Exil-Iraner

"Wollen die Stimme der Iraner ins Ausland tragen"

Die meisten Exil-Iraner in Deutschland waren bislang unpolitisch und interessierten sich kaum für ihr Herkunftsland. Doch nun erinnern sie zu Tausenden mit immer neuen Aktionen daran, dass im Iran eine Epochenwende bevorstehen könnte. Aber damit gehen sie ein nicht unerhebliches Risiko ein.

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Ihre Hände sind rot. Bis zu den Ellenbogen triefen ihre Arme. Striemen tragen sie im Gesicht. Die jungen Iraner vor der Gedächtniskirche am Berliner Bahnhof Zoo haben Spaß, sich gegenseitig anzumalen; rot den linken Arm, grün den rechten oder umgekehrt. Dazu tragen die Frauen und Männer weiße T-Shirts.

Grün, weiß, rot – die Farben stehen für die Flagge ihrer Heimat, des Gottesstaates Iran. Doch für die jungen Leute ist die Flagge mehr geworden, sie symbolisiert die Dramaturgie, ja, die Dramen der vergangenen Wochen, seit sich im Iran eine Bewegung gegen Präsident Mahmud Ahmadinedschad und den geistlichen Führer Ayatollah Ali Chamenei erhoben hat. Grün steht für den Islam ebenso wie für die Reformbewegung selbst. Rot symbolisiert das Blut derer, die im übertragenen Sinne weiß tragen – die Unschuldigen, die seither vom Regime verhaftet, gefoltert und ermordet wurden.

Einen Tag nach der Präsidentschaftswahl im Iran am 12. Juni hat sich das Netzwerk junger Iraner in Berlin gebildet. Einen Tag nach dem, was die große Mehrheit der rund 200.000 Exil-Iraner in Deutschland als Betrug bezeichnet. Nicht Ahmadinedschad habe die Wahl gewonnen, sagen sie, sondern Mir Hussein Mussawi, den sich die Demokratiebewegung danach zur Schlüsselfigur erwählt hat. Was in Berlin geschah, vollzog sich überall im Land. Vor allem in den Städten fanden Exilanten zusammen, bildeten Aktionsgruppen, Vereine, Netzwerke. Sogar die Mitglieder unpolitischer Literaturkreise wagen sich seither allwöchentlich auf die Straße, zeigen sich solidarisch mit den Menschen im Iran und einig mit ihnen in der Sache: Es muss sich etwas ändern. Erstmals seit vielen Jahren ist der Wunsch nach Veränderung aber nicht mehr stärker als die Gewissheit, dass sich im Iran auch etwas ändern kann.

Im Ausland zu studieren, ist für viele ein Traum

„Sie werden es schaffen“, sagt Sepideh über die Demonstranten in ihrer Heimat. „Und wenn auch erst in ein, zwei Jahren“. Die 28-Jährige kam vor acht Monaten aus Teheran nach Berlin. Wie für viele war es ihr Traum, im Ausland, im Westen zu studieren. Doch es war nicht der Wind politischer und gesellschaftlicher Freiheit, der herüberwehte; es war vielmehr das Andere, das Ungewohnte, einfach die Abwechslung, die sie anzog. „Ich war wie die meisten meiner Generation unpolitisch. Bis zum Wahlbetrug.“ Politik war für Sepideh bisher eine Sache, die eine Nomenklatura unter sich ausmachte. Sie studierte lieber Archäologie, vergrub sich in einer lange zurückliegenden Vergangenheit. Gerade diejenigen, die nach der islamischen Revolution geboren wurden, würden jetzt ihren Auftrag erkennen, sagt sie. „Mein Vater war vor 30 Jahren auf der Straße, um die Theokratie zu verhindern. Heute geht er wieder demonstrieren. Er sagt, er muss etwas wiedergutmachen. Ich empfinde es als ein Geschenk, jetzt dabei sein zu können, auch in Deutschland.“

