Das Haar ist es wohl. Schwarz mit ein wenig Grau an den Seiten. Und die Augen. Auf den ersten Blick sieht David McAllister aus wie „Mister Big“ in „Sex and the City“ (für alle, die nicht wissen, wer das ist: Im Leben der Serien-Hauptfigur Carrie Bradshaw gibt es einen Mann, gut aussehend, erfolgreich, bindungsunfähig, der immer wieder auftaucht und doch nie wirklich da ist). In unserer Mädelclique waren wir damals einig, dass es im Leben von fast jeder Frau einen „Mister Big“ gibt (oder gab). Jedenfalls – David McAllister ähnelt ihm irgendwie, äußerlich. Er kommt jedoch nicht mit einer schwarzen Stretchlimousine, wie es der Serienheld zu tun pflegt, sondern mit dem Taxi zum Treffpunkt.
David McAllister, 39 Jahre alt und als Nachfolger von Christian Wulff seit Donnerstag neuer Ministerpräsident von Niedersachsen, ist zu Besuch in seiner Heimat Berlin. Drei Tage vor seiner Wahl treffen wir uns im Charlottenburger Hardyweg. Vor Haus Nummer 16, seinem Elternhaus. Es ist unglaublich heiß, die Luft über dem Asphalt flirrt, nur ein paar vereinzelte Bäume an den Garagen gegenüber den zweistöckigen Doppelhäusern spenden Schatten. David McAllister trägt trotz der Hitze einen schwarzen Anzug. Hier ist er aufgewachsen. Elf Jahre lang war die „Britensiedlung am Olympiastadion“ sein Zuhause.
Es ist still, nur der Verkehrslärm von der Heerstraße ist gedämpft zu hören. David McAllister ist irritiert: „Hier war immer was los, in der Siedlung wohnten ganz viele Kinder.“ Nun ist die Straße menschenleer. „Tja“, sagt er, „das ist demografische Entwicklung live.“ Unkraut wuchert auf dem Bürgersteig, der Putz an den ehemals weißen Fassaden bröckelt. Nur hinter wenigen Fenstern hängen Gardinen, beinahe jedes zweite Haus scheint unbewohnt. David McAllister zieht die Augenbrauen hoch: „Die Hecken habe ich etwas, sagen wir mal, britisch-konservativer geschnitten in Erinnerung. It was a little neater.“ Ein bisschen akkurater.
Unglaublich glückliche Kindheit
Wir stellen uns ganz dicht an die Hecke seines Elternhauses, spähen auf das Grundstück. Ein Tisch, ein paar Gartenstühle, eine Birke in der Mitte des Rasens. „Auf die bin ich früher geklettert“, sagt McAllister. „Da war sie aber noch nicht so groß.“ Im Vorgarten spielte er Fußball mit anderen Kindern aus der Siedlung. Eine „unglaublich glückliche, behütete Kindheit“ habe er hier verbracht. „Nebenan wohnten auch Schotten“, erinnert er sich. Alles war streng geregelt. „Südlich der Heerstraße lebten Offiziere und Beamte in der Besoldungsgruppe von Offizieren, auf der anderen Seite der Straße waren die Wohnblocks für die Mannschaften und Unteroffiziere.“ Je nach Dienstgrad habe man ein Anrecht auf eine bestimmte Wohn- und Gartengröße gehabt. Die meisten Familien waren zwei, drei Jahre in Berlin. Die McAllisters blieben 13.
David McAllisters Vater war im Zweiten Weltkrieg Mitglied der britischen Streitkräfte gewesen und anschließend in seine Heimat Schottland zurückgekehrt. In den 50er-Jahren ging er als Militärbeamter wieder nach Deutschland. In einem Jazzklub in Köln lernte er seine künftige Frau kennen, eine Deutsche, Lehrerin für Deutsch und Musik. 1969 zogen sie von Nordrhein-Westfalen nach West-Berlin. „Beide sagten später immer, die Zeit in Berlin sei ihre glücklichste gewesen“, sagt David McAllister.
Wir gehen den Weg, den er früher jeden Tag gegangen ist. Über die Heerstraße in die Ragniter Allee, das war sein Schulweg. Links ist die Einfahrt zum Paulinenkrankenhaus, früher Britisches Militärkrankenhaus. David McAllister erinnert sich, dass sein Vater mal wegen Nierensteinen auf der Krankenstation lag. Plötzlich sei die gesamte Etage abgesperrt worden. „Da war hier aber ein Alarm. Wir dachten, was ist denn jetzt los?“ Es habe geheißen: „Der Heß ist hier.“ Rudolf Heß, der verurteilte NS-Kriegsverbrecher, saß bis zu seinem Selbstmord im August 1987 im Militärgefängnis Spandau und wurde für medizinische Behandlungen ins britische Militärkrankenhaus nach Charlottenburg gebracht – stets unter hohen Sicherheitsvorkehrungen. Begegnet sei er dem Nationalsozialisten damals aber nicht, sagt David McAllister.
