Nach der Iran-Wahl

Mit Twitter gegen die Mullahs

Einen Tag nach Beginn der Groß-Demonstrationen gegen Präsident Ahmadinedschad versucht Teheran die Berichterstattung zu unterdrücken. Doch das ist im digitalen Zeitalter zum Scheitern verurteilt. Für Internetdienste wie Twitter und Youtube bedeuten die Proteste im Iran zugleich ein blitzartiges Erwachsenwerden.

Foto: AP

Die Diktatoren, Autokraten und Gewaltherrscher dieser Welt werden von ihren Geheimdiensten oder den eigenen Kindern in den letzten 48 Stunden auf eine unspektakuläre Seite im Internet hingewiesen worden sein: www.twitter.com . Ein niedliches Vögelchen ist zu sehen, vier Zeilen Erklärtext, die üblichen Anmeldefelder; „to twitter“ heißt „zwitschern“, und jeder kann kostenlos mitmachen. Was ist der Sinn? Kein großer. Einfach nur aufschreiben, was man gerade so macht, auf maximal 140 Zeichen. (Bis hierhin haben Sie bereits mehr als die dreifache Menge gelesen). Eine Art SMS also, die allerdings nicht nur einen einzigen Empfänger hat, sondern via Internet potenziell die ganze Welt. Das klingt alles ziemlich banal und ist es auch, sofern ein Student aus Bielefeld die Zahl der Mohnkrümel auf seinem Frühstücksbrötchen twittert.

Warum die Potentaten in Pjöngjang und Islamabad, in Moskau und Peking ausgerechnet vor diesem vermeintlichen Plapper-Medium Angst haben sollten, das zeigt sich derzeit in Teheran. Vorwiegend junge, technikkundige Iraner melden via Twitter praktisch sekündlich, was bei den größten Unruhen im Iran seit 30 Jahren in der Hauptstadt Teheran und anderen Städten geschieht. Obgleich die internationalen Journalisten in ihre Hotelzimmer gesperrt sind, wird die Welt in Echtzeit informiert, zum Beispiel im Kanal „iranelection“.

Bei YouTube sammeln sich Videos, die weltweit hunderttausendfach gesehen werden. Über Twitter werden Fotos aus Teheran bekannt gemacht, Demos organisiert, umgeleitet oder abgesagt, die Brutalitäten der Schlägertrupps dokumentiert und weltweit Hacker gegen den ungeliebten Präsidenten Ahmadinedschad und seine Schergen aktiviert. Das Unternehmen Twitter selbst hat unter dem Druck globaler User-Proteste Wartungsarbeiten kurzfristig verschoben, um den Informationsstrom nicht zu kappen. So ist aus vielen Piepsern ein Getwittersturm angeschwollen, den das Regime derzeit nicht unter Kontrolle bringt. Der Iran twittert Morgenluft.

Weltweite Aufmerksamkeit

Womöglich erlebt die Welt derzeit den ersten Regime-Umsturz, der via Internet, Computer und Handy befeuert wird. Schon jetzt steht fest: Die weltweite Aufmerksamkeit, die der US-Sender CNN mit seinen Bildern von der blutigen Niederschlagung des Aufstandes auf dem Tianamen-Platz in Peking 1989 bekam, erreicht Twitter 2009 für Teheran: Ein Medium begründet einen globalen Mythos. Nahezu alle etablierten Nachrichtenmedien bedienen sich derzeit nicht nur, aber vor allem, aus Twitter-News – auch wenn es die wenigsten offen zugeben.

Jahrtausende hatten es Diktaturen relativ leicht, Informationen zu unterdrücken oder abzufangen. Schriftstücke, Kassetten oder Filme wurden an hermetisch abgeriegelten Grenzen einkassiert, unliebsame Reporter des Landes verwiesen. Twitter, in Kombination mit anderen Internet-Plattformen, bedeutet dagegen die Revolution der Revolution. Es gibt keine Nachrichtensperre mehr. In der globalen digitalen Welt muss kein sperriger Datenträger mehr transportiert werden. Stattdessen huschen unzählige kleine Datenpakete um den Globus, derer die Abwehrdienste der Diktatur nicht mehr habhaft werden. Denn via Twitter werden nicht nur Informationen geschickt, sondern mit Hilfe der internationalen Netz-Gemeinschaft auch immer neue Schleichwege durch die Schutzwälle der Häscher angelegt. Dass in Teheran Computer- und Mobilfunknetze zeitweise lahm gelegt und Übertragungsgeschwindigkeiten gedrosselt wurden, konnte das landesweite Zwitschern kaum unterbinden. Die digitale Technik demokratisiert die Medien auch im Regime. Muftimedia gegen Multimedia - und die ganze Welt schaut zu.

