Vor einigen Wochen erzählte Jürgen Rüttgers im Landtagswahlkampf ungewohnt offen, wie er eine schwere Niederlage verkraftet hat. „Ich war schon mal Bundesminister für Bildung und Forschung“, sagte Nordrhein-Westfalens Noch-Ministerpräsiden, als er mit seiner Frau Angelika in einer Talkshow saß. „Damals haben wir uns vorgenommen, wir ändern zu Hause nichts, aber wirklich auch gar nichts. Es wird nicht angebaut, nicht umgebaut, nicht neue Möbel gekauft. Es bleibt so, wie es ist“. Als er dann im Jahre 1998 abgewählt wurde, mit der Regierung Helmut Kohls, war „das Amt einfach zu Ende“. Aber zu Hause ist das Leben normal weitergegangen. Wie vorher. „Man musste es nicht zurückabwickeln“, sagt Rüttgers.
Vielleicht hilft ihm diese Erinnerung, wenn er am heutigen Sonnabend seinen 59. Geburtstag feiert. Rüttgers muss gerade seine zweite große politische Niederlage verkraften. Er hatte am späten Donnerstagabend erklärt, keine neuen Ämter anzustreben. Nach der Ankündigung, bei einer eventuellen Neuwahl nicht gegen Hannelore Kraft von der SPD antreten zu wollen, ist das Teil 2 des Rückzugs und wohl die Ankündigung des politischen Karriereendes.
Rüttgers ist innerhalb weniger Wochen der dritte bedeutende Unionspolitiker, der nach Hessens Ministerpräsident Roland Koch und Bundespräsident Horst Köhler in den Hintergrund tritt. Vor fünf Jahren war ihm noch ein historischer Sieg gelungen, weil er die SPD nach 39-jähriger Dauerherrschaft abgelöst und eine schwarz-gelbe Koalition gegründet hatte. Doch seit der Wahl am 9. Mai gilt er als Verlierer, der, wie kaum jemand vor ihm, nach nur einer Legislaturperiode wieder in die Opposition muss. Der Mann, der früher einmal anerkennend „Zukunftsminister“ unter Kohl genannt wurde, gilt längst nicht mehr als einer der Hoffnungsträger.
Dem Parteivize, der sich gern als „Arbeiterführer“ beschreiben ließ, wurden große Ambitionen nachgesagt. Das Amt des Bundeskanzlers, des CDU-Parteichefs oder des Bundespräsidenten traute er sich wohl insgeheim zu. Seit elf Jahren führt er den größten CDU-Landesverband. Rüttgers wollte gern oben bleiben und vielleicht noch weiter. Auch nach dem Wahldesaster hat er gekämpft, für eine große Koalition mit der CDU in der Führungsrolle. Doch SPD-Landeschefin Hannelore Kraft hat ihn vorgeführt, gedemütigt, und wagt lieber eine Minderheitsregierung mit den Grünen. Rüttgers kann nur noch zusehen. Nun ist sein jahrzehntelanger Aufstieg zu Ende, er muss hinunter, umkehren an der Steilwand. Aber der Abstieg ist schwierig. Es ist ihm anzumerken. Für viele in und außerhalb der Union scheint klar, dass Rüttgers sich zurückziehen muss, damit ein Neufang möglich wird. Am Wahlabend vor sieben Wochen bot er dem CDU-Landesvorstand seinen Rücktritt an. Doch die Mitglieder lehnten gleich ab. „Das hätte unseren Landesverband ins Chaos gestürzt“, sagt ein Eingeweihter in der Union.
Dann versäumte Rüttgers es, einen klaren Rückzugsplan vorzulegen. Einige verteidigen ihn, halten das für menschlich nach der schweren Niederlage. Die Ankündigung einer rot-grünen Minderheitsregierung hat freilich Rüttgers' Rückzug katalysiert. Längst spürt Rüttgers die Stimmungen in den Führungsgremien der Partei – und fügt sich. Am Donnerstagabend beriet Rüttgers noch mit den 54 Kreisvorsitzenden, den Bezirkschef und dem CDU-Landesvorstand in Essen. Fast drei Stunden redeten sie. Es war eine sachliche, konstruktive Atmosphäre. „Wir haben Fehler gemacht. Wir waren zu siegesgewiss. Ich persönlich auch“, soll Rüttgers gesagt haben.
Als die Kreisverbandschefs wieder zu Hause ankamen, waren manche überrascht. Rüttgers kündige den Rücktritt von allen Ämtern an, er gebe seinen Landesvorsitz ab, hieß es in den Agenturen, bald auch in Fernsehen und Internet. „Ich habe mich gefragt, ob ich in der richtigen Veranstaltung gewesen bin“; erzählt ein Kreisvorsitzender. Andere waren ebenfalls erstaunt – offenbar hat sich Rüttgers intern nicht so eindeutig ausgedrückt, wie es kurz darauf ein Sprecher dargestellt hatte.
Jetzt wollen ihn alle so verstehen, dass er spätestens bis zu den regulären Vorstandswahlen der NRW-CDU im Frühjahr 2011 als Landeschef aufhört. Widerspruch war nicht zu hören. Seinen Posten als Stellvertreter von Parteichefin Angele Merkel wird er wohl schon beim Bundesparteitag im November abgeben. Sein Verhältnis zu ihr gilt als schwer belastet.





