Erzbischof Thissen

"Wir haben uns zu wenig um die Opfer bemüht"

| Lesedauer: 8 Minuten

Foto: dpa

Mit den immer neuen Fällen von Kindesmissbrauch habe die katholische Kirche einen tiefen Fall erlitten, sagt Hamburgs Erzbischof Werner Thissen. Auf Morgenpost Online räumt er Fehler ein: Man habe zwar die Täter, nicht aber die Opfer gut betreut. Jetzt wolle die Kirche Vorreiter bei der Aufklärung sein.

Morgenpost Online: Herr Erzbischof, die katholische Kirche wurde durch die Welle der Missbrauchsfälle in eine Vertrauenskrise gestürzt. Wie soll sie da herausfinden?

Erzbischof Werner Thissen : Wir haben als Kirche die Chance, hier etwas für unsere Gesellschaft zu tun, da es sich hier um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt. Ich meine sogar, man braucht die Kirche, damit das Ganze ins Bewusstsein der Menschen dringt. Denn im Fall der Odenwaldschule wurde schon vor mehr als zehn Jahren auf den sexuellen Missbrauch hingewiesen. Aber es war kein Thema. Weil die Kirche davon nicht tangiert war? Als jetzt die Kirche betroffen war, da kam es zu dem Erdrutsch. Wir haben als Kirche etwas für die Gesellschaft auf uns zu nehmen. Auch weil wir eine klare Vorstellung von dem haben, was Schuld ist. Und von dem, was Reue ist. Was Vergebung ist.

Morgenpost Online: Woran liegt es, dass erst, als die Kirche betroffen war, Missbrauch zu einem großen Thema wurde?

Thissen: Eindeutig an der Fallhöhe. Wir treten als katholische Kirche mit einem deutlichen moralischen Anspruch auf. Wenn man dann sieht, wir erfüllen ihn auch selbst nicht immer, dann gibt das einen enorm tiefen Fall. Dann wird das für die Öffentlichkeit interessant. Und mit diesem tiefen Fall werden dann natürlich auch andere mitgerissen.

Morgenpost Online: Relativieren Sie mit dem Hinweis auf andere nicht Ihr Problem?

Thissen: Einspruch! Das ist kein Relativieren, das ist ein Zuspitzen. Ich sage: Wir tun gut daran, etwas für die Gesellschaft auf uns zu nehmen. Wir leugnen nicht das Versagen in unseren Reihen, aber wir wollen das Problem angehen. Wir ziehen das an uns. Wir wollen Vorreiter bei der Aufklärung sein. Wir sitzen auf der Anklagebank, obwohl jeder vernünftige Mensch weiß, dass längst nicht alle Missbrauchsfälle Fälle der katholischen Kirche sind. Aber wir schieben das Problem nicht auf andere ab. Wir sagen deutlich: Sexueller Missbrauch ist ein schweres Vergehen. Das sagen andere heute noch nicht einmal. Schauen Sie sich doch mal an, was im Beirat der Humanistischen Union alles zur Pädophilie gesagt worden ist. Missbrauch sei dafür eigentlich das falsche Wort, päderastische Verhältnisse wirkten sich positiv auf die Entwicklung eines Jungen aus.

Morgenpost Online: Die Kirche hat freilich ein riesiges Vermittlungsproblem. Ihr wird von vielen Kritikern noch immer unterstellt, sie suche bei Missbrauchsfällen mit ihrem Kirchenrecht das staatliche Recht zu umgehen.

Thissen: Das ist Unsinn! Die Dinge, die uns auf den Tisch kommen, die geben wir an die Staatsanwaltschaft. Ich muss allerdings zugegeben, das haben wir nicht immer getan. Auch wir haben das Problem lange nicht richtig eingeschätzt. Wir haben uns zwar sehr um die Täter bemüht, aber zu wenig um die Opfer. Deshalb gilt heute: Opferschutz hat Vorrang. Aber lassen Sie mich auch dies sagen: Viele in der Bundesrepublik Deutschland hatten lange die Vorstellung, der Mensch ist von Natur aus gut. Das ist er nicht. Deshalb hat es mich gefreut, dass ein Politiker wie Daniel Cohn-Bendit sagt, es sei ein grundsätzlicher Denkfehler der Linken gewesen zu glauben, dass der Mensch eigentlich gut sei. Das könnte der Apostel Paulus genauso gesagt haben.

Morgenpost Online: Das heißt, Sie geben dieser Aussage eine theologische Deutung: der Mensch als Sünder. Im Augenblick ist ja auch im gesellschaftlichen Leben viel von Sünde die Rede, von Steuersünde und Ähnlichem.

Thissen: Jeder Mensch ist auf Vergebung angewiesen. Auf Erlösung. Und für Vergebung und Erlösung steht das Kreuz, das Passions- und Ostergeschehen.

