, das alles beschützte und „Volksfeinde“ mit eisernem Besen entfernte.

Es ist daher keinesfalls selbstverständlich, dass Präsident Dmitri Medwedjew jetzt klar formulierte, dass es „keinerlei Rechtfertigung“ für den Mord an Millionen Menschen geben kann. Er kritisierte, dass es heute in Russland an Wissen, Mitgefühl und Interesse mangelt, wenn es um die Erinnerung an die blutige Geschichte des Stalinismus geht. 90 Prozent der Jugendlichen seien nicht in der Lage, Namen bekannter Stalin-Opfer zu nennen.

Medwedjews klare Absage an die grassierende Stalin-Nostalgie erschien auf seinem Blog anlässlich des Gedenktages für die Opfer der Repression. Die Organisation „Memorial“, die wichtigste Stimme der Antitotalitären in Russland, lobte die Erklärung als „wichtig und nötig“. Doch die unermüdlichen Geschichtsaufarbeiter von Memorial sind eine kleine Minderheit. Wenn es Medwedjew nur darum ginge, populär zu bleiben, hätte er nichts gesagt oder es bei ambivalenten Floskeln belassen wie Wladimir Putin.

Medwedjews Vorgänger und jetziger Ministerpräsident lobt oft und gern den Sieger des Zweiten Weltkriegs und räumt die Verbrechen nur widerwillig murmelnd ein. Das kommt auch ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Diktators wieder gut an. Nach einer kurzen Phase der Aufklärung in den Zeiten Gorbatschows und Jelzins wird Stalin in den Geschichtsbüchern erneut als großer Feldherr und Staatslenker verklärt.

Die Elogen auf den Diktator, für den in letzter Zeit sogar wieder Denkmale errichtet wurden, enthalten meist nur einen kurzen Hinweis auf übertriebene, aber wohl notwendige Repressionsmaßnahmen. Dass die Zahl der hingerichteten „Volksfeinde, Spione und Saboteure“ etwa 12,5 Millionen Menschen umfasst, darüber möchten viele in Russland lieber schweigen. Und dies ist nur die offizielle Zahl der Ermordeten. Viele Historiker sind auf wesentlich höhere gekommen. Auch die, die die Arbeitslager überlebten, und die, die verhungerten, weil die Bolschewisten den Bauern die gesamte Ernte beschlagnahmten, sind nicht mal mitgezählt.

Wie die Deutschen in den 50er- und 60er-Jahren werden viele Russen nur ungern an die Zeit des staatlichen Massenmordes erinnert. Das Thema ist auch in der privaten Erinnerung der Familien heikel. Denn oft saßen einige Verwandte im Lager, während andere für die Repressionsmaschine arbeiteten. Es gab keine klar abgegrenzten Opfergruppen. Jeder konnte nachts abgeholt werden. Selbst wenn er strammer Kommunist war oder sogar wenn er zuvor als treuer Diener der Staatsorgane andere bespitzelt oder ans Messer geliefert hatte.

Der Terror verseuchte die menschlichen Beziehungen und beschädigte das Gewissen jedes Einzelnen. Wenige, die überlebten, waren nicht verstrickt und blieben schuldlos. Die Scham darüber dauert bis heute an und wird mit den üblichen Abwehrmechanismen unterdrückt: Es kann nicht alles schlecht gewesen sein, es gab auch gute Seiten. Dazu kommt der berechtigte Stolz, im Zweiten Weltkrieg auf der richtigen Seite gestanden und gesiegt zu haben.

Stalin-Kritik ist kein populäres Genre in Russland. Umso höher ist es Medwedjew anzurechnen, dass er sich deutlich geäußert hat. Vielleicht auch ein Signal an Putin. Medwedjew stellt mit seiner Erklärung die Moral über den Populismus, die Wahrheit vor das machtpolitische Kalkül und grenzt sich damit von seinem Vorgänger und Ziehvater ab. Vielleicht war es ja auch als leiser Hinweis gedacht, dass rücksichtslose Autokraten vor der Geschichte nicht bestehen.

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