Einen Frack hätte er ja im Schrank gehabt. Den braucht ein Bremer Bürgermeister mindestens einmal im Jahr. Beim Schaffermahl im Rathaus. Aber einen Cut? Einen Gehrock, dessen Form letztmals im Jahr 1900 überarbeitet wurde? Nein, so etwas besitzt Jens Böhrnsen nicht. Und bis zu jenem Tag, an dem Horst Köhler ihn um die Mittagszeit anrief, um ihn zu informieren über seinen unmittelbar bevorstehenden Rücktritt, hätte er auch im Leben nicht daran gedacht, sich einen zu besorgen.

Nun steht er da im Langhans-Saal des Schloss Bellevue, ein wenig breitbeinig und sehr gelöst. Er lächelt sein warmes Bürgermeister-Böhrnsen-Lächeln, sodass der Gast gleich auf ihn zuläuft und ihm die Hand schüttelt, statt protokollgerecht und mit gebührendem Abstand seine eingeübte Begrüßungsformel zu sprechen.

Vor der Fahne des Präsidenten stellen sie sich auf zum Foto: Seine Exzellenz Jean Willybiro Sako, der Botschafter Zentralafrikas, und Jens Böhrnsen, noch bis Mittwoch amtierender Bundespräsident. Im Cut. Im geliehenen Cut natürlich. Was nicht anders zu erwarten war von einem der in Bremen-Gröpelingen geboren wurde, nicht gerade die sonnigste Seite des Stadtstaats. Was aber nicht heißt, dass er sich eventuell unwohl fühlen könnte in diesem grauen Schmuckstück.

Eher im Gegenteil. Jens Böhrnsen macht „bella figura“ in seiner Zufallsdienstkleidung. Und wenn er da so steht, freundlich, gewinnend, staatsmännisch, das Beglaubigungsschreiben des Botschafters unterm Arm, dann denkt man einen Moment: Hey, das ist ja wie maßgeschneidert für diesen Mann.

Dabei achtet Böhrnsen, der ja kein heuriger Hase ist in der Politik, peinlichst darauf, auch nicht den winzigsten Anlass zu liefern für Spekulationen. Also reduziert er die, dennoch offensichtliche Freude am Kurzzeitamt auf homöopathische Dosen. Degradiert die eng getakteten vier Wochen als Staatsoberhaupt zur „Herausforderung“, die er ja schlecht habe ablehnen können als Bundesratspräsident. Es sei eine „interessante und spannende Zeit“ gewesen in Bellevue, aber das Ganze sei „so nicht vorgesehen war in meiner Lebensplanung“.

So ähnlich formulieren das derzeit auch Christian Wulff und Joachim Gauck landauf, landab. Man meldet sich eben nicht einfach so an als Kandidat fürs Schloss. Schon gar nicht, wenn man in gerade mal einem Jahr wiedergewählt werden will in seiner Heimatstadt, was wohl klappen wird, wenn man den aktuellen Bundestrend und die Bremer Wahlergebnisse der vergangenen Jahrzehnte nebeneinanderlegt. Böhrnsen ist Sozialdemokrat durch und durch, aber einer jener bei der Union mit großem Unwohlsein betrachteten Sozialdemokraten, deren Auftreten auch im bürgerlichen Lager große Anerkennung findet.

Dass das nicht nur an Äußerlichkeiten liegt, am akkuraten hanseatischen Auftreten Böhrnsens, spürt man, wenn man ihn ein bisschen ausfragt über die Rolle des Bundespräsidenten und sein Verhältnis zur Politik und zu den Bürgern. Staatsoberhaupt und Politik dürften keine Gegensätze bilden, formuliert er dann, und wenn man mag, dann kann man da leise, ganz leise, Kritik an Horst Köhler heraushören. Aber man muss das wollen. Böhrnsen hat sich bezüglich der Flucht des Ex-Präsidenten aus dem Amt allergrößte Zurückhaltung auferlegt, auch wenn er weiß, dass „80 Prozent, Minimum, der Bürger“ Köhlers abrupten Ausstieg nicht verstanden haben.

Und das ist es doch gerade, was das Verhältnis zwischen Bürger und Staat zuletzt so sehr hat abkühlen lassen. Dass der eine den anderen nicht versteht. Nicht nachvollziehen kann, warum da einer plötzlich die Fliege macht, der doch allergrößtes Vorbild sein sollte. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Jens Böhrnsen ein solch destruktiver Akt jemals unterlaufen würde.

Man kann das abkürzen an dieser Stelle: 56 „Beamtenurkunden, Ordenserlasse, Ordensurkunden“ hat Böhrnsen bis zum Wochenende unterschrieben, dazu neun „Gesetze, Urkunden, Ratifikationen sowie Zustimmungen zu Notifikationen“. Vier Wochen ist der 61-Jährige freudig gependelt zwischen seinen drei Ämtern als Bürgermeister, Bundesratspräsident und amtierender Bundespräsident, zwischen Bremen und Berlin, das er ohnehin mit in sein großes hanseatisches Herz geschlossen hat.

Er hat sich nicht vorgedrängelt in dieser Zeit, diplomatische Zurückhaltung bewiesen, war pünktlicher als sein Vorgänger und vielleicht, man ahnt das ja nur, auch ein bisschen beliebter bei den Mitarbeitern des Bundespräsidialamtes. Wenn also die SPD einen Kandidaten suchen sollte fürs höchste Amt im Staate, man sollte mal in Bremen nachschauen. Ob sich da einer nicht vielleicht doch würde überreden lassen. Wolfgang Teske jedenfalls, der schon seit 41 Jahren im Bundespräsidialamt seinen Dienst versieht und neun Präsidenten miterlebt hat, formuliert es nach 25 Tagen mit dem Bremer Bürgermeister so: „Böhrnsen wäre ein idealer Präsident.“