Gesundheitssystem

Ärztevertreter geißeln Reform der Regierung

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Gisela Kirschstein

Foto: dpa / DPA

Das Ziel ist klar: Vier Monate vor der Bundestagswahl versuchen die Ärzteverbände, ihren Forderungen an die Regierung Druck zu verleihen. Weil viele niedergelassene Ärzte unter den momentanen Bedingungen ihre Praxen nicht mehr halten könnten, verlangen sie eine alternative Verteilung ihrer Honorare.

Der Unmut in der Ärzteschaft wächst, und die Gelegenheit ist günstig: Die vier Monate bis zur Bundestagswahl wolle man nützen, um die Forderungen der Ärzte an die Politik deutlich zu machen, sagte der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, in Mainz.

Einen Tag vor dem heutigen Beginn des 112. Deutschen Ärztetages hat sich die Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zu ihrer Vertreterversammlung getroffen. Auch die Vereinigung Freie Ärzteschaft, der Marburger Bund und die Vereinigung der Hausärzte nutzten die Aufmerksamkeit vor dem großen Medizinertreffen für die Verbreitung ihrer Botschaften.

Gemeinsam war allen die eine Hauptbotschaft: Die seit Januar geltende Budgetierung der Honorare fördert einen ungeordneten Wettbewerb von freien Dumping-Angeboten und bedroht so die Grundlagen einer freien, niedergelassenen Ärzteschaft, die aber die Grundlage einer guten und vor allem flächendeckenden Versorgung in Deutschland sei. Köhler drückte das so aus: Die Politik lege mit dem neuen System die „Abrissbirne“ an das Fundament einer gerechten und guten Versorgungslandschaft, damit aber drohe der Zusammenbruch des ganzen Gebäudes.

Seit Januar gelten gerade im ambulanten Bereich Pauschalen für die Patientenversorgung von 35 Euro pro Quartal und Patient. Dafür muss alles geleistet werden: Spritzen, Blutabnahmen und für Gespräche, egal, wie lange diese dauern. Damit werde aber eine Haltung gefördert, dass Patientengespräche möglichst kurz gehalten würden und Hausbesuche nicht mehr stattfänden, kritisierte der Präsident der Freien Ärzteschaft, Martin Grauduszus. Zu fordern, Ärzte sollten ökonomisch denken, habe zur Folge, dass diese zusätzliche Einnahmequellen suchten – und eben Privatpatienten vorzögen.


Die neue Budgetierung bedeute für die Hausärzte massive Einkommenseinbußen, sagt Grauduszus, der selbst seit 1992 niedergelassener Allgemeinmediziner in Erkrath bei Düsseldorf ist. In den ambulanten Bereich fließe seit Jahren immer weniger Geld: Vor 20 Jahren seien es noch 22 Prozent Anteil an den Kosten im Gesundheitswesen gewesen, heute seien es nur noch 15 Prozent.

Zugleich leiste der ambulante Bereich aber viel mehr als früher, heute würden Operationen oder Herzbehandlungen ambulant geleistet, auf dem ambulanten Markt tummelten sich viel mehr teure Fachpraxen. Die Verteilung des Kuchens aber gehe immer mehr zulasten des klassischen Hausarztes, klagte Grauduszus: „Die Ärzte schwanken zwischen Verzweiflung, Entrüstung und Empörung.“ Er selbst rechne dadurch mit einem Gewinnrückgang von 40.000 bis 50.000 Euro in diesem Jahr, „das ist mehr als die Hälfte meines Einkommens“.

Viele niedergelassene Ärzte könnten unter diesen Bedingungen ihre Praxen nicht mehr halten. „Die Versorgung mit Praxen in der Fläche ist nicht mehr gewollt“, warf Grauduszus der Politik vor. Stattdessen werde ein Trend zu Gesundheitszentren gefördert, dort aber seien die Ärzte nicht mehr unabhängig in ihrer medizinischen Entscheidung, vielmehr unterlägen angestellte Ärzte den Weisungen von Nichtmedizinern, die in erster Linie wirtschaftlich dächten. Dieser harte Wettbewerb nütze den privaten Anbietern, warnt Grauduszus: Gerade im Zuge der Wirtschaftskrise stünden jetzt bereits „die Konzerne in den Startlöchern, um die stattlichen Kliniken zu übernehmen“.

Auch die KBV fordert deshalb die Rückkehr zur Einzelleistungsvergütung und schlägt neue Arten von Kollektivtarifen im Gesundheitssystem vor. Nach diesen Vorstellungen sollten Versicherte die Wahl zwischen drei Tarifen haben: einem Tarif eins, der der heutigen Regelversorgung mit freier Arztwahl entspricht, einem Tarif zwei mit Überweisung zum Facharzt nur durch den Hausarzt sowie einen Tarif drei, der auf Kostenerstattung basiert.

Schon jetzt gebe es eine „verdeckte, verborgene, heimliche Rationierung“, im Gesundheitswesen, warnt der Vorsitzende des Marburger Bundes, Rudolf Henke, und fordert die Einführung eines „Gesundheits-Riesters“ analog zur Rentenversicherung. „Wenn das Geld nicht reicht, muss man eine Priorisierung der Leistungen erwägen“, sagte Henke. Der Versicherte wisse dann, für welche Fälle er zusätzlich vorsorgen müsse. Nicht jede Therapie müsse im Katalog verankert werden. Auf Dauer könne „nicht alles gemacht werden, was geht“.

Der Gesundheitspolitiker Rolf Koschorrek (CDU) forderte, über ein neues Honorarsystem zu diskutieren. „Das Geld muss gerechter verteilt werden“, sagte Koschorrek Morgenpost Online. Die Verteilung der Honorare sei zu undurchsichtig. Politik, Ärzte und Krankenkassen hätten sich aber in dieser „Intransparenz“ bequem eingerichtet. Das müsse sich dringend ändern.

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