An diesen einen Termin erinnert sich Angela Merkel sicher noch immer gern: Es ist der 7. Juni des Jahres 2007. Eingerahmt von den acht mächtigsten Männern dieser Welt, sitzt die Kanzlerin in einem riesigen Strandkorb in Heiligendamm. Die Sonne strahlt, Angela Merkel auch – erst für US-Präsident George W. Bush. Dann bekommt auch der Russe Wladimir Putin ein Lächeln geschenkt. Die deutsche Kanzlerin ist an diesem Tag die Sonne, die von acht kleineren Planeten umkreist wird.
Wenn Merkel am Donnerstag zum Treffen der G-20-Regierungschefs nach Pittsburgh in die USA fliegt, hat sie 2007 sicher im Kopf. Die drei Tage von Heiligendamm verlebte Angela Merkel auf einem doppelten Gipfel. Dem mit den sieben anderen Staats- und Regierungschefs der führenden Industrienationen – und dem ihrer Macht. Nicht nur die Welt lag ihr damals zu Füßen. Auch die Deutschen, die mit der so kopfgesteuerten Kanzlerin emotional häufig wenig anfangen können, sind stolz auf sie: „Bild ernennt Merkel zur Miss World“, titelt Deutschlands größte Boulevardzeitung.
Keine drei Jahre später könnte Merkel ein neues Heiligendamm gebrauchen. Bis zur Wahl sind es noch drei Tage. Doch je näher der Termin am Sonntag rückt, desto unsicherer werden die Prognosen für die Union und das angestrebte Bündnis mit den Liberalen. Der Vorsprung der Bürgerlichen ist dahin, meldeten die Meinungsforschungsinstitute gestern. Mit ihrem leisen Wahlkampf, mit ihrer präsidialen Art, ihrem fast mütterlichen Umgang mit dem Konkurrenten SPD scheint Merkel den fast sicher geglaubten Sieg zu vertändeln – wieder einmal.
Es drohen vier weitere Jahre schwarz-roter Koalition. Pittsburgh könnte die Rettung sein: Merkels Konkurrent Frank-Walter Steinmeier ist als Außenminister nicht vor Ort. Merkel hat die werbeträchtigen Bilder vom roten Teppich inmitten der anderen Mächtigen also für sich – sieht man davon ab, dass Finanzminister Peer Steinbrück auch anreist. Für die Kanzlerin kommt es jetzt vor allem darauf an, dass sie auf Fotos und Filmen aus den USA möglichst oft in der Nähe des hierzulande so populären US-Präsidenten Barack Obama zu sehen ist.
In Pittsburgh ist Obama die Sonne, und Merkel könnte seine Strahlen gebrauchen – egal, wie wenig konkret die Ergebnisse sein werden. „Wir brauchen Regeln für die internationalen Finanzmärkte, und wir brauchen einen Export der Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft“, fordert die Kanzlerin. Als ob Briten und Amerikaner darauf warten, die betriebliche Mitbestimmung einzuführen.
Der britische Premier Gordon Brown setzte dem Ganzen die Krone auf, in dem er eine Weltwirtschaftsregierung forderte. Dabei können sich meist nicht einmal die Europäer auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Die Herrscher bauen Luftschlösser – auch weil sie sich nicht an konkreten Zielen messen lassen wollen. Und vermutlich wird ein Teil der Welt naiv Beifall klatschen, wenn sich einige dieser unrealistischen Träume dann im Abschlusskommuniqué wiederfinden.
Geradezu bescheiden wirkt da der eitle Nicolas Sarkozy aus Frankreich mit seiner für Angelsachsen kaum erklärbaren Idee, Bonuszahlungen von Managern feste Obergrenzen zu setzen. Merkel ist zumindest dafür, die Vergabe von Erfolgszahlungen streng zu reglementieren. Es ist ein Thema, das auf dem alten Kontinent Europa so populär wie kein anderes ist.
