Die Lage in Afghanistan ist kompliziert, aber lange Zeit schien wenigstens eine Sache klar: Die Deutschen gehören am Hindukusch zu den Guten. Darauf haben sie auch gern hingewiesen. Nachdem die Amerikaner bei einem Luftangriff 21 Zivilisten getötet hatten, belehrte der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung seinen Bündnispartner: „Das ist genau der falsche Weg“. Man müsse dafür Sorge tragen, „dass künftig derartige Operationen nicht mehr in dieser Art und Weise stattfinden“. Zwei Jahre ist das nun her.

Seit vorigem Freitag dürfte Jung diese Worte bereuen. Denn da waren es die Deutschen, die amerikanische Luftunterstützung anforderten. Der Kommandeur des Bundeswehrstützpunktes in Kundus sah seine Soldaten von zwei durch die Taliban entführten Tanklastzügen bedroht, deshalb ordnete er den Abwurf zweier Bomben an. Noch steht nicht fest, ob bei der Aktion Zivilisten zu Tode kamen.

Das hielt die Außenminister vieler europäischer Verbündeter, den amerikanischen Kommandeur der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe (Isaf), Stanley McChrystal, sowie den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai nicht davon ab, nun in Jungscher Manier massive Kritik an den Deutschen zu üben und von einer „Fehleinschätzung“ zu sprechen. „Mehr als neunzig Tote für einen einfachen Tanklaster, der obendrein in einem Flussbett feststeckte!“, wetterte Karsai in der französischen Tageszeitung „Figaro“.

Die Aufklärung des genauen Tathergangs wird sich eine geraume Weile hinziehen, sowohl die Isaf als auch die Vereinten Nationen haben formale Überprüfungen des Geschehens angekündigt. Jedenfalls aber ist die Rolle der Bundesrepublik als moralisch überlegener Friedens- und Aufbauhelfer ab sofort in Frage gestellt – und das ausgerechnet dreieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl.

Bislang verlief der Wahlkampf eher schläfrig, es fehlten die Themen mit Emotionalisierungspotenzial. Krieg ist ganz unzweifelhaft ein solches Thema, das ist spätestens seit 2002 bekannt, als Gerhard Schröder (SPD) mit seiner Ablehnung einer Beteiligung der Bundeswehr am Irakeinsatz punktete. Schon kündigte die sicherheitspolitisch radikal veranlagte Partei Die Linke an, Afghanistan zu einem „Topthema“ zu machen.

Auch der Grüne Christian Ströbele forderte bereits den Abzug vom Hindukusch. Und Altkanzler Schröder polterte am Wochenende in bewährter Hau-Drauf-Manier, man brauche ein „Datum“ für den Rückzug. Nicht ganz zu Unrecht ist vor allem der unionsgeführte Teil der Bundesregierung deshalb hochgradig nervös.

Zumal im Fokus der Debatte mit Franz Josef Jung ein CDU-Minister steht, der rhetorisch eher ungelenk veranlagt ist. Bis heute hat er über die holprige Formulierung hinaus, die Bundeswehr leiste in Afghanistan einen Beitrag zu „Stabilität und friedlicher Entwicklung“, keine überzeugende Kommunikationsstrategie für den Einsatz fern der Heimat gefunden. Und auch die Darstellung der Bombennacht von Kundus durch das Ministerium war mitunter widersprüchlich.

Am Montag schickte Jung nun seinen – rhetorisch deutlich begabteren – Sprecher Thomas Raabe in die Bundespressekonferenz, um die Lage mit einer ungewöhnlich offenen Schilderung des operativen Vorgehens bei dem Luftangriff zu beruhigen.

Raabe lieferte einen detaillierten Abriss der Geschehnisse, von 21.12 Uhr am Donnerstagabend, als die Bundeswehr in Kundus von der Entführung zweier Tanklaster durch die Taliban erfuhr, bis um 1.49 Uhr Freitag früh, als eine US-amerikanische F-15 zwei 227 Kilo schwere Bomben auf die Lastwagen abwarf.

Raabe wies die von der „Washington Post“ verbreitete Behauptung zurück, die Bundeswehr habe die Lage vor der Entscheidung nur unzureichend aufgeklärt und sich lediglich auf eine Quelle gestützt. Es seien vielmehr vier Quellen gewesen: Fotos eines B-1-B-Fernaufklärers, Live-Videos zweier F-15-Kampfjets, die Aussagen eines zuverlässigen afghanischen Informanten sowie Erkenntnisse eines weiteren, geheimen „Aufklärungsstrangs“. Dabei könnte es sich um durch Nachrichtendienste abgehörte Telefonate handeln.

