Morgenpost Online : Was hat die britische Armee in acht Jahren Afghanistan gelernt?

Theo Farrell : Wir haben zwei Lehren gezogen. Die eine: Unsere eigentliche Aufgabe ist nicht, Gebiete zu erkämpfen, sondern Sicherheit zu stabilisieren. Und dafür brauchen wir entwicklungspolitische und zivilgesellschaftliche Maßnahmen. Die andere Lehre: Um das zu ermöglichen, brauchen wir mehr Truppen. Wir müssen die Menschen in Afghanistan erreichen, und das können wir nur mit Menschen, nicht mit Kriegsgerät. Wir müssen mit Stammesführern Tee trinken, und wir müssen da sein, wenn ein Verbrechen begangen wurde.

Morgenpost Online : Also teilen Sie einfach Amerikas Forderung: Mehr Truppen?

Farrell : Nicht ganz. Zur britischen Erfahrung im Irak gehört auch das Desaster von Basra. Dort haben wir sehr massiv Präsenz mit Patrouillen gezeigt und haben gerade damit Abwehrreaktionen provoziert, dass uns die Amerikaner am Ende raushauen mussten. Es geht um die Qualität dessen, was die Soldaten tun, und zwar bei kinetischen wie bei nicht kinetischen Maßnahmen.

Morgenpost Online : Wie bitte?

Farrell : Mit kinetischen Maßnahmen meinen wir Leute totschießen oder Sachen in die Luft jagen. Nicht kinetische Maßnahmen umfassen die sozialen Aspekte. Unter beiden Gesichtspunkten sind Luftangriffe kaum je ratsam, weil sie die Bevölkerung entfremden und so die Sicherheitslage verschlechtern.

Morgenpost Online : Haben die Deutschen in Kundus alles falsch gemacht?

Farrell : Ich kann das taktische Vorgehen der Bundeswehr nicht kritisieren. Aber ich denke, hier geht es um eine bestimmte Risikokultur. Der deutsche Kommandeur hat Luftunterstützung angefordert, weil er nicht seine Leute am Boden rausschicken und ihr Leben riskieren wollte. Doch damit hätten zivile Opfer vermieden werden können, und das Bundeswehrlager wäre dennoch geschützt worden.

Morgenpost Online : Sollte die Lehre aus Kundus sein: Deutschland muss mehr Bodentruppen schicken?

Farrell : Nicht nur das. Deutschland muss auch robuster gegen die Taliban vorgehen. Darauf deuten die positiven Kommentare örtlicher Stammesführer hin. Die Deutschen müssen mehr Risiko eingehen. Die Erfahrungen im Irak und in Afghanistan zeigen: Das kann Leben retten.

Daniel-Dylan Böhmer