Den Soldaten der internationalen Schutztruppe Isaf steht in Afghanistan ein harter Sommer bevor. Die Taliban sind stark wie nie seit dem Sturz ihres Regimes vor neun Jahren, die Anschläge der Aufständischen nehmen seit Monaten zu, fast wöchentlich werden Soldaten verletzt. Die Bundeswehr hat in Afghanistan seit Beginn ihres Engagements in Afghanistan bereits 43 Kameraden verloren.

Wie die deutschen Soldaten mit der gefährlichen Lage in Afghanistan umgehen, welchen Strapazen sie dort ausgesetzt sind, und welche Motivation sie im Einsatz antreibt, darüber berichtet in den nächsten Wochen Hauptmann Jan C. (31) in einer Art Tagebuch für Morgenpost Online.

Der 31-Jährige ist seit April Chef der 2. Infanteriekompanie des Regionalen Wiederaufbauteams (PRT) in Kundus. Damit stehen rund 120 Männer und eine Frau unter seinem Kommando, auch von ihnen werden sich an dieser Stelle einige zu Wort melden und ihre Erfahrungen schildern. In Deutschland ist Hauptmann C. seit April 2009 Kompaniechef des 2. Panzergrenadierbataillons 122 in Oberviechtach in Bayern.

---- Teil 2 ----

Vor einigen Wochen war meine Kompanie für sechs Tage im südlichen Chahar Darreh eingesetzt, dem inzwischen bekannten Unruhedistrikt. Zum einen hatten wir den Auftrag, dort die Höhen 431 und 432 zu verteidigen. Die sind eine Art südlichster Vorposten in dieser Region. Von dort hat man direkte Blickverbindung zu den Wohnorten und Stellungen der Aufständischen – unter anderem auch auf Isa Khel, den Ort, in dessen unmittelbarer Nähe es am 2. April zu den tragischen Gefechten kam, bei denen vier von unseren Kameraden starben.

Beide Höhen werden seit Beginn ihrer Nutzung als Vorposten vor einigen Monaten ständig weiter befestigt. Der Ausbau folgt aber militärischen Notwendigkeiten – für Komfort ist hier kein Raum. So ist zwar durch einen Generator inzwischen für Strom gesorgt; fließendes Wasser, feste Betten oder sanitäre Einrichtungen sucht man hier aber vergebens. Die Soldaten schlafen auf Feldbetten, in behelfsmäßig hergerichteten Unterkünften. Alles, was wir hier zum Überleben benötigen, müssen wir auf den Fahrzeugen mitbringen.

Bei sechs Tagen Einsatz am Stück kommt da eine beträchtliche Menge zusammen, nicht nur an Ausrüstung wie Waffen, Munition, optische Geräte, Funkgeräte, Batterien, Diesel und so weiter. Natürlich brauchen wir auch Essen und Wasser. Der Mindestbedarf pro Soldat liegt bei etwa zehn Litern pro Tag. Das schließt Trinken (bei Durchschnittstemperaturen über 30 Grad), Zubereiten von Essen und Waschen ein. Bei sechs Tagen und fünf Soldaten pro Fahrzeug sind das allein 300 Liter Wasser pro Fahrzeug! Wenn man sich jetzt noch vor Augen führt, dass das Ladevolumen unserer geschützten Transportfahrzeuge (ATF Dingo) nur etwa doppelt so hoch ist wie das eines Mittelklassewagens, werden die Relationen schon deutlich. Wie gesagt: Für Komfort ist hier kein Platz.

In Chahar Darreh haben wir auch den Auftrag, das Polizeihauptquartier des Distriktes zu sichern, gemeinsam mit der afghanischen Polizei (ANP). In diesem Zusammenhang ist auch die Verbindungsstraße von Chahar Darreh nach Kundus auf einer Länge von etwa acht Kilometern offenzuhalten. Das bedeutet: Durch regelmäßige Patrouillen müssen wir gewährleisten, dass sich eigene Kräfte und die Zivilbevölkerung ungehindert auf dieser Straße bewegen können. Genau das versuchen die Aufständischen regelmäßig zu verhindern, indem sie improvisierte Sprengsätze am Straßenrand deponieren oder die Isaf-Kräfte in Hinterhalte locken.

Bei letzteren begeben sie sich in für sie günstigem Gelände in Stellung, warten auf eine vorbeifahrende Patrouille und eröffnen dann das Feuer mit Gewehren und Panzerfäusten. Dies passierte auch uns in den Nachmittagsstunden des 3. Mai. Der Beschuss setzte aus heiterem Himmel ein, ohne jede Vorwarnung, aus einer Entfernung von etwa 150 Metern.

Glücklicherweise verfehlten die ersten Panzerfaustgeschosse ihre Ziele. Zwei Stunden lang erwiderten wir das Feuer, zogen zusätzliche Kräfte heran – und konnten so die Aufständischen endlich zum Ausweichen zwingen. In dieser Situation zeigte sich erneut die hohe Effektivität des Schützenpanzers (SPz) Marder. Dieser kann mit seiner Bordmaschinenkanone bis zu einer Entfernung von zwei Kilometern Stellungen der Aufständischen präzise bekämpfen.

Darüber hinaus habe ich – unabhängig von der Ausstattung – das Gefühl, dass meine Soldaten auf die hiesige Lage sehr gut vorbereitet sind. Trotz der jederzeit möglichen Gefechte sind aber auch Kontakte und Gespräche mit der afghanischen Bevölkerung ein wesentlicher Bestandteil unseres Auftrags. Darüber werde ich im nächsten Beitrag berichten.

Jan C.