Terror

Al-Qaida strebt ein Comeback im Irak an

Das Terrornetzwerk will pro-amerikanische Milizen abwerben. Offenbar mit Erfolg: Erste Überläufer gibt es bereits.

Foto: AFP

Wenige Wochen vor Abzug der US-Kampftruppen aus dem Irak umwirbt das Terrornetzwerk al-Qaida die Kämpfer der pro-amerikanischen sunnitischen Sahwa-Milizen. „Die al-Qaida strebt im Irak ein Comeback an, indem sie eine große Zahl der früheren sunnitischen Verbündeten dazu verlockt, sich ihr wieder anzuschließen", berichtete die britische Tageszeitung „Guardian". Dies gelinge vor allem deshalb, weil die Terrororganisation den Sahwa-Milizionären „mehr bezahlt als das monatliche Gehalt, das sie derzeit von der (irakischen) Regierung erhalten", heißt es in dem Bericht.

Die Sahwa-Milizen – auch bekannt unter dem Namen „Söhne des Irak" – waren 2005 entstanden, als das US-Militär dazu überging, sunnitische Widerstandskämpfer und al-Qaida-Kader abzuwerben. Die neu entstandene Formation wurde damals von den Amerikanern bezahlt und bewaffnet. Zeitweise erreichte sie eine Stärke von 100.000 Mann. Sie spielte eine wichtige Rolle bei der militärischen Stabilisierung des Iraks durch die US-Truppen in den Jahren 2007 und 2008. Danach wurde der Großteil der Sahwa-Kämpfer entlassen und der Rest der mehrheitlich schiitischen Regierung in Bagdad unterstellt.

Schlechte Bezahlung

Die noch bestehenden Sahwa-Einheiten versehen heute Sicherheitsaufgaben in den hauptsächlich sunnitischen Gebieten westlich und nördlich von Bagdad. Die sunnitischen Milizionäre klagen über schlechte und oft verspätete Bezahlung. Ihre Angehörigen sind häufig den brutalen Terrorakten der al-Qaida ausgesetzt, von der sie als Verräter betrachtet werden, während ihnen die schiitisch geführte Regierung zutiefst misstraut. Mit dem sich abzeichnenden Rückzug der USA aus dem Irak befürchten sie außerdem, ihre Schutzmacht in einem feindseligen Umfeld zu verlieren.

Die al-Qaida, die in den letzten Jahren ihrerseits schwere Verluste einstecken musste, nutzt nun offenbar diese Unsicherheit, um Terrain zurückzugewinnen. „Die al-Qaida hat hier ein enormes Comeback gefeiert", zitierte der „Guardian"-Bericht den Sahwa-Kommandeur Scheich Sabah al-Dschanabi aus Hilla, 100 Kilometer südlich von Bagdad. „Das ist mein Revier, und ich kenne jeden einzelnen Menschen, der hier lebt. Und ich weiß, wo die Loyalitäten liegen." Von seinen 1800 Fußsoldaten hätten 100 nicht mehr den Sold abgeholt – ein Zeichen dafür, dass sie zur al-Qaida übergelaufen sind.

Angebote und Drohungen

Der Sahwa-Kommandeur Scheich Mustafa al-Dschuburi, der die südlichen Bagdader Stadtviertel Dora und Dschabur kontrolliert, beklagte gegenüber dem „Guardian", dass seine Männer bis zu drei Monate ohne Sold geblieben seien. Das Terrornetz trete nun mit Geldangeboten und Drohungen an sie heran. „Die al-Qaida hat derzeit leichtes Spiel. Meine Männer sind von der irakischen Regierung enttäuscht, und es fällt ihnen leicht, sich den Terroristen anzuschließen", meinte Al-Dschuburi.

Der „Guardian"-Reporter sprach auch mit zwei langjährigen Sahwa-Milizionären, die von al-Qaida-Vertretern zum Übertritt überredet werden sollten. Beiden wurden mehr Geld, Waffen und Schutz versprochen. Irakische Regierungsbeamte bestritten hingegen gegenüber der britischen Zeitung, dass der neue Rekrutierungsanlauf der al- Qaida ein größeres Problem darstelle. Die diesbezüglich genannten Zahlen seien „übertrieben", behaupteten sie.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen