Stasi-Gedenkstätte

Wanderungen im Herzen des Unrechtsstaates

Das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen feiert sein zehnjähriges Bestehen als Gedenkstätte – allen Anfeindungen zum Trotz. Morgenpost Online war vor Ort.

Foto: Reto Klar

Folter muss nicht blutig sein. Ein leises Klappern kann genügen, um fast jeden Menschen zu zermürben, sofern es nur oft genug wiederholt wird. Karl-Wilhelm Fricke erlebte solche Psychofolter im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. Die Verschlussklappe der Spionlinse in der Tür seiner Zelle wurde ungezählt oft mit leichtem Quietschen betätigt, an jedem seiner 454 Tage in diesem unterirdischen Zellenkomplex: „Die unausweichliche Folge dieser durchaus leisen Signale war, dass der Häftling den Posten unablässig wahrnahm, sich ständig kontrolliert fand und sich so seiner ausweglosen Situation bewusst wurde“, erinnert sich Fricke.

Der DDR-kritische und deshalb der SED verhasste Journalist war am 1. April 1955 in einer Wohnung in Schöneberg betäubt und über die damals noch offene, nur sporadisch kontrollierte Sektorengrenze nach Hohenschönhausen entführt worden. Hier fand er sich, nachdem die K.-o.-Tropfen ihre Wirkung verloren hatten, in einer kahlen Zelle wieder und wurde zum ersten Mal hart verhört. Zwar hatte er nie etwas anderes getan, als offen journalistisch die Ulbricht-Diktatur zu kritisieren, konnte daher auch nicht, wie von der Stasi verlangt, seine „Agenten“ in der DDR verraten. Dennoch wurde er wegen angeblicher Spionage zu 48 Monaten Haft verurteilt, die er bis zum letzten Tag absaß, außer in Hohenschönhausen auch in Bautzen und anderen DDR-Gefängnissen. Vier Jahrzehnte später übernahm der inzwischen pensionierte Journalist des Deutschlandfunks den Vorsitz im Beirat der im Sommer 2000 eingerichteten Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen. Heute feiert die Gedenkstätte mit einem Festakt ihr zehnjähriges Bestehen.

Mehr als 300.000 Besucher im Jahr

Angesichts der sonst unbefriedigenden Situation der Aufarbeitung der zweiten Diktatur auf deutschem Boden bildet die Gedenkstätte in der einstigen zentralen Untersuchungshaftanstalt der Stasi eine positive Ausnahme. Seit Jahren kennt die Besucherstatistik nur eine Richtung: nach oben. Statt wenigen Tausend Besuchern unmittelbar nach der provisorischen Öffnung als denkmalgeschütztes Gebäude 1994 kamen 2009 mehr als 314.000 Interessierte; allein seit Einrichtung der Stiftung vor zehn Jahren hat sich ihre Zahl, bei gleichbleibend knapper Ausstattung mit Personal, mehr als vervierfacht.

Dabei hat es die Stasi-Opfer-Gedenkstätte, wie Direktor Hubertus Knabe seine Einrichtung am liebsten kurz nennt, wahrlich nicht leicht: Sie liegt mitten im ehemaligen Stasi-Sperrgebiet im Nordosten Berlins, in Plattenbauten und schmucken Eigenheimen rund um die Gefängnismauern wohnen viele ehemalige Funktionäre des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Die zum größten Teil finanziell gut gestellten Stasi-Rentner führten von Anfang an einen Diffamierungskampf gegen die Gedenkstätte, die ihnen die Unmenschlichkeit ihres Regimes ständig vor Augen führt. Sie störten Führungen und sprengten einmal sogar eine Anhörung im Bezirksamt Lichtenberg, in der es um die Ereignisse in dem früheren Sperrgebiet ging, in dem nacheinander ein sowjetisches Internierungslager, ein von der Stasi übernommener KGB-Zellentrakt, das „HaftarbeitslagerX“ und eben das bis 1989 benutzte zentrale Untersuchungsgefängnis des MfS lagen. Auch Pensionäre des Unrechtsstaats mögen nicht an die eigenen Verbrechen erinnert werden.

Oft unterstützt wurden sie von kommunalen Politikern der SED-Nachfolgepartei PDS. Bemerkenswert ist daher, dass heute Abend der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit beim Festakt im Maxim-Gorki-Theater sprechen wird – immerhin stützt sich sein Senat auf eine Koalition aus SPD und Linkspartei. Außerdem führen ehemalige Insassen das Stück „Staatssicherheiten“ auf, zusammengestellt aus selbst erlittenen Hafterfahrungen.

Hauptziel der Attacken von früheren MfS-Kadern ist meist der westdeutsche Gedenkstätten-Direktor Hubertus Knabe, der keiner Auseinandersetzung aus dem Weg geht. Über den Unrechts-Charakter der DDR lässt er, seit 2001 im Amt, nie einen Zweifel. Er eckt damit an und macht sich im konsenssüchtigen Deutschland unbeliebt – etwa wenn er die nachwirkende DDR-Propaganda über den „Tag der Befreiung“ 1945 infrage stellt oder die Linkspartei unmissverständlich als „Honeckers Erben“ bezeichnet.

