Harald Christ ist die schillerndste Persönlichkeit im Schattenkabinett von Frank-Walter Steinmeier: Der 37-Jährige, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt, ist Finanzinvestor und mehrfacher Millionär. Für Irritationen sorgte, dass er kürzlich mehrere seiner Internetauftritte löschte.
Morgenpost Online: Herr Christ, wo bleibt in Steinmeiers „Deutschlandplan“ der Mittelstand?
Harald Christ: Der wird auf breiter Front von der Umsetzung dieser Vorschläge profitieren. Die Industrie besteht doch nicht nur aus Großunternehmen.
Morgenpost Online: Das SPD-Parteiprogramm widmet dem Mittelstand gerade mal zwölf Zeilen, auf Seite 4.
Christ: Das Parteiprogramm enthält auch an anderen Stellen substanzielle Aussagen zu den Belangen des Mittelstands.
Morgenpost Online: Sie haben eine von Ihnen betriebene Seite aus dem Internet genommen, auf der Sie ein eigenes Haus in Südafrika inklusive Butlerservice anboten. War die Seite nicht sozialdemokratisch genug?
Christ: Wer sich für eine Aufgabe im Kompetenzteam zur Verfügung stellt, wird zur öffentlichen Person. Das kann auch nicht anders sein. Aber es muss Grenzen geben. Sie liegen da, wo die Privatsphäre beginnt. Mit SPD-Gesichtspunkten hat das nichts zu tun, mit Geheimniskrämerei schon gar nicht.
Morgenpost Online: Wie gedenken Sie, sich im Wahlkampf zu dem Senkrechtstarter Karl-Theodor zu Guttenberg zu stellen?
Christ: Auf gleicher Augenhöhe.
Morgenpost Online: Was halten Sie von ihm?
Christ: Seine Leistung als Familienunternehmer mögen andere beurteilen, da halte ich mich zurück. Als Politiker zeigt er ein hoch entwickeltes PR-Talent.
Morgenpost Online: Warum sind Sie, der Multimillionär, Sozialdemokrat?
Christ: Vergleichen Sie mal Guttenbergs bisherigen Lebenslauf und meinen. Er ist mit dem goldenen Löffel aufgewachsen, ich in einem Arbeiterhaushalt, mein Vater bei Opel, meine Mutter in einer Sektkellerei. Wir haben keine Not gelitten, aber viel mehr war es auch nicht. Ihm standen alle Wege offen, bei uns zu Hause war an das Abitur oder gar an ein Studium nicht zu denken, da fehlte das Geld...
Morgenpost Online: Das klingt nach Ressentiment und Underdog-Perspektive, die Sie selbst an der SPD kritisiert haben.
Christ: Nein, überhaupt nicht. Aber ich rede über bittere Erfahrungen, die mich geprägt haben. Nach der Schule hätte ich gern eine Banklehre gemacht. Meine Zeugnisse waren gut, die Tests waren gut. Aber bei der Deutschen Bank in Mannheim hat man mich mit dem Bescheid vom Hof geschickt: „Ihr sozialer Hintergrund passt nicht zu unserer Kundschaft.“
Morgenpost Online: Aber zehn Jahre später hat die Deutsche Bank Sie zum Direktor für Private Banking gemacht. Ganz so ungerecht kann es also in unserer Gesellschaft nicht zugehen.
Christ: Ich will mehr Chancengerechtigkeit, vor allem in der Bildungspolitik. Sozialdemokrat bin und bleibe ich aus tiefer Überzeugung.
Morgenpost Online: Was fordern Sie für den Mittelstand?
Christ: Mit meiner Partei Entlastungen im unteren Einkommensteuerbereich. Wir müssen die Nachfrage der Konsumenten stärken, das lehrt uns die Krise. Außerdem muss die Entbürokratisierung kraftvoll angepackt werden. Und: Wachsamkeit im Blick auf eine mögliche Kreditklemme. Es gibt viel zu tun.
Morgenpost Online: In der SPD hat Ihre Nominierung nicht nur Begeisterung ausgelöst...
Christ: Damit muss und kann ich leben.
Morgenpost Online: Einflussreiche Leute in der SPD möchten schon wieder die Belastbarkeit der Wirtschaft erproben. Was sagen Sie denen?
Christ: Den wenigen sage ich mit Karl Schiller: Wer glaubt, Verteilungspolitik müsse man im großen Stil und Wachstumspolitik könne man auf kleiner Flamme betreiben, taugt nicht für die Gestaltung unserer wirtschaftlichen Zukunft.
Morgenpost Online: Und die Reichensteuer, mit der die SPD in den Wahlkampf zieht?
Christ: Grundsätzlich halte ich es mit Abraham Lincoln: Ihr werdet die Schwachen nicht stärken, indem ihr die Starken schwächt. Aber ebenso stehe ich zu dem Grundsatz: Richesse oblige, Reichtum verpflichtet. Sinngemäß steht das auch im Grundgesetz. Danach handele ich.
Morgenpost Online: Ein Erfolgsmanager wie Sie ist in der SPD suspekt...
Christ: Meine Botschaft, auch an meine Partei, ist klar: Ich habe immer sehr hart gearbeitet. Ich wusste immer sehr genau, was ich wollte. Ich habe immer gesagt, was ich wollte. Und ich habe stets getan, was ich gesagt habe.





