Kabul-Konferenz

Afghanistan – Der Krieg, den wir gewinnen können

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Foto: Getty Images / Getty Images/Getty Images Europe

Der führende Taliban-Experte Ahmed Rashid über eine neue Militärstrategie und den ersten Schritt, den Deutschland gehen muss.

Kaum jemand kennt den Krieg in Afghanistan so gut wie der pakistanische Journalist und Buchautor Ahmed Rashid. Er hat die Entwicklung der Taliban von Beginn an verfolgt, er kennt ihre Anführer ebenso gut wie Hamid Karsai, der einmal sein Freund war. Regierungen haben seinen Rat ebenso oft eingeholt wie die Vereinten Nationen. Was er zu sagen hat, gefällt nicht jedem, aber seine Vorhersagen haben sich meistens erfüllt.

Die Kabul-Konferenz beginnt, während der Kampf gegen die Taliban täglich blutiger, die Aussichten auf einen Sieg immer ungewisser und die Unterstützung für eine Fortführung des Krieges in der amerikanischen und europäischen Öffentlichkeit immer geringer wird. Anders als all die vielen Konferenzen zuvor, bei denen gute Absichten formuliert wurden, die weder die internationale Gemeinschaft noch die afghanische Regierung je einhielten, muss dieses Treffen Ergebnisse liefern – vor allem was Gespräche mit den Taliban angeht.

Deutschland sollte die Führung bei der Eröffnung eines Dialogs mit den Taliban übernehmen, denn es ist eine der wenigen europäischen Mächte, die bei allen Afghanen Vertrauen genießen. Trotz wachsender Kritik aus dem Kongress und von einigen ausländischen Regierungschefs hält der amerikanische Präsident Barack Obama daran fest, dass er mit dem Abzug amerikanischer Truppen aus Afghanistan im Juli 2011 beginnen will. Viele Afghanen befürchten jedoch, dass ein überhasteter Rückzug der westlichen Streitkräfte zum Zusammenbruch der Regierung in Kabul führen könnte, die latenten Rivalitäten unter Afghanistans Nachbarstaaten entfesseln und einen neuen ethnischen Konflikt in Afghanistan entzünden würde, möglicherweise sogar einen Bürgerkrieg.

Der Krieg gegen die Taliban läuft schlecht. Ihr Widerstand hat sich im ganzen Land ausgebreitet, und die Staaten der Region fürchten, dass ähnliche Bewegungen auch Pakistan und die zentralasiatischen Republiken erfassen könnten.

Gleichgültig, welche Erfolge die Nato-Truppen in den südafghanischen Taliban-Hochburgen Helmand und Kandahar im nächsten halben Jahr erzielen – solche Fortschritte können nicht von Dauer sein, solange die afghanische Armee, die Polizei und Verwaltungsbeamte dort kaum auftauchen. In einem blutigen Rekord sind in den letzten sieben Wochen 159 Soldaten der Nato-geführten Friedenstruppe Isaf im Kampf gegen die Taliban gefallen. Keine europäische Regierung kann solch gewaltige Opfer auf Dauer hinnehmen, und auch die amerikanische kann es immer weniger.

Ausführlich wurde die unberechenbare und selbstsüchtige Politik des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai beklagt, vor allem seit dem Fiasko der gefälschten Wahlen im vergangenen Jahr. Dazu kommen die Korruption, die schlechte Regierungsführung und die schleppende Wirtschaftsentwicklung, die ihm zur Last gelegt werden.

Aber Obamas Mannschaft arbeitet ähnlich dysfunktional. Die führenden Vertreter des „AfPak“-Teams, das sich im Auftrag des Präsidenten um Pakistan und Afghanistan kümmern soll, führen untereinander Grabenkriege, in Kabul wie in Washington.

Doch Karsai bleibt bei seiner Absicht, Gespräche mit den Taliban aufzunehmen. Nur eine Verhandlungslösung und eine Machtteilung, so argumentiert der Präsident, können den Krieg beenden, einen geordneten Abzug der westlichen Truppen ermöglichen und der Region Frieden bringen.

Zugleich wünschen sich viele Afghanen, dass Amerika und die Nato in allen Gesprächen mit den Taliban mit am Tisch sitzen. Sie sollen dafür sorgen, dass Karsai nicht zu viele Konzessionen an die Taliban macht und dass er eine wirklich multiethnische Verhandlungsgruppe zusammenstellt, statt – wie bisher – Mitglieder seiner eigenen Familie einzusetzen. Für die Verhandlungen mit den Taliban muss es rote Linien geben.

