Der Diplomingenieur ist ein deutsches Qualitätsprodukt – und ein Auslaufmodell. Mit der Umstellung der Studiengänge auf das zweigliedrige Bachelor-/Mastersystem wurde der Grad vor zehn Jahren abgeschafft. Die neun größten Technischen Universitäten, die als sogenannte TU9 organisiert sind, wollen nun den „Dipl.-Ing.“ wieder verleihen. „Es besteht Einigkeit darüber, dass jeder, der ein entsprechendes fünfjähriges Studium absolviert hat, den Titel Diplomingenieur führen darf“, sagte der designierte Rektor der TU Dresden, Hans Müller-Steinhagen, dem Magazin „Focus“. „Wir wollen den Prozess der Umstellung auf Bachelor und Master erfolgreich zu Ende bringen, aber nicht das Qualifikationsziel aufgeben. Dieses Ziel beschreibt der Grad Diplomingenieur hervorragend“, sagte der Präsident der TU9 und Rektor der RWTH Aachen, Ernst Schmachtenberg, Morgenpost Online.
Schavan ist für den „Dipl.-Ing.“
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sieht ebenfalls keinen Grund, auf diesen Qualitätsbegriff zu verzichten: „Der Diplomingenieur hat in der Welt einen sehr guten Ruf. Es ist deshalb ein Zeichen von Selbstbewusstsein, neben dem internationalen Masterabschluss auch diesen Titel zu vergeben.“ Die Hochschulen arbeiten seit Längerem an der Revision der bisherigen Praxis, immer öfter mit Unterstützung der zuständigen Minister bei großzügiger Auslegung der Hochschulgesetze. In Bayern erlaubte Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) der TU München, den Diplomgrad als Äquivalent zum Master auf die Zeugnisse zu schreiben. Sein baden-württembergischer Kollege Peter Frankenberg (CDU) hat vor wenigen Wochen in der Kultusministerkonferenz dafür geworben, den Diplomgrad wieder einzuführen.
In Berlin findet sich der Zusatz „Dipl.-Ing.“ dagegen bisher auf keinem Zeugnis. Das Hochschulgesetz ist noch aus dem Jahr 1999 und verbietet die Äquivalente, derzeit wird an einer Neufassung gearbeitet. „Wir sind dafür, dass die Möglichkeit, neben dem Master auch den Diplomingenieur zu verleihen, darin aufgenommen wird“, sagte Patrick Thurian, der an der TU Berlin für die Studiengangentwicklung zuständig ist. Die TU9 sind optimistisch, dass die Kultusminister bei ihrem nächsten Treffen Mitte Oktober die Wiedereinführung beschließen.
Der zukünftige Dresdner TU-Präsident will jedoch noch einen Schritt weitergehen. Als bundesweites Modell regt Müller-Steinhagen an, fünfjährige Diplomstudiengänge parallel zum Bachelor-/Masterstudium anzubieten. Das sächsische Hochschulgesetz würde – anders als das Recht in den anderen Bundesländern – diese Parallelität erlauben.
Studium bleibt aber zweigliedrig
Einen solchen Schritt, der eine Abkehr vom Bologna-Prozess bedeuten würde, heißen die wenigsten gut. „Die TU9 will die Studienreform zum zweizügigen Bachelor/Master nicht antasten“, sagte Schmachtenberg. Auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) stellt sich hinter die umstrittene Reform: „Wir sind dafür, dass Bachelor und Master erhalten bleiben“, sagte VDI-Direktor Willi Fuchs. Er plädiert dafür, den „Dipl.-Ing.“ als Ergänzung, sowohl Bachelor- als auch Masterabsolventen zu verleihen. Dies könnte dazu beitragen, den Bachelor als vollwertigen Abschluss auf dem Arbeitsmarkt noch stärker zu etablieren. Auch die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz warnte vor „Verunsicherung“: „Man muss sich überlegen, ob es sinnvoll ist, sich von der internationalen Entwicklung zu verabschieden und die Studierenden durch eine partielle Rückkehr zur alten Studienarchitektur zu verunsichern, zumal ihre Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt dadurch nicht verbessert werden“, sagte Margret Wintermantel.
Eine Rückkehr zu den Diplomstudiengängen wird es wohl nicht geben. Ob es des Grads „Dipl.-Ing.“ bedarf, um auf dem Arbeitsmarkt Erfolg zu haben, steht ebenfalls infrage. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat Ende 2009 die Akzeptanz von Bachelor- und Master-Ingenieuren bei 1753 Unternehmen abgefragt. Die Studie räumt mit Vorurteilen auf, unter anderem dem, dass mit dem Bachelor sowieso nichts anzufangen sei. Finanziell haben die Neueinsteiger gegenüber den Diplomierten keine Nachteile. Nach drei bis fünf Jahren Berufserfahrung werden rund 80 Prozent der Bachelor-Träger so gut bezahlt wie Diplomingenieure. Der neue Fachhochschul-Master wurde gar als hochwertiger eingeschätzt als das alte FH-Diplom.





