Der Stoff, aus dem die Träume sind, ist silberweiß und weich, und er entzündet sich in Verbindung mit Sauerstoff schon bei Raumtemperatur: Lithium. Wegen seiner hohen Energiedichte wird das Alkalimetall in Batterien als Anode verwendet. Die Nachfrage der Laptop-, Mobiltelefon- und Autoindustrie steigt rasant. Jetzt könnte das seit dreißig Jahren kriegsverwüstete Afghanistan, eines der ärmsten Länder der Welt, zum „Saudi-Arabien des Lithium“ werden.
Das schreibt das Pentagon in einem internen Bericht zu gewaltigen, neu entdeckten Mineralvorkommen im Land am Hindukusch, aus dem die „New York Times“ zitiert. Darin geht es um unberührte Bodenschätze im Wert von nahezu einer Billion Dollar (825 Milliarden Euro), die amerikanische Geologen in Afghanistan aufgespürt haben.
Neben dem begehrten chemischen Element, das in ähnlicher Masse bislang nur in Bolivien gefördert wird, handelt es sich bei den afghanischen Vorkommen unter anderem um Eisen, Kupfer, Kobalt und Gold. Mindestens 240 Millionen Tonnen Kupfer werden vor allem in Aynak in der östlichen Provinz Logar vermutet. Es ist eines der größten Vorkommen der Welt. Ferner wurden etwa 1,1 Milliarden Tonnen Eisen und 20 bis 25 Tonnen Gold lokalisiert. „Das Potenzial ist atemberaubend“, sagte General DavidH. Petraeus dem Blatt.
Petraeus ist der Chef des für den Nahen und Mittleren Osten zuständigen US-Kommandos Mitte (Central Command) und damit auch der Oberkommandierende der US- und Nato-Truppen am Hindukusch. Jalil Jumriany, ein Berater des afghanischen Bergbauministers, ist euphorisch: „Das wird das Rückgrat der afghanischen Wirtschaft.”
Reichtum bislang nur ein Märchen
Das Bruttoinlandsprodukt Afghanistans beträgt bislang nur neun Milliarden Euro. Präsident Hamid Karsai und die afghanische Regierung wurden kürzlich über den spektakulären Fund informiert. Er wurde durch die Auswertung von Karten und Unterlagen aus der Zeit der sowjetischen Besatzung in den 80er-Jahren möglich, heißt es in dem Artikel der „New York Times“.
Wird Afghanistan zum Aschenputtel der modernen Geopolitik? Erst umkämpft, korrupt, elend – und jetzt plötzlich auf dem Weg zu Reichtum und Stabilität? Das schöne Märchen ist noch sehr weit entfernt davon, zur Wirklichkeit zu werden.
Der Ausgang des blutigen Krieges gegen die Aufständischen ist offen. Das Verhältnis Kabuls zu seinem wichtigsten Verbündeten Washington ist auf einem Tiefpunkt. Die Entfremdung begann spätestens mit der eher an die heimatliche amerikanische Wählerfront adressierte Ankündigung Präsident Barack Obamas im vergangenen Dezember, die Truppen in Afghanistan zunächst zu erhöhen, aber je nach Entwicklung der Situation bereits im Sommer 2011 mit ihrer Reduzierung zu beginnen. Für Karsai klang dies nach einem bevorstehenden Rückzug aus einem nicht zu gewinnenden Krieg. Hinzu kamen harsche öffentlicher Maßregelungen durch das Weiße Haus. Obama kritisierte die Korruption und Vetternwirtschaft in Afghanistan in einer Form, die Karsais Ansehen und Souveränität in Frage stellte. Im April ließ Obama seinen Sprecher Robert Gibbs gar über die Möglichkeit einer Widerrufung der Einladung Karsais nach Washington philosophieren.
Im Gegenzug dachte der Paschtune Karsai laut darüber nach, mit den Taliban gemeinsame Sache zu machen. Als in diesem Monat die Friedensjirga, die Versammlung der Stammesältesten und Regionalführer, in Kabul offenkundig von den Radikal-Islamisten mit Mörsern und Selbstmordattentätern angegriffen wurde, soll Karsai so weit gegangen sein, entsprechende Berichte seines Innenministers Hanif Atmar und seines Geheimdienstchefs Amrullah Saleh „wie Dreck“ abzutun. Karsai soll den Verdacht geäußert haben, die Amerikaner hätten die Attacken inszeniert. Das berichtete unlängst ebenfalls die „New York Times“. Die beiden Minister, deren Loyalität Karsai bezweifelte, traten zurück.
Obama bemühte sich im Mai bei dem schließlich doch zustande gekommenen Staatsbesuch Karsais in Washington mit einem ausgesprochen ehrenvollen Protokoll um eine Verbesserung des beschädigten Verhältnisses. Doch kaum war der rote Teppich wieder eingerollt, gab es neue Hinweise darauf, dass der Afghane hinter dem Rücken des Westens mit den Taliban verhandelt. Karsai traut der alliierten Militärkoalition einen Sieg n dem seit fast neun Jahren währenden Krieg offenkundig nicht mehr zu.