Morgenpost Online: Erzbischof Reinhard Marx hat die Aufnahme einer Meldepflicht von sexuellen Verfehlungen in die Richtlinien der Bischofskonferenz verlangt. Eine Forderung, der andere mit Skepsis begegnen. Wie stehen Sie dazu?

Thissen: Eindeutig immer dann Meldepflicht, wenn das Opfer dem nicht widerspricht!

Morgenpost Online: Welche Reaktion bekommen Sie als Erzbischof einer großen Diasporaregion auf die aktuellen Missbrauchsvorwürfe?

Thissen: Dadurch, dass sich die Vorgänge auf die katholische Kirche fokussieren, ist das eine große Last. Das nimmt mich, das nimmt unsere Priester und die Aktiven in den Gemeinden sehr mit. Von daher brauchen wir viel Kraft, um nicht zu sehr in Trauer zu verfallen.

Morgenpost Online: Es sind nicht mehr nur die „üblichen Verdächtigen“, Hans Küng oder die Leute von „Wir sind Kirche“, die den Zölibat infrage stellen. Wir haben es mit einer größeren Bewegung zu tun, mit einer Reaktion auf die Strukturveränderungen, auf die vielen priesterlosen Gemeinden.

Thissen: Ich finde es durchaus in Ordnung, dass über den Zölibat diskutiert wird. Er ist ja nichts Unabänderliches. Nichts unbedingt Notwendiges für den Beruf des Priesters. Es macht mich allerdings hellhörig, dass diese Diskussion mit einem solchen Eifer geschieht. Für mich ist die Ehelosigkeit um des Reiches Gottes willen gerade in unserer Zeit eine ungeheure Provokation. Aber auch eine wirklich christlich gelebte Ehe ist heute eine Provokation. Dass der Zölibat aktuell bei uns eine solche Rolle spielt, hängt damit zusammen, dass wir zu wenig Priester haben. Und dass manche meinen, bei einem Wegfall des Zölibats hätte man genügend. Da habe ich meine Zweifel. In den evangelischen Kirchen wird auch schon Pfarrermangel prognostiziert. Wir Katholiken haben auch einen Mangel an hauptamtlichen Diakonen, Pastoralreferentinnen, Gemeindereferenten, die alle heiraten können.

Morgenpost Online: Aber muss man nicht tatsächlich über neue Zugänge zum Weiheamt nachdenken, wie das der Theologieprofessor Joseph Ratzinger 1970 geschrieben hat? Als Papst will er davon freilich nichts mehr wissen, er spricht jetzt sogar vom „heiligen Zölibat“?

Thissen: Nachdenken tut die Kirche schon immer. Sie ist aber bisher zu dem Ergebnis gekommen: Wir bleiben beim Zölibat als einer Voraussetzung für das Priesteramt.

Morgenpost Online: Das Interesse an religiösen Fragen hat zugenommen, aber die Kirchen haben davon kaum profitiert. Warum nicht?

Thissen: Es ist ja erstaunlich, dass es auch zum Zeitgeist gehört, Interesse an religiösen Fragen zu zeigen. Die Kirche hat aber nicht vom Zeitgeist zu profitieren, sondern der Zeitgeist von der Kirche. Da erlebe ich hier im Norden doch erstaunliche Dinge. Immer wieder werde ich von Theater-, Opern- oder Museumschefs gebeten, etwas fürs Programmheft zu schreiben. Das neue religiöse Gespür birgt für die Kirche und für mich als Bischof durchaus Chancen, und die nehme ich gern wahr.

Morgenpost Online: Und gibt es tatsächlich auch eine Wiederkehr des Atheismus?

Thissen: Ich weiß nicht, ob das schon ein Wiedererwachen des Atheismus ist, wenn man mit schön beschrifteten Autos „Es gibt keinen Gott...“ durch die Städte fährt. Wenn es so ist, dass Religiosität Aufwind bekommt, dann ist es normal, dass die Areligiosität auch Aufwind erhält. Entscheidend ist, dass wir als Christen gesprächs- und auskunftsbereit bleiben.

Morgenpost Online: Zugespitzt gefragt: Müsste die Kirche nicht sogar dankbar sein, wenn sich der Atheismus auch aggressiv zeigt? Dann käme es zu einer Unterscheidung der Geister.

Thissen: Mir ist das viel lieber als eine laue Luft, in der alle sagen: Gott, was soll's? Da ist mir der Mensch schon lieber, der sagt: Da bin ich dagegen! Das will ich nicht! Das ist für uns als Kirche eine Herausforderung. Und die tut uns gut. Das Schlimmste wäre ein Klima, in dem Gott kein Thema ist, weder dafür noch dagegen.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos
Beschreibung anzeigen