Wer sich erstmals bei Twitter umschaut, ist zunächst verwirrt. Bis zu 100 neue Kurznachrichten treffen sekündlich ein. Und es dauert eine Weile, um herauszufinden, welcher Absender welche Rolle spielt. Es ist wie bei einem Menschenauflauf nach einem Unfall: Alle reden durcheinander. Nur wenige haben wirklich etwas gesehen, viele wollen einfach auch mal was sagen, es gibt Menschen mit Helfersyndrom, Schwätzer, Wichtigtuer und Lügner. Die Filter- und Erklärfunktion, die bei klassischen Medien der Journalist übernimmt, fehlt völlig. Stattdessen funktioniert die Schwarmintelligenz ganz gut. Die Menge der Nutzer entwickelt zumindest ein ungefähres kollektives Gespür dafür, wer Relevantes zu sagen hat und wer nur im Weg herumsteht.

Gegen ungeprüfte Informationen, Halbwahrheiten und Tartarenmeldungen stehen User, die Plausibilitätsbelege fordern, widersprechen oder korrigieren. Iraner im Exil etwa können recht bald herausfinden, wer sich wirklich in Teheran bewegt oder Unsinn aus einer Dachkammer in Oer-Erkenschwick funkt.

Das neue simple Medium Twitter hatte beim Amoklauf von Winnenden in den Augen vieler Medienexperten noch kläglich versagt. Während am Tatort Trauer und Fassungslosigkeit herrschten, tauschten sich Journalisten und Privatleute über banale Fragen aus, etwa, ob man für die anstehende Übernachtung auch eine Zahnbürste dabei habe. Das vorschnelle Urteil über das vermeintlich komplett blödsinnige neue Medium zeigte ein altbekanntes Phänomen: Der Inhalt wurde bewertet, nicht aber die weit reichenden Chancen, die das Medium dem Nutzer selbst bei klugem Einsatz bieten kann.

Wie YouTube , Facebook und Myspace ist auch Twitter zunächst einmal ein neuer Kanal, der Sender zu Empfängern macht und umgekehrt. Wie beim Online-Lexikon Wikipedia braucht die Welt eine Weile, um nach einer ersten Phase der Hysterie und Spielerei alle Missbrauchsmöglichkeiten zu erforschen und sich auf Regeln zu verständigen. Wikipedia wurde noch vor wenigen Jahren von konservativen Journalisten als Teufelswerk verdammt; inzwischen nutzt es nahezu jeder, der einen Rechner bedienen kann. Ähnlich erging es auch Facebook und YouTube. Zuerst kaperten junge Leute die Plattformen, um Gutturallaute und Schwachsinns-Filmchen auszutauschen. Inzwischen entdecken immer mehr Bürger und Firmen die Chance, sich hier seriös darzustellen, Freundschaften zu pflegen oder Informationen weiterzugeben.

Für Twitter, das jüngste der neuen Medien, bedeuten die Proteste im Iran ein blitzartiges Erwachsenwerden, weil die Inhalte plötzlich wichtig geworden sind. Vom reinen Stammelmedium hat sich die Kurzbotschafterei binnen weniger Tage zur globalen Macht entwickelt. Die These sei gewagt, dass der mögliche Wahlbetrug im Iran reibungsloser vonstatten gegangen wäre ohne die Macht der 140 Zeichen.

Einer der neuen iranischen Twitter-Stars ist „persiankiwi“, womöglich der derzeit bekannteste Unbekannte der weltweiten Community. Offenbar live aus Teheran versorgt diese Person die Welt mit relativ zuverlässigen Informationen über Straßenschlachten, Verletzte und Inhaftierte, wobei nicht klar ist, ob hier ein ambitionierter Bürger am Werk ist, ein gelernter Journalist oder ein gedungener Zwitscherer, der für die iranische Opposition oder gar einen Geheimdienst arbeitet: von Rafsandschani bis CIA ist alles denkbar.

Der Nickname jedenfalls ist nicht ohne subversive Ironie gewählt: „persiankiwi“ erinnert stark an „persiankitty“, eine der frühen Sex-Seiten im Internet. Am Sonntagabend hatte „persiankiwi“ nur ein paar Dutzend Zuhörer, zwei Tage später über 20.000. So ziemlich alle Nachrichtenredaktionen der Welt dürften dem großen Unbekannten inzwischen folgen, der nahezu minütlich aus Teheran berichtet und inzwischen über 300 Meldungen in nahezu militärischer Präzision abgesetzt hat. Persiankiwi ist sich seiner historischen Rolle inzwischen offenbar bewusst: Eine seiner Aufrufe am Dienstag lautete: „Jeder filmt heute soviel er kann mit seiner Handy-Kamera – sehr wichtig – das sind die Augen der Welt.“

Proteste in der Stadt Shiraz (15.6.2009)

Studenten in der Metro-Station der Universität Tehran (15.6.2009)

Demonstranten vor dem Azadi-Turm in Teheran (15.6.2009)

Polizei geht gewaltsam gegen Demonstranten vor (14.6.2009)

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