Für viele Familien der Opfer wird es ein schwerer Tag, wenn der an Knochenmarkkrebs leidende Bassit Ali Mohammed al-Megrahi in den nächsten Wochen wirklich aus humanitären Gründen aus der Haft entlassen wird.

270 Menschen soll Megrahi mit jener Bombe umgebracht haben, die am 21. Dezember 1988 im vorderen Rumpf des PanAm Fluges 103 explodierte, ein Loch in das Flugzeug riss, und es aus 9000 Meter Höhe zum Absturz brachte. Ist Mitleid da wirklich angebracht, fragen Vertreter der Familien in den Medien? Muss der Massenmörder seine letzten Wochen im Kreise seiner Familie begehen dürfen?

Zumindest für Jim Swire, der seine Tochter Flora bei dem Anschlag verlor, sind das nicht die relevanten Fragen. Der Arzt ist nämlich felsenfest von der Unschuld des Verurteilten überzeugt. Es sind nicht nur exzentrische Verschwörungstheoretiker, die die Schuld al-Megrahi und damit auch die Verantwortung Libyens für den Anschlag in Frage stellen. Sie können ihre These nicht zweifelsfrei beweisen, sie sind sich ihrer Sache bisweilen auch vielleicht etwas zu sicher.

Aber wenn man die Unschuldsvermutung zugrunde legt und sich die Beweislage des Prozesses gegen den zu lebenslanger Haft verurteilten mutmaßlichen Attentäter genau anschaut, hätte al-Megrahi eigentlich freigesprochen werden müssen, sagt nicht nur der UN-Beobachter des Prozesses, Hans Köchler.

Es besteht Klärungsbedarf

Dass in der Sache Klärungsbedarf besteht, hat 2007 sogar die schottische Revisionskommission zugegeben, als sie dem 2001 verurteilten Libyer das Recht zu einem neuen Revisionsverfahren einräumte. Insbesondere zweifelte die Kommission die Glaubwürdigkeit des Hauptzeugens an, eines Kleidungshändlers auf der Insel Malta.

Jener Kleidungshändler, Tony Gauci, soll al-Megrahi die Babykleidung verkauft haben, die sich mit der Bombe in dem braunen Koffer der Marke Samsonite befunden haben soll. Doch vier Tage bevor der Händler al-Megrahi bei einer Gegenüberstellung erkannt haben will, soll ihm ein Zeitungsartikel über die Ermittlungen gezeigt worden sein – mit einem Foto des Verdächtigen.

Auch gebe es Zweifel, dass der Verurteilte sich zu dem angenommenen Zeitpunkt überhaupt auf Malte aufgehalten habe. Doch wer, wenn nicht al-Megrahi und Libyen, steckten hinter dem Anschlag?

Gleich nach dem Anschlag gingen die Ermittlungen zunächst in eine ganz andere Richtung. Schon Wochen vor dem Anschlag haben Fahnder in Deutschland eine Zelle der Populären Front für die Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC), ausgehoben und dabei eine in einem Kassettenrekorder eingebaute Bombe entdeckt, deren Zündung an einem Luftdruckmesser gekoppelt war.

Die Lockerbie-Bombe schien ähnlich konstruiert. Der Bombenbauer – der sich später als jordanischer Geheimdienstler entpuppt - gibt an, es habe noch eine weitere Bombe gegeben, die aber vor dem Eingreifen der Fahnder abgeholt worden sei. In Schweden gelingt Ermittlern ein weitere Schlag: Bei der Festnahme des der PFLP Nahe stehenden Terroristen Mohammed Abu Talb finden die Ermittler neben Kleidung aus Malta auch einen Taschenkalender, in dem das Datum des Anschlages dick umkreist ist. Abu Talb soll außerdem mit dem Kommandeur der deutschen PFLP-Zelle gemeinsam auf Zypern gesehen worden sein.

Nach einem Jahr lautete die Arbeitshypothese der Ermittler, ein Kommando der PFLP habe -vom Iran finanziert - den Anschlag begangen, um Rache zu übern für ein wenige Monate zuvor von einem amerikanischen Kriegsschiff aus Versehen abgeschossene Passagierflugzeug.

Robert Baer, ein hochrangiger ehemaliger CIA-Agent im Nahen Osten, der im Anfangsstadium der Ermittlungen beteiligt war, berichtet zudem von einem Geldtransfer in Höhe von 11 Millionen Dollar zwei Tage nach dem Anschlag aus dem Iran auf Konten der PFLP.

Auf eine libysche Beteiligung weist hingegen der Fund von zwei winzigen Teilen einer Zeitschaltuhr hin, die die Schweizer Firma Mebo damals nur an Libyen und als Prototyp an die Stasi verkauft hatte.

Doch ausgerechnet an diesem Fund gibt es auch Zweifel, seit der Ingenieur Ulrich Lumpert in einer eidesstattlichen Erklärung zugegeben hat, er habe den Chip selbst gestohlen und an eine Ermittlungsperson weitergeleitet. Das Beweismaterial sei somit manipuliert worden.