Washingtons Grundbedingung, dass die Taliban mit al-Qaida brechen müssen, ist für die Afghanen nicht so wichtig wie die Achtung der gegenwärtigen Verfassung und der Menschenrechte, und dass es keine gesellschaftspolitischen Kompromisse gibt, etwa einen neuerlichen Ausschluss von Frauen aus dem Bildungssystem oder der Gesundheitsversorgung.

Es ist Zeit für die Nato, mit der Taliban-Spitze zu reden, die sich größtenteils in Pakistan befindet. Mehrere Anführer haben verschiedentlich geäußert, dass sie direkt mit den USA und der Nato reden wollen.

Bisher hat die amerikanisch bestimmte Militärstrategie stets die Oberhand gewonnen über die politischen Notwendigkeiten in Afghanistan. Was wir jetzt brauchen, ist eine politische Strategie, der sich die militärische unterordnet. Der amerikanische Grundsatz, dass die Taliban militärisch zerschmettert werden müssen, bevor Verhandlungen beginnen können, gehört abgeschafft.

Die Militärstrategie der Nato muss sich ändern. Statt sich die schlimmsten Schlachthäuser als Erstes vorzunehmen, die südlichen Provinzen Helmand und Kandahar, sollten die Nato-Truppen sich auf realistischere Ziele konzentrieren, wo Sicherheit für die Mehrheit der Afghanen erreicht werden kann, eine Stärkung der Verwaltung und eine Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung.

Das erste Ziel muss die Sicherung der Ringstraße sein, die alle wichtigen Städte Afghanistans miteinander verbindet und diese wiederum mit der Grenze. Die internationale Gemeinschaft hat die Straße nach 2001 für viel Geld gebaut, doch heute haben die Taliban Hunderte Kilometer davon unter Kontrolle.

Sogar die strategisch entscheidende Verbindung von Kabul nach Kandahar ist für den alltäglichen Verkehr zu unsicher. Allein die Sicherung dieses Teilstücks würde Millionen Menschen entlang der Strecke Sicherheit bringen und dem ganzen Land wirtschaftlichen Schub geben.

Anschließend sollten die Provinzen in der unmittelbaren Umgebung der Hauptstadt Kabul von Taliban geräumt werden, damit Hilfsorganisationen auch dort wieder aktiv werden können und die Nato-Gelder, die zur Förderung von Industrie und Landwirtschaft vorgesehen sind, eingesetzt werden können.

In diesen Provinzen gibt es nicht sehr viele Taliban, aber sie terrorisieren die Bevölkerung, die eigentlich in der Mehrheit aufseiten der Regierung steht. Die schwache afghanische Armee könnte besser eingesetzt werden, um diese Regionen zu sichern, denn viele der Rekruten stammen aus genau dieser Gegend.

Als Nächstes sollten die nördlichen und östlichen Provinzen gesichert werden. In diesen Gebieten haben die Taliban nicht die Macht, und auch hier stehen wesentlich mehr Bürger hinter der Zentralregierung als im Süden, den die Taliban seit 2002 unangefochten beherrschen.

Mit einer Operation im Süden sollte die Nato lediglich ihre Positionen festigen, um ein Vorrücken der Taliban zu verhindern, aber sie sollte nicht versuchen, sie zu vernichten. So könnte man signalisieren, dass man ihre Existenz und ihre Stärke in den anstehenden Verhandlungen akzeptiert.

Deutschland ist wohl die einzige große europäische Macht, die seit den 20er-Jahren enge Beziehungen zu den Afghanen pflegt, als Deutschland beim Aufbau einer modernen afghanischen Armee half. Es hatte nie koloniale Interessen in der Region. Darum ist Deutschland besonders gut in der Lage, für die Nato und die afghanische Regierung Gespräche mit den Taliban anzuknüpfen.

Eine Militärstrategie, die auf einem politischen Dialog aufbaut und sich die leichtesten Ziele als Erstes vornimmt, hat bessere Aussichten auf Unterstützung aus der afghanischen Bevölkerung, den Staaten der Region und der internationalen Gemeinschaft. Das würde es den westlichen Truppen ermöglichen, noch länger zu bleiben, wenn das notwendig sein sollte. Die Alternative ist immer größeres und tieferes Chaos.

Ahmed Rashids jüngstes Buch erscheint diese Woche in Deutschland unter dem Titel „Sturz ins Chaos – Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban“. Eine aktualisierte Jubiläumsausgabe seines Standardwerks „Taliban – Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch“ wird demnächst erhältlich sein.

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