Hier heißt sie nur „die Chefin“. Als die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Duisburger Mercator-Halle einzieht, bricht ein brasilianischer Trommelrhythmus los. Man schwenkt die Hüften und klatscht stürmisch. Merkel und die Frauen-Union (FU) der CDU – das ist ein augenzwinkerndes Einvernehmen, wie es auch in Wahlkampfzeiten sonst nicht überall in der Partei selbstverständlich ist.
In ihrer ungewöhnlich beherzten Rede lacht Merkel, grinst hintersinnig und macht Kunstpausen, die man nur macht, wenn man sich seines Publikums sehr, sehr sicher ist. „Ich werde hier getragen, und dafür danke ich herzlich“, hat die CDU-Vorsitzende den begeistert trampelnden, winkenden und „Angie“ skandierenden Frauen zugerufen. Ein typisches Beispiel für diese herzliche Eintracht ist das heiße Eisen der Antidiskriminierung: Über die Zustimmung der Union zu diesem Gesetz hat sich ein Teil der Partei monatelang in Krämpfen gewälzt. Es galt als Einstieg in den Sozialismus, man sah eine Prozesswelle auf die Wirtschaft zurollen, die das Land über kurz oder lang in den Ruin treiben werde.
Dieser Effekt ist ausgeblieben; das Gesetz, so eine CDU-Unternehmerin auf dem Podium in Duisburg, habe aber „Bewusstsein geschaffen“. Das gilt, nach Merkels Auffassung, auch für die CDU-interne „Quorumsregelung“, mit der sie selbst sich zuerst „sehr schwer getan“ habe. Ein Drittel aller Posten ab Kreisverbandsebene muss in der CDU mit Frauen besetzt werden. „Seitdem wird ein bisschen genauer geschaut, ob es da nicht vielleicht noch eine Frau gibt“, räumte die Kanzlerin ein. Bei anderer Gelegenheit hatte Merkel auch gesagt: „Ohne die Quote wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“
Dass man es mit einer CDU-Veranstaltung zu tun hatte, wurde dann oft mehr am Rande deutlich. Die Unternehmerin Christine Underberg bedauerte den Untergang hausfraulicher Fertigkeiten. Als sie eine Auszubildende in den Garten geschickt habe, um Petersilie zu holen, sei diese mit Grünkohl wiedergekommen. „Ist doch traurig.“
In den Reihen der Delegierten hörte man neben Kommentaren zum Geschehen auf der Bühne auch gelegentlich private Dinge, die man bei den Grünen niemals hören wird: „In der Küche bei mir, watte da gesehen has, dat Holz, dat is Nussbaum!“ Angela Merkel bekannte sich zu den Fertigkeiten des Kuchenbackens und Gänsebratenzubereitens. „Ist doch totaler Humbug, dass man nach einem Studium so was nicht mehr können soll.“
Man sieht sich bei der Frauen-Union nicht mehr als das „Faltenrockgeschwader“ früherer Zeiten, will aber durchaus mit der Macht von 134.000 Mitgliedern (Frauen, die in die CDU eintreten, sind automatisch FU-Mitglieder) ein Gewicht in der Partei darstellen. Zu Recht: Nicht nur sind 52 Prozent der Wahlberechtigten weiblich, die Frauen- und Familienpolitik ist unter der Regierung Merkel zur Chefinnensache avanciert. Es wäre schon seltsam, wenn das im Verhalten der Wählerinnen gar keinen Niederschlag fände. In aktuellen Umfragen sind 65 Prozent der Frauen für Merkel, und 59 Prozent der Männer (für den SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier sind es 20 respektive 25 Prozent).
Das war 2005 noch völlig anders. Der Bonus Merkels bei den Frauen, so die Politikwissenschaftlerin Brigitte Geißel, sei im Laufe der Zeit „über ihre Leistung“ entstanden. Dass eine Frau den G-8-Gipfel leite, darauf seien viele stolz. „Deutschland wirkt dadurch modern.“
Die Frauen-Union rechnet sich an, mit dem Elterngeld, speziell mit den Vätermonaten, den Männern einen Weg zur Selbsterweiterung eröffnet zu haben. Die Juristin Zümrüt Gülbay-Peischard, Deutschlands jüngste Juraprofessorin, berichtete von den schiefen Blicken, die ihr Mann bei seinem Arbeitgeber, „einer großen deutschen Bank“, geerntet habe, als er sich drei Monate um seine Tochter habe kümmern wollen.
In der „Duisburger Erklärung“ fordert die Frauen-Union zudem neben „vergleichenden Lohntests“ nach Schweizer Vorbild ein beitragsfreies Kindergartenjahr, eine Qualitätsoffensive für Erzieherinnen, ein Familiensplitting und ein Teilelterngeld. Gegen Genitalverstümmelung in Deutschland müsse energischer vorgegangen werden – das hätte man wohl vor zehn Jahren bei der CDU so auch nicht gehört.
Man hat den Radius des Mitfühlens erweitert – was wohl nicht zuletzt mit der Arbeit der Integrationsbeauftragten zusammenhängt, die zugleich Vorsitzende der FU ist. Maria Böhmer wurde in Duisburg mit 96,4 Prozent der Stimmen wiedergewählt. „Die hat sich reingefunden in ihr Amt“, war der zufriedene Kommentar. „Früher war sie nicht so selbstbewusst, hat sich nichts getraut.“ Und auf die Frage einer Journalistin, welchen Rat Angela Merkel aufstrebenden Frauen geben würde, die sich in Männerwelten zurechtfinden müssten, sagte die: „Man sollte man selbst sein. Authentizität ist Trumpf.“
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