In dieser Situation sind gute Nachrichten aus der Sicht Washingtons ausgesprochen erwünscht. Doch die Kunde vom Reichtum unter den unwirtlichen Weiten Afghanistans kann auch negative Auswirkungen haben. Kämen die Taliban, die Ende 2001 von den Amerikanern wegen ihrer Unterstützung des Terrornetzwerks Al Qaida gestürzt wurden, tatsächlich wieder an die Macht, würden sie nicht mehr einen verelendeten Hinterhof der Welt regieren müssen. Begierden könnte die Nachricht über die Bodenschätze auch unter den traditionell starken Provinzchefs wecken. Reiche Vorkommen auf ihren jeweiligen Terrains würde ihnen die Möglichkeit bieten, sich mit Waffen und Kämpfern zu mächtigen Warlords aufzurüsten und Ansprüche der afghanischen Zentralregierung abzuwehren. Zwar dürfte der Aufbau einer Bergbauindustrie in Afghanistan noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte andauern. Aber Anrainer, nahe und ferne Mächte dürften bereits kurzfristig bereit sein, Kredite an ambitionierte und skrupellose Clanchefs zu vergeben.
Denn auch international gewinnt der Schauplatz Afghanistan an Attraktivität. Bis heute umstritten ist etwa die Rolle des benachbarten Pakistans und seines Geheimdienstes bei der Ausrüstung der Taliban und anderer Aufständischer. China, ebenfalls ein Nachbar, sicherte sich un0längst bereits die Rechte an der Ausbeutung einer großen Kupfermine in Afghanistan. Der Umstand, dass der zuständige Minister in Kabul für das lukrative Geschäft rund 30 Millionen Dollar Schmiergeld kassierte, war einer der Gründe dafür, dass die Spannungen zwischen Kabul und Washington zunahmen. Der korrupte Politiker wurde später entlassen.
Land als Rohstoff-Exporteur
Schließlich dürften sich jene Kräfte im Westen, die den USA und der Nato schon immer unterstellt haben, beim Krieg in Afghanistan in erster Linie wirtschaftliche Interessen zu verfolgen, durch die Neuigkeiten in ihrem Vorurteil bestätigt sehen. Und hatte nicht auch, so viel zum Schauplatz Deutschland, Bundespräsident Horst Köhler vor seinem spektakulären Rücktritt über den Einsatz der Bundeswehr zur Sicherung von weltweiten Handelsinteressen gesprochen?
Dabei ist seit langem bekannt, dass Afghanistan ein an Bodenschätzen und Ressourcen reiches Land ist. „Zwölf Gesteinsvorkommen mit Lithium-Mineralien wurden bislang in den Provinzen Laghman und Nangarhar identifiziert, aber auch in den Provinzen Badkhshan und Uruzgan“, heißt es in einem Report auf der offiziellen Website des afghanischen Ministeriums für Bergbauangelegenheiten. Geologen des USGS, der amerikanischen Geologiedienstes, führen Lithium-Vorkommen in Afghanistan seit spätestens 2007 in öffentlich zugänglichen Untersuchungen auf. Auch auf die Ressourcen an Eisen, Kupfer, Kobalt, Gold und anderen Bodenschätzen wurde in Berichten regelmäßig hingewiesen. Neu ist allerdings die Schätzung des Gesamtwertes der Vorkommen von einer Billion Dollar. Bei entsprechender Ausbeutung soll gar ein Ertrag von bis zu vier Billionen Dollar möglich sein.
Afghanistan könne zu einem der weltweit führenden Rohstoff-Exporteure werden, sagt Petraeus. „Es handelt sich um ein Land ohne Bergbau-Kultur“, sagt der US-Geologe Jack Medlin. „Es gab nur ein paar von Hand ausgebeutete Minen, aber nun könnten dort einige sehr, sehr große Minen entstehen, die mehr erfordern als nur eine Goldschürfpfanne.“
Die Fundstätten der unterschiedlichen Bodenschätze liegen zum Teil in jenen südlichen und südöstlichen Provinzen entlang der Grenze zu Pakistan, die besonders hart zwischen den Taliban und den US-geführten ausländischen Truppen sowie der afghanischen Nationalarmee ANA umkämpft sind. Die großen Lithium-Vorkommen, die US-Geologen im Dienste des Pentagon erst diesen Monat gefunden haben, sollen sich unter ausgetrockneten Salzseen in der zentral- bis ostafghanischen Provinz Ghazni verbergen. Werden die Bodenschätze professionell gefördert, könnte das den Opiumanbau schon bald in den Schatten stellen. Das ist der Traum von einer besseren Zukunft.





