Terrorismus

Die deutschen Gotteskrieger der radikalen al-Qaida

Sie gelten den Sicherheitsbehörden im Anti-Terror-Kampf als die größte Schwachstelle: radikalisierte Konvertiten in Deutschland. Seit dem Anschlag von Djerba stehen viele von ihnen unter besonderer Beobachtung. Sie sind die gefürchtete Keimzelle des "Home Grown Terrorism" und fungieren als Kanonenfutter für al-Qaida.

Foto: AFP

Für die deutschen Sicherheitsbehörden ist Christian Ganczarski ein Präzedenzfall. Im Ruhrgebiet aufgewachsen, 1986 zum Islam übergetreten, 1992 zu religiösen Studien nach Saudi-Arabien und 1999 in ein Ausbildungslager der al-Qaida in Pakistan gereist, so liest sich sein Lebenslauf in den Akten der Geheimdienste. 2002 soll er schließlich am Attentat von Djerba mitgewirkt haben – und ging damit als erster Konvertit aus Deutschland in die Kriminalgeschichte ein, der an einem Anschlag von Osama Bin Ladens Terrornetzwerk beteiligt war.

Bei allen Zweifeln an der gerichtsfesten Beweisbarkeit seiner Beteiligung am Blutbad von Tunesien: Seitdem gilt der junge Mann aus Mülheim an der Ruhr auf Seminaren der Sicherheitsdienste als Musterbeispiel für das Phänomen des „Homegrown Terrorism“. Damit wird eine Form des islamistischen Terrorismus beschrieben, dessen Akteure nicht mehr aus muslimischen Ländern stammen oder Nachkommen islamischer Immigranten sind, sondern in der Mitte der deutschen Gesellschaft aufwuchsen. Als größtes Problem gelten nach Orientierung suchende Jugendliche, die nach ihrer Konversion besonders anfällig sind für die Botschaften radikaler Prediger.

Die Liste der deutschen Kon?vertiten ist mittlerweile lang, Ganczarski hat so manche Nachahmer gefunden. Da sind, als prominenteste Beispiele, Fritz Gelowicz und Daniel Schneider, die 2007 mit ihrer Sauerland-Gruppe einen Anschlag auf amerikanische Einrichtungen in Deutschland geplant haben sollen, aber rechtzeitig fest?genommen wurden. Im März wird ihnen in Düsseldorf der Prozess ?gemacht. Und da ist Eric Breininger, der die deutsche Öffentlichkeit mit Drohvideos aus Pakistan aufschreckte, in denen er Attentate auf die Bundeswehr ankündigte. Der Saarländer ist seit Monaten zur Fahndung ausgeschrieben.

Diesen fehlgeleiteten Konvertiten gebührt das zweifelhafte Verdienst, die gesamte deutsche Gemeinschaft der zum Islam Bekehrten ins Zwielicht gerückt zu haben. Niemand weiß genau, wie viele Konvertiten es hierzulande überhaupt gibt. Die Schätzungen schwanken zwischen 20.000 und 100.000. Nur eines ist klar: Ihre Zahl steigt. Die Extremismusexpertin Claudia Dantschke registriert „einen ständigen Zustrom einzelner Konvertiten zu den Gemeinden und inzwischen sogar ganze Szenen, die nur noch aus Konvertiten bestehen“.

Natürlich ist ein neuer Muslim noch längst kein Terrorist. Auch die Zusatzgefährdung, sich als Konvertit unter noch skeptischen Glaubensbrüdern besonders beweisen zu wollen, führt nicht automatisch in ein Trainingscamp von al-Qaida. In Deutschland werden viele muslimische Einrichtungen von Konvertiten geleitet, die würdige Repräsentanten ihrer Organisationen sind. Die Mehrheit der Konvertiten ist fraglos friedlich.

Und doch hat die wachsende Zahl der Übertritte zum Islam für ?Wolfgang Schäuble (CDU) etwas Bedrohliches. „Wir wollen nicht alle Konvertiten zu Gefährdern erklären“, sagt der Innenminister. „Aber wir warnen schon lange vor dem ,Homegrown Terrorism‘.“ Dutzende Islamisten aus Deutschland seien bereits in Terrorlagern gedrillt worden, ergänzt der Chef des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, und stellt fest: „Häufig sind es gerade die fehlgeleiteten deutschen Konvertiten, die am stärksten radikalisiert sind.“

Anti-Terror-Fahnder sehen das als Ergebnis der Strategie von al-Qaida. Gezielt unternimmt das Terrornetzwerk den Versuch, rund um die Moscheen in deutschen Städten oder durch in deutscher Sprache verfasste Videos und Internetseiten jene jungen Männer zu rekrutieren, die in ihrem Alltag nicht zurechtkommen. Die sind vor allem für die einfachen Lösungen des Steinzeit-Islams der Salafisten empfänglich. „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Mohammed sein Gesandter ist“ – oft bleibt es nicht bei der Schahada, dem Glaubensbekenntnis. Viele Novizen wollen die „Feinde des Islam“ gewaltsam bekämpfen.

Warum Konvertiten aus Terroristensicht so wertvoll sind, ist klar. Sie sind äußerlich unauffällig, haben selten ein geheimdienstlich erfasstes Vorleben. Die Nachrichtendienste wissen sogar von Fällen, in denen Konvertiten empfohlen wurde, zur Tarnung weiter Jeans zu tragen und Schweinefleisch zu essen. Perfektere Schläfer, die jederzeit aktiviert werden können, gibt es nicht.

Und noch einen weiteren Vorteil haben hier aufgewachsene Rekruten des Terrors: Sie wissen um die politischen Schwachstellen der Gesellschaft, in der sie leben. So ist es kein Zufall, dass die Zahl von Videos, in denen der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan gefordert wurde, in jüngster Zeit stark zugenommen hat – im September sind Bundestagswahlen, und schon beim Anschlag in Madrid haben Islamisten gezeigt, wie man Einfluss auf Urnengänge nehmen kann.

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