Am 3. Oktober 2008 wird das einige Deutschland volljährig. Dann sind genau 18 Jahre vergangen, seit die DDR staatsrechtlich dem Grundgesetz und damit der Bundesrepublik beitrat. In diesen 18 Jahren ist in Deutschland viel Positives passiert. Doch um seine innere Einheit ringt das Land noch, wie sich nicht nur bei Landtags- und Bundestagswahlen zeigt, sondern auch bei fast jeder Meinungsumfrage. Rechtlich vereint, in der Mentalität noch getrennt – offensichtlich ist Einheit immer auch eine Frage der Perspektive.
Mit dieser Tatsache spielt der Siegerentwurf im Wettbewerb zu einem „Denkmal für Freiheit und Einheit“ in Berlin. Die Stiftung Aufarbeitung, wichtigste Bundeseinrichtung der Beschäftigung mit der DDR-Diktatur, hat in diesem Jahr ihren bisher stets für Plakate ausgeschriebenen Wettbewerb „Geschichts-Codes“ dem Thema Denkmäler gewidmet. Gesucht war eine Lösung für die Berliner Innenstadt zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor, die realisierbar sein sollte. 55 Vorschläge gingen ein, jetzt hat die Stiftung Aufarbeitung in Berlin die Siegerin und gleich drei dritte Plätze prämiert.
Am meisten überzeugt hat die Jury der Vorschlag von Bernadette Boebel von der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Sie hat die Perspektivfrage zur Grundlage ihres Entwurfes gemacht: Zwei stählerne Ringteile sollen auf dem Standort des ehemaligen wilhelminischen Nationaldenkmals aufgestellt werden, gegenüber dem wieder zu errichtenden Berliner Stadtschloss. Die beiden Elemente sind so gegeneinander versetzt, dass sie aus einem bestimmten Abstand und Blickwinkel als ein Ring wirken, aus allen anderen dagegen als zwei Teile desselben Ringes. Die Stelle, von der aus die beiden Teile sich optisch zur Einheit fügen, ist im Boden mit einer Platte markiert, auf der „3. Oktober 1990 Beitritt der DDR zur Bundesrepublik“ steht. Auf zwölf weiteren Plaketten, an anderen Stellen in einer gedachten Ost-West-Linie montiert, werden wichtige Daten der deutschen Teilung und Wiedervereinigung benannt wie der 17. Juni 1953, der 13. August 1961, der 4. und der 9. November 1989.
Entscheidung fehlt noch
Der Siegerentwurf ist bisher nur ein Vorschlag; noch gibt es keine Entscheidung des Bundestages, ob und wenn ja wo ein Denkmal aufgestellt werden soll. Doch am Freitag wird sich das Parlament, passenderweise am 18. Jahrestag des Mauerfalls, mit diesem Thema zum ersten Mal seit Jahren wieder beschäftigen. Auch der Verein Deutsche Gesellschaft trommelt für ein Denkmal. Ebenfalls ausgezeichnet wurde eine „Mauer“ aus Springbrunnen auf dem Leipziger Platz, genau auf der Linie des Todesstreifens. Das Wasser soll immer dann niedriger sprudeln, wenn sich auf beiden Seiten Besucher gegenüberstehen. „Die Debatte um ein Denkmal wird in jedem Fall konkreter“, bilanziert Rainer Eppelmann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Aufarbeitung, den Wettbewerb.
Noch ist unklar, ob der Bundestag eher ein Denkmal für die Einheit präferiert, eines für den Mauerfall oder doch gleich ein
umfassendes für den Sturz der kommunistischen Regime in Ostmitteleuropa 1989/90. Da Denkmäler erfahrungsgemäß dann funktionieren, wenn sie konkreten Ereignissen gewidmet sind, aber nicht, wenn sie sich zu sehr ins Abstrakte verlieren, spricht viel dafür, in Berlin ein Denkmal für die staatliche Einheit zu errichten und ein Denkmal für die friedliche Revolution in Leipzig, wo der gewaltfreie Zusammenbruch des SED-Regimes bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 begann.
In Washington D.C. wurde Ende November 1982 das Vietnam Veterans Memorial eingeweiht, gestaltet von der damals 23 jährigen Studentin Maya Lin. Es zählt auch ein Vierteljahrhundert später zu den beeindruckendsten der zahlreichen Denkmäler auf der National Mall. Diese Erfahrung spricht dafür, dem Siegerentwurf von Bernadette Boebel Chancen für die Verwirklichung zu wünschen.
Zu sehen sind die Entwürfe bis 1.1.2008 in der Nikolaikirche in Berlin