Gerade so, als hätten die hohen Boni für Banker allein die Krise verursacht. Noch wollen Amerikaner und Briten da nicht mit Merkel und Sarkozy an einem Strang ziehen. Wenn sich die vier aber bei diesem Thema am Ende zumindest auf ein Lippenbekenntnis einigen können, hat sich das Treffen für alle Beteiligten bereits gelohnt. Den komplizierten Rest kann Merkel der Bevölkerung daheim ohnehin kaum in 90 Sekunden im Fernsehen vermitteln, ohne die Wähler so kurz vor der Stimmabgabe zusätzlich zu verwirren.
Dabei weiß sie genau, dass es eben jener kaum erklärbare Rest ist, der über die Stabilität der Finanzmärkte entscheidet. Das Thema Eigenkapitalausstattung von Banken etwa eignet sich als Paradebeispiel, um die verzwickte Lage gut zwei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise zu schildern. Seit Monaten verhandeln Regierungsexperten darüber, ob und welchen Kredithäusern man künftig mehr Eigenkapital verordnet.
Eigenkapital ist ein Sicherheitspuffer, der Banken im Krisenfall ein längeres Überleben ohne Staatshilfe sichert. Würde Merkel das im TV erklären, schaltete spätestens an dieser Stelle der letzte Zuschauer weg. Wähler wechselten wegen des drögen Themas vermutlich das Lager. All die Probleme, die sich ergeben, wenn man ohnehin schwächelnden Geldhäusern härtere, derzeit kaum erfüllbare Sicherheitsvorschriften diktieren würde, bekämen die Zuschauer schon gar nicht mehr mit.
Für Merkel ist das gut. Denn viel Zeit, die Probleme dieser Welt zu lösen, hat sie in Pittsburgh nicht. Wenn sich die fachkundigen Beobachter nicht verrechnet haben, bleiben der Kanzlerin gerade 20 Minuten und 15 Sekunden an Redezeit – vorausgesetzt, alle Teilnehmer wollen gleich lang für ihre Vorhaben werben. Und darauf kann man fast wetten.
Bei vielen steht etwas anderes ganz oben auf der Agenda. Neben der Weltfinanzordnung sollen Energie- und Klimawandel sowie der freie Welthandel wichtige Themen des Treffens sein. Allein einer dieser Schwerpunkte reicht normalerweise für tagelange Diskussionen. Daher ist eines jetzt schon klar: Was die Regierungen bis heute Abend nicht in die Abschlusserklärungen aufgenommen haben, hat kaum Chancen, zum Ende am Samstag den Medien verkündet zu werden.
Seit Tagen wird um die Kommata im Text für die Abschlusspresseerklärungen gerungen – womit sich noch einmal die Eigenkapitalvorschriften erwähnen ließen. Vor 2010 soll vermutlich nicht festgelegt werden, ab wann die neuen Regeln gelten könnten. Wer von denen, die sich nicht täglich mit dieser Materie beschäftigen, wird das verstehen? Keiner, bis auf die wenigen Fachleute unter den 62 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland, wird Merkels Erfolg bei dieser Reise daher an wichtigen Detailregelungen messen. Was für ein Segen für die Kanzlerin. Das gilt vor allem, sollte man bei den Knackpunkten keine Lösungen finden.
An dieser Stelle kann man getrost an den ersten Weltfinanzgipfel in dieser Runde erinnern. Im November vor einem Jahr war es, als der scheidende US-Präsident Bush im National Building Museum in Washington versprach: „Wir arbeiten zusammen, um sicherzustellen, dass sich so eine Krise nicht wiederholt.“ Vom Klimawandel war damals noch nicht die Rede. Merkel aber dürften die neuen Themen gelegen kommen. Immerhin hatte ihr der Erfolg von Heiligendamm den Titel Klimakanzlerin eingebracht – etwas, woran sich auch viele Wähler gern zurückerinnern dürften.




