In einigen Wochen geht Sepidehs Studienaufenthalt zu Ende. In die Tränen, die sie jeden Morgen beim Lesen der Meldungen aus dem Iran auf Facebook oder Twitter vergießt, mischt sich die Angst, wie viele vor ihr zur Exilantin zu werden. „Im Moment kann ich wohl nicht zurück, sonst würde es mir gehen wie Mohsen.“ Mohsen Rooholamini war ein Freund Sepidehs. Am 9. Juli dieses Jahres, dem Jahrestag der großen Teheraner Studentenproteste von 1999, wurde er wie viele andere festgenommen. Am 22. Juli erfuhren seine Eltern und Freunde von seinem Tod. „Mohsen war ein konservativer Typ. Aber auch er ging auf die Straße, um gegen das Regime zu demonstrieren“, erzählt Sepideh.

„Ich hatte die zweite und die dritte Generation eigentlich für Irans Zukunft abgeschrieben“, sagt der Politikwissenschaftler Mohssen Massarrat von der Universität Osnabrück über die Iraner im Ausland. „Nun haben sie sich mit einem Schlag politisiert.“ Massarrat charakterisiert die Exilanten mehrheitlich als Gruppe mit einem hohen Bildungsgrad. Es sind Menschen, die ihr Land aus politischen Gründen verlassen haben, aber auch, weil es für sie als Ärzte, Ingenieure, Natur- oder Geisteswissenschaftler in dem korrupten System kein Fortkommen gab. Schätzungen unabhängiger Organisationen gehen davon aus, dass die rund fünf Millionen Exil-Iraner weltweit über ein Vermögen von 1,3 Billionen Dollar verfügen. „Der Iran hat den höchsten Braindrain weltweit, also die meisten hoch gebildeten Auswanderer“, sagt Massarrat. Der Kontakt zwischen Auswanderern und Daheimgebliebenen blieb sehr eng. Seit der reformorientierten Präsidentschaft Mohammed Chatamis (1997-2005) und bis heute wagen viele Exilanten wieder Reisen in die Heimat. Im Austausch veränderte sich der Blick der Iraner auf die Welt und auf ihr eigenes Land – was jetzt geschieht, ist auch eine Folge dieser Horizonterweiterung.

Massarrat selbst kam als junger Mann 1961 zum Studium in die Bundesrepublik. Damals regierte in Teheran der Schah. Zehn Jahre dauerte es, bis er sich für einen Besuch zurückwagte, und zehn Jahre wartete er nach 1979 erneut, als die islamische Revolution den Schah ins Exil gejagt hatte. Zuletzt war er im vergangenen November im Iran. „Angesichts dieser Masse an jungen Leuten war mir damals schon klar, dass sich etwas ändern wird“, sagt er. Dennoch beobachtet er mit Staunen, wie die Menschen im Iran ebenso wie in Deutschland nun zusammenhalten. „Vor den Wahlen waren die Exil-Iraner ziemlich zersplittert. Und niemand hatte wirklich die Kraft, sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Die klugen jungen Leute haben es verstanden, von ihren Landsleuten Protest einzufordern und sich mit der Volksbewegung zu solidarisieren.“ Die Unterstützung der Demokratiebewegung ist das einigende Band. Die berüchtigten Volksmudschahedin im Ausland, die jahrelang als einzige öffentlich in Erscheinung traten, spielen derzeit keine Rolle. Würde sich die iranische Bewegung zerstreiten oder zerbrechen, so würde dieses Los auch den Exil-Iranern blühen, prophezeit der Politologe: „Beides läuft parallel.“

Berliner und Touristen blicken ratlos

Vor der Gedächtniskirche finden sie alle hinter den Bildern der Ermordeten zusammen; diejenigen, die für Reformen des bestehenden Systems sind, diejenigen, die eine föderale Demokratie nach westlichem Vorbild wollen und diejenigen, die gar für eine Monarchie im Iran zu begeistern wären. Sie alle sind einig, dass das Morden aufhören muss. An diesem Tag gedenken sie Nedas, der jungen Frau, die vor zwei Monaten erschossen wurde und deren gefilmtes Sterben um die Welt ging. Ihr zum Andenken werden vor dem morschen Turm Gedichte und Texte verlesen – in Farsi, der iranischen Amtssprache. Berliner und Touristen blicken ratlos, ausgeschlossen. Den Exil-Iranern geht es um Solidarität mit ihren Landsleuten. Sie stellen keine lauten politischen Forderungen, die man in Berlin verstehen müsste. Es ist ein Protest, der ein wenig so tut, als fände er nicht hier, sondern in Teheran statt oder in einem anderen Ort im Iran, an den die Versammelten mit Sehnsucht denken.