Seine Gegner verlegen sich gern auf Nebenschauplätze und kritisieren etwa, dass die im Stiftungsgesetz vorgesehene Dauerausstellung noch nicht fertiggestellt ist (es gibt aber sehr wohl eine sehenswerte, wenn auch kleine Übergangsausstellung). Auch manche übertriebene Aussage des Personals, ohne das kein Besucher das weitgehend im Originalzustand erhaltene Gefängnisareal besichtigen kann, wird oft unmittelbar Knabe angelastet – dabei hat noch niemand in den von der Gedenkstättenleitung verantworteten Texten Übertreibungen gefunden.

Wenn Knabe Gäste in seinem Büro empfängt, in dem rund ein Vierteljahrhundert lang der Stasi-Oberst Siegfried Rataizik als Gefängnis-Chef amtierte, weist er gern auf den improvisierten, an die Wand des Gebäudes angehängten Balkon hin. Tritt man hinaus, hat man den gesamten Gefängniskomplex im Überblick. Gern fragt Knabe, der in den 80er-Jahren selbst von der Stasi bespitzelt wurde, seine Besucher, woran sie die Perspektive erinnert – und vielen fällt spontan Steven Spielbergs Holocaust-Film „Schindlers Liste“ ein, in dem der KZ-Kommandant von einem ähnlichen Balkon aus mit einer Jagdflinte Häftlinge erschießt. Mit solch tatsächlich drastischen Assoziationen setzt Knabe aber eben nicht KZ-Terror und Stasi-Lager gleich. Er macht nur auf identische Mechanismen der Macht in den Diktaturen vor und nach 1945 aufmerksam, die unmenschlich waren. Dass die Leichenberge der Hitler-Herrschaft bei Weitem höher aufragten als jene des Ulbricht-Honecker-Regimes, weiß Knabe genauso gut wie seine Gegner. Vieles, was ihm vorgeworfen wird, erweist sich als böswillig aus dem Zusammenhang gerissen.

Nicht vorrangig dem Direktor, sondern vor allem dem Engagement vieler ehemaliger Insassen der drei nacheinander auf diesem Areal von der Stasi betriebenen Gefängnisse ist der große Zuspruch des Publikums zu verdanken. Fast die Hälfte der Besucher sind Schüler. In Hohenschönhausen können sie, wie sonst nur an wenigen anderen authentischen Orten in der früheren DDR, die Unmenschlichkeit des vermeintlich sozialistischen Staates geradezu erleben. Etwa, wenn ehemalige Oppositionelle, gescheiterte „Republikflüchtlinge“ oder aufgeflogene Fluchthelfer von ihrer Leidenszeit berichten.

Absolute Isolation war normal

Absolute Isolation war normal, Anwälte bekamen die Verhafteten oft Monate, manchmal über Jahre nicht zu sehen. Das Wachpersonal sprach die Gefangenen nur mit Nummern an. Auf den Gängen war eine Ampelanlage installiert, mit der jeder Kontakt von Häftlingen untereinander auf dem Weg vom oder zum Verhör verhindert wurde: Leuchtete ein rotes Licht auf, musste sich der von einem Wächter begleitete Insasse sofort mit dem Gesicht zur Wand drehen. Auf diese Weise sahen die Häftlinge nur die Gesichter der Wachen sowie der Vernehmungsoffiziere.

Während sich in den 70er-Jahren westdeutsche Linke heftig gegen die angebliche „Folterhaft“ für RAF-Terroristen in bundesdeutschen Gefängnissen erregten, sprach kaum jemand über die tatsächliche Psychofolter in Hohenschönhausen. Selbst die Stasi wusste um die Folgen ihrer Haftmethoden: Fast jeder dritte Zugang im ebenfalls in Hohenschönhausen gelegenen Haftkrankenhaus der Stasi wurde wegen „Haftpsychose“, zur „psychischen Begutachtung“ oder auch wegen „infantilen Beziehungswahns“ eingeliefert, wie interne Unterlagen verraten.

Wenn in Berlin die Reste der Mauer fast ausnahmslos getilgt worden sind und derzeit an die Stelle eines rekonstruierbaren Stücks des Todesstreifens an der Bernauer Straße ein ästhetisch wie konzeptionell missratenes „Kunstwerk“ gesetzt wird, ist die Gedenkstätte Hohenschönhausen der einzige Ort der Bundeshauptstadt, an dem die Bedrängung des Alltags ganz normaler Menschen in der DDR durch die Stasi körperlich spürbar wird.

Das dürfte, mehr als alles andere, zum außerordentlichen Erfolg der Stiftung beim Publikum beitragen. Für Ostalgie oder Schönreden der DDR ist im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen kein Platz – auch wenn selbst ehemalige Insassen heutigen Besuchern die zermürbende Wirkung psychischer Folter höchstens andeuten können.