Kommentar

Migranten sind der neue Teil vom deutschen "Wir"

Eine Studie des Berlin-Instituts hat den Integrationsbemühungen vieler Einwanderer ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Doch sind Migranten wirklich selber schuld an der Misere? Jahrelang hat ausgerechnet der gut gemeinte Sozialstaat viele türkische Zuwanderer von der Integration abgehalten.

Missratener als die Integration vieler Migranten in Deutschland erschien jahrelang nur die Debatte über die missratene Integration. Das Dünnhäutige auf allen Seiten konnte im Nachgang zur Veröffentlichung der jüngsten Studie des Berlin-Instituts erneut beobachtet werden.


Herausgekommen war, dass sich Vietnamesen und Russlanddeutsche gut bis sehr gut integrieren, fleißig und selbstbestimmt ihren Weg gehen, während insbesondere türkische oder türkischstämmige Migranten im Durchschnitt als Sorgenkinder einer Gesellschaft gelten müssen, die erst langsam entdeckt, dass Zuwanderer Teil des neuen deutschen Selbstverständnisses sind.


Die türkischen Verbände maulten routiniert in Richtung der Mehrheitsgesellschaft und forderten mehr Förderung, während die türkische Zeitung "Hürriyet" die Datenfrische der Studie infrage stellte. Einmal mehr wurde deutlich, dass die türkische Zivilgesellschaft in Deutschland noch nicht die Sprecher und Repräsentanten hat, die sie verdient.


Die nämlich hätten deutlich machen können, dass die Türken keine homogene Gruppe von Migranten bilden, sondern eine sehr ausdifferenzierte, von denen vereinfacht ein Drittel außerordentlich gut integriert, eine Drittel akzeptabel und schließlich ein Drittel überhaupt nicht integriert ist.


Es ist ein Verdienst der "Tageszeitung" (taz), bei deren Lesern wohl einige der hartnäckigsten Verfechter angestaubter multikultureller Träume zu vermuten sind, ein ausdifferenziertes Bild der Lage zu zeichnen, in dem die Schattenseiten gegen die gelungenen Beispiele ausgespielt wurden.


"Die Schuld der Politik zuzuschieben ist einfach und nachvollziehbar", schrieb Cigdem Akyol dort, doch der Rassismusvorwurf verlöre "irgendwann seine Wirksamkeit". Das waren neue Töne. Auch bei jenen Politikern mit den eindeutig türkischen Vor- und Nachnamen gab es einige, die den Verklärungsschleier um ihre vermeintlichen Landsleute lüften wollten.


Wie immer waren es Multikulturnostalgiker, die in Foren und Interviews den Grund dieser Misere vor allem bei den Deutschen fanden. Natürlich nicht bei sich selbst, bei den guten, die einmal im Jahr auf dem Karneval der Kulturen fremden Ethnien gut gelaunt zuwinken und ansonst friedlich im Reihenhaus abseits aller sozialen Brennpunkte ihre Ideale gegen den Realitätssinn der Spielverderber verteidigen.


Spielverderber sind diejenigen, die in den Problemkiezen der deutschen Städte mit der Illusion eines multikulturell friedvollen Zusammenlebens aufräumen. Allen voran ein Sozialdemokrat nach altem Schrot und Korn wie der Neuköllner Heinz Buschkowsky, der als Arbeiterkind mit der Kirchentagsmoral seiner akademischen Genossen wenig anfangen kann.


Zu lange sind die Zuwanderer als Double ihrer Verteidiger in Stellung gebracht worden: als Gegner dieser Gesellschaft, mit der viele Multikulturalisten oft genug noch eine Rechnung offen hatten. Dies scheint sich zu ändern, auch weil deutlich wird, dass die Festschreibung der Opfer- und Außenseiterrolle bei Migranten zu selbst zerstörerischer Resignation geführt hat. Ausgerechnet der gut gemeinte Sozialstaat hat viele türkische Migranten von der Integration abgehalten.


Der für Arbeitsunwillige immer noch bequeme Sozialstaat verhilft zu Parallelgesellschaften, weil der Druck, sich – abseits des monatlichen Besuchs des Sozial- oder Arbeitsamts – mit dem Rest der Gesellschaft auseinanderzusetzen, gegen null tendiert. Dabei müssen die Einwanderer zu mehr Ehrgeiz ermuntert werden: Dafür gibt es in Musik, Film und in der Literatur einige Beispiele, doch noch viel zu wenige.


Die Fußball-WM 2006 hat deutlich gemacht, dass auch der Patriotismus ein Instrument der Integration sein kann: In jenem Moment, wo die Deutschen auch dem letzten Skeptiker zeigen konnten, dass ihr Verhältnis zur Nation nicht nur neurotisch ist, wuchs die Attraktivität, sich mit Schwarz-Rot-Gold zu identifizieren.


Die neue Normalität im Miteinander entsteht dann, wenn Gutmenschen nicht länger das Gefühl haben, sich schützend vor Migrationsversager stellen zu müssen, sondern anfangen, diese zu fordern. Gerne auch hart. Es wäre ein Zeichen, dass die Mehrheitsgesellschaft Migranten nicht mehr als Gäste oder Opfer begreift, sondern als Teil eines Wir , das für die Zukunft des Landes Verantwortung übernehmen muss.