General Stanley McChrystal wird vermutlich seinen Posten als Oberkommandierender der Nato-Truppen in Afghanistan verlieren. Dies berichtet CNN am Mittwoch unter Berufung auf US-Militärkreise. Der General werde bei dem Treffen mit Präsident Barack Obama seinen Rücktritt anbieten. Obama hatte die in einem Magazinartikel kolportierten Verhöhnungen der zivilen Führung durch McChrystal und seinen Stab zornig als krasse „Fehleinschätzung“ kritisiert.

Sein Sprecher Robert Gibbs nannte den Fehler des Generals „profund in seiner Tragweite und Schwere“. Der Präsident behalte sich alle Optionen vor. Endlich hatte McChrystals direkter Vorgesetzter, US-Verteidigungsminister Robert Gates, den „schwerwiegenden Fehler“ gerügt und ihn auf der Stelle zum Rapport nach Washington beordert. Einzelne Kongressabgeordnete forderten noch am Dienstag die Entlassung McChrystals, der sich für seine rätselhafte Disziplin- und Respektlosigkeit entschuldigt hatte.

In ungewöhnlicher Offenheit mischte sich der afghanische Präsident Hamid Karsai zugunsten McChrystals in die Affäre. Eine Ablösung des Generals wäre „nicht hilfreich“ für die Lösung des Konflikts in Afghanistan, ließ Karsai seinen Sprecher mitteilen. McChrystal sei ein Mann von „hohem Anstand“ und einem „starken Verständnis“ für das afghanische Volk und seine Kultur. Ähnlich soll sich Karsai selbst am Dienstag in einer Videokonferenz mit Präsident Obama und seinem Sicherheitsteam geäußert haben. McChrystal nahm an der Konferenz nicht teil, weil er sich bereits auf dem Weg in die USA befand.

Der Name Stanley McChrystals (56) ist eng mit COIN, der „Counterinsurgency“-Strategie, die im vergangenen Dezember nach langer Prüfung übernommen wurde. Laut McChrystals COIN-Vorgaben sollen die alliierten Truppen nur zurückhaltend „tödliche Gewalt“ anwenden, also etwa auch die Zivilbevölkerung bedrohende Luftschläge anfordern. Laut US-Medienberichten gibt es Kritik und Widerstand in der Truppe gegen COIN, die Soldaten gefährde, indem sie ihnen „Handschellen anlege“.

In dem „Rolling Stone“-Artikel wird McChrystal mit einer Rechtfertigung für seine COIN-Strategie zitiert: „Die Herzen und Köpfe zu gewinnen, ist eiskalte Notwendigkeit. Die Russen haben eine Millionen Afghanen getötet, und es hat nicht funktioniert.“

In den US-Medien wird einhellig Fassungslosigkeit über die Dummheit des „Generals außer Kontrolle“ („The Runaway General“) geäußert. Selbst der Autor der Geschichte, Michael Hastings, bekennt, dass er die Offenherzigkeit der höhnischen und verächtlichen Äußerungen nicht fassen konnte. Hastings verbrachte offenbar untätige, geschwätzige Tage mit McChrystal und seinem Stab in Paris, als die Aschenwolke über Island den Flug des Generals stranden ließ. Er sei selbst über den Zugang überrascht gewesen. Die Bemerkungen klangen nicht so, als seien sie „aus der Hüfte“ (off the cuff) formuliert, sondern eher nach Routinekritik.

Die wenigen Verteidiger des Generals machen geltend, dass McChrystal direkt nur eine despektierliche Bemerkung über Richard Holbrooke zugeschrieben wird. Auch finde sich nirgends eine profunde Kritik an Präsident Obamas Afghanistan-Strategie. Unbestreitbar bleibt, dass McChrystal in erstaunlicher Selbstherrlichkeit ein Klima geschaffen oder zugelassen hat, in dem die zivile Führung der US-Streitkräfte als lächerliche Figuren verächtlich gemacht werden.

Kommentatoren sind sich uneinig, ob der General gewissermaßen in einem kalkulierten „Selbstmordattentat“ die Zerrüttung zwischen militärischer und ziviler Führung im Afghanistankrieg offenlegen wollte. Oder ob er so überheblich und weltfern war zu glauben, seine Insubordination werde schulterklopfend hingenommen. Carl Levin, der Vorsitzende des Wehrausschusses im Senat, warnte davor, dass McChrystal ein Signal der „Konfusion“ an die Truppe sende, die einen „negativen Effekt“ auf die Kriegsanstrengung habe.

Der führende Wehrexperte der Republikaner im Senat, John McCain, kritisierte General McChrystal scharf, verwies jedoch auf die alleinige Zuständigkeit Präsident Obamas, seinen Kommandeur zu entlassen. Die meisten Kommentatoren sind einig in der Einschätzung, dass auch eine Entlassung McChrystals nicht einen Strategiewechsel in Afghanistan bedeuten werde. Das Weiße Haus werde im Gegenteil nach einem Mann suchen, der für Kontinuität bürge.

Kaum zu dementieren ist in dem „Rolling Stone“-Artikel beschriebene zerrüttete Verhältnis des „Triumvirats“ Stanley McChrystal, dem Afghanistanbeauftragten Richard Holbrooke und US-Botschafter Karl Eikenberry. Während die Kompetenz jedes einzelnen außer Frage steht, scheint die Zusammenarbeit von Egomanien und Antipathien schwer gestört.

Widersprüchliche Signale kommen freilich auch aus Washington. Präsident Obama versprach im Dezember, dass die ersten US-Truppen im Juli 2011 aus Afghanistan abgezogen würden. Unter denen, die Obamas Ankündigung für falsch und die Mission gefährdend hielten, soll Stanley McChrystal gewesen sein.