Insgesamt habe das Leben in der „Britensiedlung“ beinahe „koloniale Züge“ gehabt. „Das war ein Fleck Großbritannien – mitten in West-Berlin.“ Es gab einen britischen Kindergarten, eine britische Grundschule, ein britisches Krankenhaus, eine britische Kirchengemeinde. Man hatte eigene Busdienste und ein eigenes Einkaufzentrum mit Supermarkt und Kino. Das gesellschaftliche Leben fand im „Officers Club“ statt. Dort gab es Tennisplätze und ein Schwimmbad. „Sonntags fuhren wir zum Lunch in den Club, da spielten dann drei ältere Herren Wiener Kaffeehausmusik.“ Die Mutter gab den britischen Soldaten Crashkurse in Deutsch, Kontakt zu deutschen Familien gab es kaum. Einzig beim Staats- und Domchor, in dem David McAllister dreimal die Woche den Knabensopran sang, lernte er gleichaltrige Deutsche kennen.
Wir gehen weiter. Vorbei an den weißen Mehrfamilienhäusern, die früher die „Family Quarters“ waren. Deutschlandflaggen hängen aus den Fenstern, wie sie zur Weltmeisterschaft überall aus Fenstern hängen. Wir biegen ein in den Dickensweg. Etliche Straßen sind hier nach britischen Schriftstellern benannt: Scottweg, Swiftweg, Shawweg, Byronweg, Hardyweg. Im Dickensweg 17–19 steht die Berlin British School. „Die ist im Grunde genommen unverändert geblieben“, sagt David McAllister, als wir stehen bleiben. Vor dem flachen Gebäude toben Kinder auf dem akkurat geschnittenen Rasen. David McAllister erzählt, wie er hier früher „Rounders“ spielte, eine Art Kinder-Cricket. Es wurde Schuluniform getragen: „Graue Hose, grauer Pullover, schwarz-gelb gestreifte Krawatte.“
Schwarz-Gelb, ausgerechnet, er kichert. Seit 2003 regiert in Niedersachsen eine schwarz-gelbe Koalition. Mit Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, der bis 2009 im Landtag Fraktionsvorsitzender der FDP war, ist er seit Jahren befreundet. Man trifft sich regelmäßig, spricht über dies und das, während die Töchter im Garten spielen. „Mac“ und „Doc“ werden sie von manchen genannt. Am liebsten würde er hineingehen, in die Schule, zu den Erinnerungen. Aber heute findet dort ein Fest statt, wir halten uns zurück und bleiben draußen. David McAllister sieht sich um, entdeckt ein anderes Gebäude weiter hinten. „Dort konnte man alles, was kaputtging, umtauschen“, sagt er. „Ging ein Teller zu Bruch oder eine Tasse, bekam man hier was Neues.“ Die Häuser der in West-Berlin stationierten britischen Soldaten seien alle gleich eingerichtet gewesen. Dieselben Gardinen, dasselbe Geschirr, alles wurde gestellt. Als die McAllisters 1982, zur Pensionierung des Vaters, umzogen nach Niedersachsen, hatten sie kaum Besitz.
Die Eltern wollten ihren Lebensabend in Norddeutschland verbringen und entschieden sich für Bad Bederkesa im Landkreis Cuxhaven. Der Umzug von der Großstadt in den 5000-Seelen-Ort sei ihm damals nicht schwergefallen, sagt David McAllister. „Ich habe genau vier Wochen gebraucht, um mich heimisch zu fühlen.“ Nur die Ruhe sei ungewohnt gewesen, anfangs habe er nicht einschlafen können.
Ein paar Jahre nach dem Umzug interessierte er sich immer mehr für Politik. Im Jahr 1986, das im Zeichen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl und der Explosion der Raumfähre Challenger stand, dem Jahr, in dem die Grünen erste Erfolge auf Landesebene feierten und immer mehr Zuspruch erhielten, trat David McAllister der Jungen Union bei. Zu seinem 17. Geburtstag zwei Jahre später wünschte er sich die CDU-Mitgliedschaft. „Meine Mutter konnte es erst nicht glauben, meinte dann aber: na ja, Gott, wenn du meinst …“ Seine Eltern seien eher unpolitisch gewesen, „zumindest nicht parteipolitisch“. 1986 kandidierte Gerhard Schröder bei den Landtagswahlen für die SPD gegen den seit zehn Jahren amtierenden CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Schulpolitik war in Niedersachsen damals ein großes Thema. Auch für McAllister. „Klavierunterricht war es nicht, Fußball auch nicht. Aber da hab ich gemerkt: das ist es.“
1996, mit 20 Jahren, wurde er Kreisvorsitzender der Jungen Union Cuxhaven, im selben Jahr Mitglied des Kreistages Cuxhaven, zwei Jahre später saß er im niedersächsischen Landtag. 2002 wurde er Generalsekretär der CDU Niedersachsen, ein Jahr später Fraktionsvorsitzender im niedersächsischen Landtag. 2008 löste er seinen Förderer Christian Wulff als Landesvorsitzenden der Partei ab, in der zurückliegenden Woche beerbte er ihn schließlich als Ministerpräsident.
