Karstadt

Mit Nicolas Berggruen kann alles gut werden

Der mondäne Unternehmer Nicolas Berggruen will Karstadt eine Zukunft geben und vermittelt glaubhaft, dass ihm das auch gelingt. Allerdings weckt Berggruen Sehnsüchte, die kaum erfüllt werden können.

Er habe bei Karstadt schon einmal etwas gekauft, er wisse nur nicht mehr was, sagt Nicolas Berggruen. Das kann gut sein, denn bei Karstadt gibt es alles Mögliche. Die Kaufhauskette ist der letzte große Gemischtwarenladen, der bis jetzt an dem Versprechen festhielt, die ganze Welt des Konsums unter einem Dach zu bieten. Karstadt mutet wie eine lebensweltliche Arche Noah der alten Wirtschaftswunder-Bundesrepublik an, in der ein bisschen von jedem Kram die Sündflut des Markenkults, der Individualisierung und der gesellschaftlichen Differenzierung zu überstehen suchte.

Wirtschaftlich drohte das Gefährt abzusaufen. Fast wäre es mit Karstadt so gegangen wie mit Neckermann, Horten, Hertie oder Quelle. Diese Namen sind Geschichte. Mit ihnen verbinden sich Erinnerungen nicht nur an märchenhafte unternehmerische Erfolgsgeschichten, sondern insgesamt an jene in der Rückschau durchaus auch märchenhaft erscheinenden goldenen Jahrzehnte des Rheinischen Kapitalismus, die den Deutschen einen beispiellosen Gewinn an Wohlstand und Wohlfahrt brachten. Im Konsum wurde die Teilhabe aller am wirtschaftlichen Erfolg greifbar. Er ebnete soziale und kulturelle Gräben ein. Ohne ihn und seine Warenhaus-Agenturen wäre die „klassenlose Mittelstandsgesellschaft“ als Chiffre der Selbstwahrnehmung der westdeutschen Gesellschaft nie entstanden.

Tempi passati. Schon lange strebt die Gesellschaft auseinander. Das merken die Volksparteien ebenso wie die Kaufhäuser. Das Sortiment, das Karstadt bietet als Schnittmenge eines moderaten, behäbig-bescheidenen, unauffälligen Lebenszuschnitts, es erscheint gestrig. Warum nur verguckt sich ein Globalisierungsnomade ohne festen Wohnsitz, ein in allen Weltmeeren heimischer Mann, ein Milliardär, der in den wilden Pionierzeiten des Finanzkapitalismus sein Vermögen machte, ein Dandy, der sich leichtfüßig im internationalen Jetset bewegt, in solch ein verpupptes Relikt einer versunkenen Ära?

Als nach einem monatelangen Nervenkrieg mit dem Immobilienkonsortium Highstreet um Mietnachlass für die Karstadt-Häuser der Kaufvertrag am Freitag endlich perfekt war, sagte Nicolas Berggruen Sätze, die zu einem kühl rechnenden Investor eigentlich nicht passen: „Karstadt wird jetzt ein sehr aufregendes Leben haben. Ich bin irrsinnig glücklich, dass ich dabei bin.“ Und dass er jetzt für Karstadt arbeiten wolle, versprach er. Alle 120 Filialen mit 25 000 Arbeitsplätzen sollen erst einmal erhalten werden. Belegschaft, Gewerkschaft und Bundesregierung liegen dem Retter zu Füßen. Eine Heuschrecke ist zum weißen Ritter mutiert, ein Mann von sagenhaftem Reichtum mit sagenhafter sozialer Verantwortung begibt sich in die Niederungen deutscher Fußgängerzonen und verbreitet dort Zuversicht und Glamour. Kann das wahr ein?

Nicolas Berggruen ist nicht dafür bekannt, dass er offenherzig seine Gefühle zeigt oder bereitwillig seine innersten Beweggründe offenbart. Er wirkt lässig und charmant, doch gleichzeitig unnahbar, als schwebe er über den Dingen. Da darf man schon fragen, was ihn in der Causa Karstadt so ungewöhnlich emotional werden lässt. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sich der Kosmopolit mit diesem Engagement so tief in deutsche Dinge verstrickt wie noch nie.

