Bundesaußenminister Guido Westerwelle und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg haben die Äußerung von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin zu Juden scharf kritisiert. „Wortmeldungen, die Rassismus oder gar Antisemitismus Vorschub leisten, haben in der politischen Diskussion nichts zu suchen“, sagte Westerwelle (FDP) der „Bild am Sonntag“. Guttenberg (CSU) sagte dem Blatt zufolge: „Jede Provokation hat ihre Grenzen. Diese Grenze hat der Bundesbankvorstand Sarrazin mit dieser ebenso missverständlichen wie unpassenden Äußerung eindeutig überschritten.“
Der SPD-Politiker Sarrazin hatte in der Welt am Sonntag erklärt: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen“.
Auch der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat Sarrazin wegen dessen Äußerungen zu muslimischen Einwanderern scharf kritisiert. „Die Äußerungen Sarrazins sind unerträglich", sagte Koch der „Bild am Sonntag". Damit stelle er sich „völlig ins Abseits". Zwar spreche Sarrazin „durchaus vorhandene Probleme an, denen die Gesellschaft nicht ausweichen darf". Ihm selbst gehe es aber offenbar nur noch um „Verbalradikalismus und Tabubrüche", sagte Koch.
Sarrazin, der auch SPD-Mitglied ist, vertritt in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" die These, dass muslimische Einwandererfamilien überproportional von Sozialleistungen profitierten und keinen Beitrag zum Wohlstand leisteten. In dem Buch geißelt der 65-jährige die Einwanderungspolitik in Deutschland und warnt vor Überfremdung. Insbesondere beschäftigt er sich dabei mit dem Islam. Am Montag erscheint sein in Auszügen bekanntes Buch.
SPD-Chef Sigmar Gabriel und SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles legten Sarrazin wegen seiner umstrittenen Äußerungen einen Parteiaustritt nahe. Der Bundesbank-Vorstand kündigte allerdings an, SPD-Mitglied bleiben zu wollen.
Der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler verteidigte hingegen Sarrazins Thesen: „Auch wenn man ihm nicht in allen Punkten folgen muss: Zum Thema Überforderung Deutschlands durch Einwanderung haben sich Helmut Schmidt, Oskar Lafontaine und auch Rudolf Augstein schon härter geäußert.“
Der Publizist Henryk M. Broder hält die Kritik an Sarrazin für nicht gerechtfertigt. Er sagte der „Bild am Sonntag": „Ich bezweifle, dass alle, die Thilo Sarrazin jetzt so voreilig kritisieren sein Buch überhaupt gelesen haben.“ Broder weiter: „Es ist der erste Fall von Hexenjagd in Deutschland seit Mitte des 17. Jahrhunderts.“
Die Soziologin Necla Kelek, die Sarrazins Buch am Montag vorstellen wird, sagte: „Thilo Sarrazin leistet einen wichtigen Beitrag, indem er uns Muslime auffordert, über unsere Rolle in Deutschland zu reflektieren. Ihm Rassismus vorzuwerfen, ist absurd, denn der Islam ist keine Rasse sondern Kultur und Religion. Ich teile Sarrazins Sorge um Deutschland.“
Reuters/AFP/tma





