Es ist ein tiefer Fall für Margot Käßmann nach einer brillanten Karriere bis an die Spitze der 25 Millionen Protestanten in Deutschland: Nach einer Alkoholfahrt mit 1,54 Promille hat die profilierte Theologin ihren Rücktritt als Bischöfin von Hannover und Chefin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verkündet. Sie könne „nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben“, begründete Käßmann ihren Schritt.

Für die Kirche ist ihr Abgang ein schwerer Schlag: Sie verliert ihr bedeutendstes Sprachrohr und erleidet einen schweren Glaubwürdigkeitsverlust. Käßmanns Nachfolger wird in ihre Fußstapfen erst hineinwachsen müssen.

Immer leerere Gotteshäuser und schrumpfende Finanzen – in dieser Krise hatte die evangelische Kirche in doppelter Hinsicht auf Käßmann als starke Führungsfrau gesetzt: Sie sollte die von ihrem Vorgänger Wolfgang Huber eingeleiteten Strukturreformen der Kirche weiterführen und mit ihrer mediengewandten und charmanten Art der Kirche in der Gesellschaft zu neuem Gewicht verhelfen. Nun macht sich die in Talkshows als Verfechterin sozialer Anliegen erprobte Bischöfin moralisch selber unglaubwürdig und fügt ihrer Kirche schweren Schaden zu. Sie predigt Wasser und trinkt Wein – diesen Vorwurf muss sich nicht nur Käßmann sondern auch ihre Kirche von gehässigen Kritikern gefallen lassen.


Persönlich steht die 51-Jährige jetzt vor einem Scherbenhaufen: Gekämpft hat sie jahrzehntelang – für die Kirche, für soziale Anliegen im Inland und der dritten Welt, für ihre Karriere als Frau in einer vielfach noch männerdominierten Kirche. Anders als bei dem Streit um die Afghanistan-Politik, mit dem sie zuletzt Schlagzeilen machte, ist sie erstmals ohne jede Verteidigung: An dem Promillewert und der überfahrenen roten Ampel lässt sich nichts herumdeuten. Mit ihrem Rücktritt beweist sie allerdings persönlich Stärke und bewahrt sich und die Kirche vor einer kräftezehrenden Debatte darüber, wie viel sich ein Kirchenmensch als Vertreter hoher moralischer Instanz an Fehltritten erlauben kann.

Die verhängnisvolle Alkoholfahrt – für Käßmann und die Kirche muss es wie ein Schicksalsschlag gekommen sein. Nachdem die beliebte Bischöfin aus Hannover jahrelang gemeinsam und erfolgreich mit ihrem EKD-Amtsvorgängers Wolfgang Huber die Kirche nach außen vertreten hatte, gab es nach ihrer Wahl an die Kirchenspitze im Herbst kräftig Gegenwind: Mit ihrer Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr werde der Bogen überspannt, war das Signal aus der Politik an Käßmann und die Kirche. Die Protestanten verlieren nun eine laute Stimme - sprachlos aber wird die kritikfreudige evangelische Kirche dadurch nicht werden.


Die Bischöfin hatte auch einen Beifahrer im Auto. Dessen Personalien seien aber nicht aufgenommen worden, sagte der Sprecher des Innenministeriums in Hannover, Klaus Engemann. Ein Beifahrer spiele nur dann als Zeuge eine Rolle, „wenn der Fahrer völlig kontrollunfähig“ sei. Dies sei offensichtlich nicht der Fall gewesen. Die Präses der EKD-Synode und Grünen-Politikerin Katrin Göring- Eckardt hatte am Dienstagabend in der ARD-„Tagesschau“ gesagt: „Das ist nicht akzeptabel, dass man mit 1,5 Promille Auto fährt.“ Göring- Eckardts Stellvertreter, Bayerns Ex-Ministerpräsident, Günther Beckstein (CSU), wies Rücktrittsforderungen unterdessen zurück. „Bischöfin Käßmann hat sicher einen Fehler begangen, sie hätte einen Chauffeur oder ein Taxi nehmen sollen“, sagte Beckstein den „Nürnberger Nachrichten“.

Aber dieser Fehler werde nicht dazu führen, dass sie von ihrem Amt als EKD-Chefin zurücktreten müsse. „Auch eine Bischöfin ist keine Heilige, sondern nur ein Mensch, der fehlbar ist.“ „Natürlich ist es richtig Mist, was Frau Käßmann gemacht hat. Es ist richtig schlecht. Sie ist ja ein Vorbild, sie sollte auch Vorbildcharakter haben“, meinte Grünen-Chefin Claudia Roth.

dpa/gr