Von einer „Rückkehr“ nach Deutschland kann man nicht sprechen, denn Berggruen hat ja Deutschland nie verlassen wie sein Vater Heinz, der jüdische Kunsthändler und Mäzen, der von den Nazis vertrieben wurde. Nicolas wurde 1961 in Paris geboren, er wuchs in Frankreich, England und der Schweiz auf und ist in einem ganz realen Sinne überall zuhause. In Deutschland hat er nie gelebt. Er wohnt in Hotels und ist in seinem Privatflugzeug unterwegs. Er besitzt Immobilien auf der ganzen Welt, Reisfarmen in Kambodscha, Windenergiefirmen in der Türkei, die Anteilsmehrheit am spanischen Medienkonzern Prisa und vieles mehr. Sein Vater kehrte 1996 in seine Heimatstadt Berlin zurück und verkaufte, weit unter dem geschätzten Wert, seine bedeutende Sammlung von Werken der Klassischen Moderne an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Sammlung Berggruen, präsentiert in einem eigenen Haus, ist zu einem markanten Bestandteil der Berliner Museumslandschaft geworden.

In gewisser Weise folgte Sohn Nicolas den Spuren seines Vaters. Vielleicht sucht auch er Heimat. Jedenfalls knüpfte er immer engere Beziehungen zu Berlin, eröffnete dort ein Büro und gründete eine Immobilien-Holding, die sich vor allem in Berlin und Potsdam bei der Erhaltung und Entwicklung historisch oder architektonisch bedeutsamer Gebäude und Quartiere engagiert. Das findet in der Kulturszene der Hauptstadt Resonanz. Einer breiten Öffentlichkeit ist er dadurch aber nicht bekannt geworden.

Mit seinem Gebot im Karstadt-Insolvenzverfahren vor mehr als einem Jahr begann sich das zu ändern. Seine erfolgreiche Rettungsaktion macht ihn nun endgültig zu einer Figur der deutschen Politik und Gesellschaft. Wenn man bedenkt, wie entschieden dieser Mann sein Leben bisher unter das Gesetz persönlicher Autonomie gestellt hat, wird ein wenig verständlicher, warum er im Zusammenhang mit Karstadt so auffällig mit Vokabeln wie „aufregend“ oder „irrsinnig“ operiert. Die deutsche Öffentlichkeit wird nun jeden seiner Schritte beobachten. Gelingt es dem global player und playboy, das Karstadt-Schiff wieder flott zu machen, ein Stück gute alte Zeit in die Zukunft zu retten? Wird es, ausgerechnet im Dienstleistungssektor, wieder so etwas wie eine Betriebsfamilie geben, wie sie jene Verkäuferin erträumt, die nach der erlösenden Nachricht es als ihr Glück bezeichnete, ihr ganzes Berufsleben bei Karstadt zu verbringen?

Berggruen weckt Sehnsüchte, die kaum erfüllt werden können. Das vom Veränderungsstress geplagte Volk will endlich ein Exempel dafür, dass einmal auch alles wieder gut werden kann. Die deutschen Eliten aber, denen Berggruen zunächst wegen seiner Coolness imponiert, hegen tief in ihrem Herzen auch eine Heilungsfantasie, eine geschichtspolitische. Als Retter von Karstadt knüpft der Sprössling eines deutsch-jüdischen Elternhauses an eine Tradition an, die durch Vertreibung und „Arisierung“ gekappt war. Am Beginn der Geschichte des Warenhauses spielten jüdische Kaufleute eine herausragende Rolle. In die Freude über den Nachkriegserfolg von Hertie, Neckermann, Quelle und Co. mischte sich immer wieder der Gedanke an das Unrecht, das in die Fundamente dieses Erfolges eingemauert war. Wie gesagt: Tief verstrickt ist Berggruen nun in deutsche Dinge. Da darf er schon aufgeregt sein.

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