Roland Koch hat zuletzt einen Gutteil seiner Zeit damit verbracht, Abschiedsinterviews zu geben. Und in fast jedem bekam er die Frage gestellt, ob er eigentlich wehmütig gestimmt sei, angesichts seines politischen Endes. Die Gelegenheit, dem unnahbaren Analytiker einen gefühligen Satz abzutrotzen, ist nun einmal unwiderstehlich. Denn dann ringt der hessische Ministerpräsident, der sonst eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit geschliffen über eine erstaunlich breite Themenauswahl referieren kann, plötzlich mit den Worten. Und gebiert eine jener unvergleichlichen Roland-Koch-Formulierungen, die so rührend gewunden ausfallen. „Das ist natürlich kein selbstverständliches Ereignis für die eigenen Emotionen“, so hörte sich das beispielsweise an, als der scheidende CDU-Politiker jüngst in Wiesbaden seine Ergriffenheit kundtun wollte. Anlass war der Start zur wohl letzten Sommertour seines Lebens – zumindest als Ministerpräsident.

Eigentlich erübrigt sich die Frage nach seiner emotionalen Befindlichkeit aber, wenn man den 52-Jährigen dieser Tage beobachtet. Weniger als zwei Wochen vor dem Abtritt von der politischen Bühne wirkt Koch wahrlich nicht wie einer, der angestrengt eine Träne verdrückt. Der Privatier in spe ist im Gegenteil in Hochform und in Hochstimmung. Anders als Parteifreund Ole von Beust, der gestand, sich „ausgenudelt“ zu fühlen von der Politik, gibt Hessens scheidender Landesvater ausdrücklich den kraftstrotzenden Mann der Tat, der sich am Vergangenen ebenso freut wie auf die Zukunft. Aus einer 90-Stunden-Woche werde auch künftig sicher keine 40-Stunden-Woche, sagt er wiederholt. Sogar eine dicke Beule auf der Stirn demonstriert: Da ist einer immer noch in Hochgeschwindigkeit unterwegs.

Koch war tags zuvor in der Hessischen Staatskanzlei in eine Glastür gerannt. Die habe sich sonst immer von selbst geöffnet, sagt er, immer noch irritiert über den Zusammenstoß. Anscheinend kam die Technik mit seinem Tempo nicht mehr mit.

Was Koch in elf Jahren vom Politikthron aus bewegt hat, macht ihn ausdrücklich stolz, zu bereuen scheint er trotz Schuldenberg und Jugendkriminalitätsdebatte, trotz Doppelpass und Spendenaffäre wenig. Nicht alles, aber vieles würde er wohl genauso oder ähnlich wieder machen, so das Signal, der durchgängige Grundton dieser letzten Sommerreise quer durch Hessen: Seht her, was ich alles durchgesetzt und bewegt habe, und gegen welchen Widerstand! Die Privatisierung der Universitätskliniken von Gießen und Marburg, die neue Landebahn für den Frankfurter Flughafen, weniger Kriminalität durch moderne Polizeiüberwachung. Doch Polarisierer wie er, die unangenehme Themen ansprechen und den Schleier wegreißen, könnten sich nicht ewig oben halten im politischen Geschäft, argumentiert Koch. Daher sei nun die Zeit reif für Neues.

Ohnehin wirkte die Hessentour mit drei Dutzend Journalisten manchmal ein wenig, als absolviere Koch eine Art Casting für den einen oder anderen potenziellen Arbeitgeber, „Hessens Next Top-Manager“ sozusagen. „Schwerpunktprojekte“ nennt Koch die einzelnen Stationen der Fahrt, allesamt Vorhaben, an denen ihm während seiner Amtszeit besonders gelegen war. Und immer wieder gelingt es Koch an diesem Tag, irgendwie den Eindruck zu erwecken, als bekomme ohne ihn der Frankfurter Flughafen womöglich keine neue Landebahn und die Gießener Klinik keinen Helikopter-Landeplatz.

An der riesigen Baustelle am Flughafen, wo gerade die umstrittene Nordwest-Landebahn entsteht, stapft Koch begeistert mit polierten Lederschuhen mitten durch den Schlamm und erklimmt über eine schwankende Stahlleiter eine mächtige Brücke. Oben, wo Arbeiter gerade Beton in zahllose Eisengitter kippen, werden schon bald riesige Flugzeuge die Autobahn queren. Koch lässt sich den Nieselregen auf die Brillengläser sprühen, lauscht den Dankesworten von Flughafen-Chef Stefan Schulte für den jahrelangen Einsatz der Politik, macht eine gemächliche Drehung um die eigene Achse – meine Baustelle, könnte man seinen zufriedenen Gesichtsausdruck deuten. „Das hat mir emotional sehr gut gefallen“, lautet später sein Kommentar.

Selbst die Mittagspause nutzt Koch, um Souveränität zu demonstrieren: Er jagt die Journalisten zu McDonald’s. Dass er dort gern abends auf dem Heimweg einen Hamburger Royal verspeist, hatte schon vor Jahren Furore gemacht. „Ich bin ein leidenschaftlicher Hobbykoch, ich lebe nicht von Fast Food“, stellt Koch nun klar. Aber weil die Medien seine nächtlichen Ausflüge derart zugespitzt hätten, so Koch, entschied er sich, daraus Kapital zu schlagen: „Mit den Marken, die man bekommt, soll man leben.“

Nach der großen Verabschiedung am 30. August und dem Rücktritt einen Tag später stehen zunächst ein paar Tage Urlaub in „Südeuropa“ an, stärker ins Detail geht Koch nicht. Danach will er seinem Nachfolger Volker Bouffier ins Amt helfen, ihm wichtige Personen vorstellen, eine Ladung Tipps geben. Seinerzeit, beim Amtsantritt von Christian Wulff in Niedersachsen, habe er das auch getan, sagt Koch, Wulff sei mit einem Blatt voll Notizen von dannen gezogen.

Außerdem möchte Koch noch besser kochen lernen, vielleicht ein paar Tage in einer großen Gastronomieküche mitarbeiten, wie er dem Magazin „Bunte“ verriet. Und im Rahmen eines selbst verordneten „Resozialisierungskurses“ gedenke er zu lernen, wie man etwa Flugtickets aufs Handy lädt. Doch es ist unwahrscheinlich, dass er diese Kenntnisse wirklich braucht. Auch künftig wird Koch wohl ziemlich sicher jemand haben, der sich um seine Reiseplanung kümmert.