Die Besonnenheit hat noch einen Grund. Die Iraner im Ausland wollen dem Regime keinen Anlass bieten, die Demonstrationen im Iran als in irgendeiner Form von außen gesteuert zu diskreditieren. „Es gibt da eine besondere iranische Empfindlichkeit“, sagt Mohssen Massarrat, der Kanzlerin Angela Merkel deshalb in einem offenen Brief bat, sich mit Forderungen in Richtung Teheran zurückzuhalten.

„Wir wollen die Stimme der Iraner ins Ausland tragen.“ Vor der Gedächtniskirche sind nun doch ein paar deutsche Worte zu hören. Sie kommen aus dem Mund von Sara Dehkordi. Die 26-Jährige hat den Iran nie bewusst erlebt. Als ihre Eltern mit ihr das Land verließen, war sie drei Jahre alt. Als ihr Vater vom iranischen Geheimdienst im Berliner Restaurant Mykonos am 17. September 1992 erschossen wurde, war sie neun. „Danach hab ich zwei, drei Jahre fast nicht gesprochen“, erzählt sie. „Dass ich heute im Netzwerk aktiv sein kann, erfüllt mich ganz.“ Dehkordi studiert an der Humboldt-Universität „Religion und Kultur“. Sie wolle verstehen, wie Menschen zu einer Religion kommen, wie sie Teil einer Identität werde – bis zum Fanatismus.

Aus politischen Gründen war ihr Vater Nouri Dehkordi mit seiner Familie emigriert. An dem nämlichen Abend 1992 saß er als Dolmetscher mit dem Generalsekretär der demokratischen Partei Kurdistans und den beiden Vertretern der Partei in Deutschland und Frankreich in dem Restaurant zusammen, als die Attentäter des iranischen Geheimdiensts das Feuer eröffneten. Dehkordi geriet in die Schusslinie. „Sie starben für Freiheit und Menschenrechte“, steht heute auf der Tafel am Tatort in Wilmersdorf. Der Prozess gegen Attentäter und Drahtzieher stellte unter anderem klar, dass Ayatollah Ali Chamenei und der damalige Staatspräsident Rafsandschani informiert waren.

„Die politischen Aktivisten sind sehr wachsam, aber sie haben keine Furcht mehr“, sagt der in Berlin lebende Schriftsteller Javad Asadian zur Bedrohung der Iraner im Ausland heute. Dass der Geheimdienst im Moment gezielt Regime-Gegner in Deutschland liquidieren könnte, hält er für ausgeschlossen. „Diplomatisch wäre das für das geschwächte Regime eine absolute Katastrophe“, sagt Asadian, der in der Initiative „Stop the Bomb“ aktiv ist, die sich vehement gegen Wirtschaftsbeziehungen mit dem Regime ausspricht. Asadian und seine Mitstreiter sind überzeugt, dass Teheran an der Atombombe arbeitet. Ihre Petitionen werden auch von vielen Nicht-Iranern unterstützt, wie der Schauspielerin Iris Berben, dem Schriftsteller Elie Wiesel oder dem CDU-Politiker Heiner Geißler. Asadian selbst hat seit Beginn der Demokratiebewegung keinerlei Einschüchterung erfahren. Wachsam ist auch er.

„Natürlich sind Geheimdienstleute unter uns, vielleicht schon dort drüben“. Sepideh sucht lachend die Augen eines irritierten Fotografen. Ihre Selbstsicherheit überrascht sie, fast wirkt sie ein wenig berauscht. „Die Angst habe ich weggeschickt“, sagt Sepideh, deren Name Sonnenaufgang bedeutet.