Mit 39 Jahren ist David McAllister nun der jüngste seiner Amtskollegen. Er ist ehrgeizig. Er gilt als starker Analytiker und guter Redner. Manche spekulieren schon über einen zukünftigen Kanzler McAllister.
Sich selbst bezeichnet er als konservativ, „aber sehr angegrünt“. David McAllister tritt für eine moderate Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke ein, es müsse „so schnell wie möglich auf erneuerbare Energien umgestellt werden“. Jedes Jahr, das die AKW länger laufen, wird Nuklearmüll produziert. „Doch dessen Entsorgung ist seit Jahrzehnten ungeklärt.“ McAllisters Land ist das Land der Asse, das Land von Schacht Konrad und Gorleben. Energiepolitik spielt in Niedersachsen eine wichtige Rolle, der Atommüll lagert quasi direkt vor der Tür der Menschen. Der Wähler. Er weiß auch, dass die Bauern, auf deren Feldern die Windräder stehen und die ihr Geld mit Biomasse verdienen, ihr Kreuzchen traditionell bei der CDU machen. Ein weiteres Anliegen ist ihm die Integrationspolitik. „Ich habe ja selbst einen Migrationshintergrund“, witzelt er. Tatsächlich profitierte er davon, zweisprachig aufzuwachsen. Sein Vater jedoch sprach auch nach 35 Jahren in Deutschland kaum ein Wort Deutsch. „Wie das so ist“, sagt David McAllister. Sprache als Schlüssel zur Integration – der eigene Vater stellte sich da offenbar quer.
Schottenwitze sind nicht komisch
Wir gehen in Richtung Olympiastadion. Mit dem Vater war er oft dort, zu den Heimspielen von Hertha BSC und Tennis Borussia, als die 1976 und 1977 in der 1.Bundesliga spielte. David McAllister liest das Straßenschild: Flatowallee. „Die hieß früher Reichssportfeldstraße. Das konnte kein Brite aussprechen.“ Er albert ein bisschen herum, streckt den Rücken durch und sagt, sehr ernst und mit sehr britischem Akzent: „Raikspotfeldstras!“ Wir machen uns auf den Rückweg.
David McAllister, der Schotte aus Berlin, spricht akzentfreies Norddeutsch. Es wurde viel mit seinem Namen herumgewitzelt. „Mc Niedersachse“ schrieb die „Zeit“, „Little Big Mac“ die „taz“. Er vermutet, dass das nach den Haushaltsberatungen noch mehr werden wird. „Vielleicht heiße ich dann ‚Mac Geizhals', weil die Schotten ja angeblich so sparsam sind.“ Schottenwitze finde er nicht komisch. „Das sind Stereotype, und die sind unzutreffend. Schotten sind so geizig, wie Ostfriesen doof sind, nämlich überhaupt nicht.“ Auf die Niedersachsen lässt er nichts kommen.
In Bad Bederkesa ist er fest verwurzelt. Auch zum Jurastudium ging er nicht weit weg, sondern an die Universität Hannover. Dort lernte er auch seine Frau Dunja kennen, mit der er jetzt zwei Töchter hat. 2003 heiratete das Paar. „Nach der Hochzeit meiner Cousine der einzige Tag in meinem Leben, an dem ich einen Kilt getragen habe.“ Traditionell, ohne etwas drunter? „Das ist eine Frage, die man als Schotte nicht beantwortet“, sagt er und grinst. Berlin, das seien Kindheitserinnerungen. „Heimat, das ist Norddeutschland, Nordseenähe.“
Jetzt geht er zu den Spielen von Hannover 96, nicht mehr zur Hertha. Und er ist Mitglied im Schützenverein geworden, einfach weil er die Geselligkeit schätzt. „Was für die Rheinländer der Karneval, ist für die Norddeutschen das Schützenfest. Man geht da einmal im Jahr hin und das ist einfach witzig.“ Er zuckt mit den Schultern. So ist es eben auf dem platten Land.