Vor allem aber zitierte Raabe aus einem gemeinsamen Schreiben des Gouverneurs der Provinz Kundus, des Polizeichefs, des Geheimdienstchefs und eines Kommandeurs der afghanischen Streitkräfte an den Präsidenten Karsai, in dem unmissverständlich festgehalten ist: „Durch die Explosion wurden 56 bewaffnete Personen getötet und zwölf Personen verletzt ? Nach Gesprächen mit Dorfbewohnern und Augenzeugen wurde bewiesen, dass alle Getöteten zu den Taliban und deren Verbündeten gehören.“ Im Gegensatz zu den von der „Washington Post“ und einigen Menschenrechtsorganisationen verbreiteten Zahlen von Dutzenden zivilen Opfern seien das „konsolidierte“ Erkenntnisse.

Im Zuge der Beruhigungsstrategie der Bundesregierung nach innen wird der Ton in Richtung der Verbündeten schärfer. Es sei „sehr ungewöhnlich“, hieß es in Berlin, dass ein Isaf-Oberkommandierender (McChrystal) öffentlich den deutschen Isaf-Chef von Kundus vorführe. Man erklärt sich diese Vorgehensweise mit innenpolitischen Nöten der Amerikaner: McChrystal, der Afghanistan-Beauftragte Richard Holbrooke und Außenministerin Hillary Clinton wollen mehr Truppen in Afghanistan; Vizepräsident Joe Biden und Verteidigungsminister Robert Gates sind dagegen. Der eine möchte diese Truppen lieber nach Pakistan schicken, der andere fürchtet, die Vereinigten Staaten sähen mit noch mehr Truppen aus wie Besatzer.

Um die innenpolitische Rechtfertigung nicht allein dem unsicheren Verteidigungsminister Jung zu überlassen, wird Bundeskanzlerin Angela Merkel die Debatte außerdem persönlich an sich ziehen. Heute will sie eine Regierungserklärung zum Thema abgeben. Man wolle sich nicht wegducken, auch wenn es ein unpopuläres Thema sei, heißt es aus Regierungskreisen.

Den Vorstoß ihres Herausforderers, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), er wolle mit der Regierung in Kabul bald feste Ziele für einen Abzug vereinbaren, hat Merkel gemeinsam mit ihrem britischen Amtskollegen Gordon Brown und dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy schon am Sonntagabend eingefangen.

Sobald sich eine afghanische Regierung konstituiert hat und ein Präsident feststeht, will man ihm bei einer Afghanistan-Konferenz auf höchster Ebene „unsere Forderungen vortragen“, wie es aus Regierungskreisen heißt – das Thema Abzugsplan soll keinesfalls den Sozialdemokraten überlassen werden.

Ein Abzugsdatum aber wie ihr Amtsvorgänger Schröder will Merkel nicht benennen. Im Kanzleramt hat man sehr genau registriert, dass Steinmeier sich ebenfalls von Schröder distanziert hat – es war immer eine Stärke der großen Koalition, dass Merkel und Steinmeier in ihren außenpolitischen Einschätzungen nicht sehr weit auseinanderliegen. Daran soll sich auch und gerade jetzt nichts ändern. Mit der Parole der Stunde, „Afghan Ownership“, also der Übernahme der Verantwortung durch die Afghanen für ihr Land, will man sich durch die letzten Wochen des Wahlkampfes lavieren.

Eine strategische Debatte jedenfalls findet in der Bundesrepublik nicht wirklich statt. Stattdessen klopft man sich auf die Schulter: „Wir freuen uns“, heißt es in der Bundesregierung, „dass die Amerikaner nun nach fünf Jahren unser Konzept der vernetzten Sicherheit übernommen haben“.

Angesprochen auf die paradoxe Situation, dass nun ausgerechnet die Anhänger eines „zivileren“ Ansatzes einen so massiven Luftschlag gelandet haben, heißt es: „Die Amerikaner haben sich Hunderte solcher Angriffe geleistet – wir gerade mal einen. Das steht ja wohl in keinem Verhältnis.“