Der Sieger wollte zunächst nur einen „kleinen Champagner“ öffnen – und mit dem großen bis Montag warten. In Polen hat am Sonntag, Wählerbefragungen zufolge, der liberal-konservative Kandidat Bronislaw Komorowski die Präsidentenwahl knapp gewonnen. Nach Schließung der Wahllokale um 20 Uhr lag Komorowski in dieser Stichwahl in zwei Befragungen mit 53,1 beziehungsweise 51,1 Prozent der Stimmen vorne. Sein Gegner, der national-konservative Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski, gratulierte ihm sofort. Auch nach Auszählung von 80,4 Prozent der Stimmen kam Komorowski nach Angaben der Wahlkommission auf 51,32 Prozent. Mit dem vorläufigen amtlichen Endergebnis wird für Montagnachmittag gerechnet.

Kaczynski gab sich amSonntagabend selbstsicher. „Vor uns liegen weitere Wahlen“, sagte er. „Wir müssen siegen“, forderte der Kandidat der Partei Recht und Gerechtigkeit. Ende des Jahres finden in Polen Kommunalwahlen, im Herbst 2011 Parlamentswahlen statt.

Komorowski begann seine Dankesrede mit den Worten: „Unsere polnische Demokratie hat gesiegt.“ Er beglückwünschte seinen Gegner zu dessen „hervorragendem Ergebnis“. Polens Regierungschef Donald Tusk, ein Parteifreund des Wahlsiegers, wertete den offenkundigen Sieg als „gute und sichere Wahl für Polen“. Komorowski selbst hatte kurz vor der Wahl der Zeitung „Fakt“ gesagt, seine Präsidentschaft werde „stark, aber fähig zur Zusammenarbeit mit Regierung und Parlament“ sein.

„Unberechenbarer Scharfmacher“

Beim ersten Wahlgang hatte Komorowski mit 41,5 Prozent der Stimmen eine notwendige absolute Mehrheit verfehlt. Kaczynski landete mit 36,5 Prozent auf dem zweiten Platz. Da der sozialdemokratische Kandidat Grzegorz Napieralski mit mehr als 13 Prozent überraschend gut abschnitt, warben Komorowski und Kaczynski vor der Stichwahl insbesondere um linksgerichtete Wähler.

Im Mai und Juni war der Wahlkampf von einem der schlimmsten Hochwasser in Polen seit Jahrzehnten überschattet gewesen. Der frühere Regierungschef Jaroslaw Kaczynski bemühte sich im Wahlkampf, sein Image als unnachgiebiger und polarisierender Nationalkonservativer abzulegen. Seine Anhänger halten ihn für den letzten Gerechten, der das Böse besiegen kann. Seine Gegner sehen in Kaczynski einen unberechenbaren Scharfmacher. Vor fünf Jahren war der polnische national-konservative Politiker schon einmal an der Macht: Der 61-Jährige war Regierungschef, sein Zwillingsbruder Lech amtierte als Polens Präsident. Zwei Jahre später schickten aber die Wähler Jaroslaw Kaczynski auf die Oppositionsbank. Dort agierte der Politiker meist ohne Fortune. Als sein Bruder bei einem Flugzeugabsturz starb, bekam er seine zweite Chance. Er entschied sich, um die Nachfolge seines Bruders zu kämpfen. Im Zentrum seines Programms steht ein starker Obrigkeitsstaat. In der Außenpolitik gilt die G20-Mitgliedschaft als Hauptziel. In der EU sieht er den Briten David Cameron als Hauptverbündeten. Kaczynski gilt als EU-skeptisch. Die katholische Kirche bildet in seiner Denkwelt die einzige moralische Stütze. Die Polen hätten nun die Wahl „zwischen kaltem Neo-Liberalismus und einem auf Solidarität begründetem Polen“, sagte der 61-Jährige auf seiner Abschlusskundgebung.

Aussöhnung mit Deutschland

Anders Komorowski. Der Politiker, der als wenig charismatisch, aber ausgleichend und europafreundlich gilt, warf seinem Rivalen vor, das Land zu spalten: „Ihr habt die Wahl zwischen einem Politiker, der Missgunst und Groll befördert, und einer Zukunft mit einer zuversichtlichen Vision.“ Komorowski bezeichnet seine Ansichten „als mitte-rechts, ich habe immer zur christlich-demokratischen Strömung gehört, ganz gleich, zu welcher Gruppierung ich gehört habe.” Er wolle seine ersten Auslandsreisen nach Brüssel, Paris und Berlin antreten, sagte er vor der Wahl. „Ich setze auf Vertiefung der europäischen Integration, während Herr Kaczynski sich davor fürchtet.“

Komorowski wurde 1952 als Sohn ostpolnischer Vertriebener in Schlesien geboren. Nach dem demokratischen Umbruch von 1989 in Polen hatte er sich langsam aber sicher nach oben gekämpft. Doch erst mit dem Verzicht von Regierungschef Donald Tusk auf eine Bewerbung um den Präsidentenposten schlug seine Stunde: Der Politiker der liberal-demokratischen Regierungspartei Bürgerplattform (PO) trat den Weg zum höchsten Staatsamt an.

Komorowski hält die Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen für die größte Errungenschaft der Gewerkschaft „Solidarnosc“. In der Außenpolitik ist ihm Brüssel wichtiger als Washington. Erste Kontakte zur demokratischen Opposition knüpfte Komorowski noch als Student. 1979 landete er nach einer illegalen patriotischen Demonstration erstmals im Gefängnis. Der streitbare Regimekritiker mit Historiker-Diplom war 1980 Mitbegründer der Gewerkschaft „Solidarnosc“. Nach der Verhängung des Kriegsrechts 1981 kam er für fast ein Jahr in ein Internierungslager. Bei der gestrigen Stimmabgabe in seinem ländlichen Rückzugsort Mackowa Ruda im Nordosten Polens antwortete der 58-jährige Komorowski auf die Frage, ob er zuversichtlich sei: „Sehr.“ Kaczynski rief in einem Wahllokal in Warschau alle Bürger zur Stimmabgabe auf.

Einen prominenten Fürsprecher hatte Komorowski mit Ex-Präsident und Solidarnosc-Führer Lech Walesa. Der Urnengang gilt auch als Test für die Parlamentswahl Ende 2011.