In stressigen Situationen sorgt eine angenehme Umgebung oft für Entspannung. Vielleicht ist das der Grund, warum Kanada keine Kosten scheut, die Treffen der wichtigsten Regierungschefs der Welt an diesem Wochenende möglichst luxuriös herzurichten. Im Waldparadies Muskoka treffen sich zunächst die Staatschefs der sieben wichtigsten Industrienationen in einer Hotelanlage mit Hockeybahn und Golfplatz, obwohl die Spitzenpolitiker dafür sicher keine Zeit haben. Kurz darauf reisen die Politiker weiter nach Toronto, zum Gipfel der 20 größten Industrie- und Schwellenländer. Auch hier wird es ihnen an nichts fehlen.

Eine Milliarde Euro lässt sich Kanada diese Treffen der Politiker laut kanadischen Medienberichten kosten. Der Gipfel in Pittsburgh in den USA vor einem dreiviertel Jahr war gerade einmal ein Zehntel so teuer – und auch das ist viel Geld. Doch dieses Mal verschlang allein der Sicherheitszaun, der das Hotel in Muskoka umfasst, vier Millionen Dollar kosten. Zudem reist nur ein Teil der 3000 akkreditierten Journalisten mit nach Muskoka. Damit aber auch die anderen die Wald-Atmosphäre genießen können, wird Muskoka in Toronto nachgebaut. Kostenpunkt: zwei Millionen Euro. Den größten Anteil an den Kosten sollen jedoch die Sicherheitsmaßnahmen haben: mehr als 900 Millionen Euro.

Spannungen zwischen den Ländern

Bleibt die Frage, ob dieses Budget ausreicht, um die Spannungen im Vorfeld des Gipfels zu glätten. Denn im internationalen Gipfelbetrieb kracht es. Deutschland und die USA streiten sich. Konjunkturpakete, Finanzmarktregulierung, Finanztransaktionssteuer – in keinem der großen Themen, die in Kanada angesprochen werden, sind sich die beiden Wirtschaftsnationen wirklich nahe. Nur schwer ist vorstellbar, dass beide Länder ihren Streit in Toronto beilegen können.

Es beginnt schon mit der Diskussion um den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus den Konjunkturpaketen: Kurz vor dem Treffen der G-20-Finanzminister im südkoreanischen Busan vor wenigen Wochen hatte US-Finanzminister Timothy Geithner seinen 20 Kollegen einen Brief geschrieben. In diesem forderte er unter anderem Deutschland auf, mit Steuergeld weiter die Konjunktur anzuschieben. Gemessen an Gepflogenheiten konnte man das Schreiben als überdeutlich bezeichnen. Dass der Brief auch noch unter Journalisten breit verteilt wurde, dürfte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) als Ohrfeige empfunden haben.

Der Badener gilt als Mann mit kühlem Gemüt, der solche Gemeinheiten allerdings nicht vergisst. Daher ist es wohl kein Zufall, dass er die Amerikaner heute mit einer ähnlichen Attacke reizt. Unmittelbar vor dem Abflug der Bundeskanzlerin nach Kanada lehnt er in einem Gastbeitrag im „Handelsblatt“ das Ansinnen der USA ab. Dass er im gleichen Beitrag Europas Ökonomieverständnis den Vorzug gegenüber amerikanischer Denkweise gibt, spricht nicht für eine Annäherung beider Welten. Doch die Konjunkturpolitik ist nur eines der Themen, bei dem sich die Mächtigen zurzeit streiten, ohne sich grundlegend näherzukommen.

Moral belastet Verhandlungen

Nicht anders sieht es bei der Diskussion um die Regulierung der Finanzmärkte aus. Zwar sind sich alle einig, dass systemrelevante Banken künftig mehr Eigenkapital vorhalten müssen, um für Krisenzeiten besser gerüstet zu sein. An welchen Bilanzgrößen sich die Eigenkapitalquote aber orientieren soll und nach welchen Bilanzierungsregeln diese Größen ermittelt werden, ist aber umstritten. „Hier entwickeln sich die Positionen in den USA und Europa seit Monaten sogar auseinander“, heißt es in Berlin. Bliebe das so, stünde einer der wichtigsten Kernpunkte aller Reformvorhaben vor dem Aus.

Keine zwei Jahre ist es her, dass die G20 beim Treffen in Washington versprachen, die Finanzmärkte an die Kette zu legen. Jedes Produkt, jede Bank, am besten jeder Banker sollte von den mächtigen Finanzaufsehern in Zukunft kontrolliert werden. Riskante Geschäfte sollten eingedämmt werden. Und die Ratingagenturen, die in der Krise zum wiederholten Male eine so unrühmliche Rolle gespielt hatten, müssten reguliert werden, hieß es damals.

Viel haben Angela Merkel (CDU) und ihre Kollegen ihren Bürgern versprochen. Irgendwie mussten sie ihnen damals ja erklären, dass das Geld, das sie den Steuerzahlern zunächst für Bildung, Infrastrukturinvestitionen und Sozialausgaben weggenommen hatten, nun nicht umsonst in marode Banken gepumpt wurde. Die moralische Latte für wirtschaftliches Handeln wurde extrem hoch gelegt. 24 Monate später haben die Herrscher der Welt diese Latte noch immer nicht übersprungen. „Jetzt, nachdem das Schlimmste vorbei sein könnte, scheinen einige ihre großen Versprechen aus den Krisenzeiten 2008 und 2009 vergessen zu haben“, sagt Leo Dautzenberg, der finanzpolitische Sprecher der CDU, der Berliner Morgenpost. „Die G20 müssen jetzt vernünftige Ergebnisse hervorbringen. Ein weiteres Zuwarten und Taktieren darf es nicht geben.“

Bei vielen wichtigen Fragen gibt es keine Einigung: Da wäre etwa der Streitpunkt Ratingagenturen. Oder die geplante Steuer auf Finanztransaktionen oder Gewinne sowie Gehälter, die Banken zahlen sollen. Dass es bei vielen Themen oft nicht vorangeht, liegt keineswegs nur am mangelnden Willen der Beteiligten. Das Problem ist, dass Fragen geklärt werden müssen, die wegen unterschiedlicher Rechtssysteme und Bankenstrukturen in den einzelnen Ländern meist hochkomplex sind. So bleibt fraglich, ob der Gipfel abgesehen von seinem immensem Aufwand auch politisch in die Geschichte eingeht.