Die Randale droht dieses Jahr vor Herr Lehmanns Tür. Die Kneipe Madonna am Spreewaldplatz diente einst Sven Regener als Vorbild für seinen Kreuzberg-Roman um den antriebslosen Barmann.

Am Sonnabend dürfen sich die Gäste der Bar bei Bier und exquisitem Malt-Whiskey die Schlusskundgebung der revolutionären 1.Mai Demonstration anschauen.

Und üblicherweise beginnt in den Abendstunden nach dem Schluss des Aufzuges der schon traditionelle Angriff der Straßenkämpfer gegen die grün uniformierten Repräsentanten des kapitalistischen Systems.

„Ich erwarte gewalttätige Auseinandersetzungen“, spricht halb resigniert, halb routiniert der SPD-Innensenator Ehrhart Körting das aus, was alle in der Stadt denken.

Wenn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) appelliert, Berlin wolle und dürfe sich „nicht an Ausschreitungen zum Tag der Arbeit gewöhnen“, dann klingt das sehr nach Wunschdenken.

Die üblichen Mahner von den Polizeigewerkschaften sagen sogar, diesmal könne es Tote geben, was in einem Hagel von Pflastersteinen ohnehin noch nie jemand ausschließen konnte.

Der 67 Jahre alte Körting weiß nach neun Jahren im Amt, dass ein Innensenator wohl nicht zu halten wäre, sollte jemand zu Tode kommen.

Das Ritual vor dem 1. Mai in der Bundeshauptstadt gleicht dem der vergangenen Jahre. Und doch ist diesmal einiges anders. So zieht die linke Demo nicht mehr mitten durch das vom Bezirk organisierte „Myfest“ und durch längst von der verhassten Gentrifizierung befallenen Kreuzberger Wohnstraßen.

Die Linksautonomen laufen durch das benachbarte Nord-Neukölln, wo noch echte arme Leute leben, um dann am Kreuzberger Spreewaldplatz zwischen der Kneipe Madonna und der Glasfassade eines der luxuriösesten öffentlichen Wellenbäder Berlins zu enden und nicht an den üblichen Kampfplatz um die Oranienstraße.

Vor allem aber heizen die Rechtsradikalen die Lage auf vor der inzwischen 24. Auflage des Berliner Randale-Tages seit 1987. Die Neonazis werden zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder in Berlin am Tag der Arbeit marschieren und haben sich für ihre Demo am Nachmittag den alternativ-verbürgerlichten Prenzlauer Berg ausgesucht.

Über die genaue Route feilscht Körtings Innenverwaltung wie gewohnt bis zuletzt mit den Anmeldern um NPD-Landesvize Sebastian Schmidtke.

Linken Antifas soll es nicht gelingen, Gehwegplatten auf Hausdächern zu deponieren und damit die Rechten zu bewerfen.

Treffpunkt für die Neonazis soll die Bornholmer Brücke sein, wo vor einem halben Jahr die Kanzlerin und Michail Gorbatschow den Fall der Mauer feierten.

3000 Rechte erwarte er, sagt Körting, darunter gewaltbereite sogenannte Autonome Nationalisten. Seine eigenen Verfassungsschützer stapeln tiefer, gehen von der Hälfte Neonazis aus.

Die Stadt ist in Aufruhr. Von der autonomen Antifa, über die Linkspartei und Verdi-Jugend bis zum SPD-Bezirksbürgermeister und der Pankower CDU reicht das Bündnis, das die Rechten stoppen will.

Für die Polizei wäre es am einfachsten, wenn die Demonstrationsroute dermaßen verstopft wäre wie die Schlossbrücke in Mitte am 8. Mai 2005.

Damals entschieden die Einsatzleiter, es wäre unverhältnismäßig, mit Knüppeln und Wasserwerfern das Demonstrationsrecht der Neonazis durchzusetzen. Die Rechten mussten wieder in die S-Bahn steigen, die sie heraus aus der Stadt karrte.

Konfrontationen zwischen militanten rechts- und Linksradikalen glaubt die Polizei am 1. Mai verhindern zu können. Schwieriger dürfte es sein, in der Nacht zuvor die Kontrolle zu behalten.

Einzelne Gruppen der Linken haben die rechte Szenekneipe „Zum Henker“ im Ost-Stadtteil Niederschöneweide im Visier, wo die Kameraden die Walpurgisnacht mit rechtem Deutschrock begehen wollen.

Die Linken versammeln sich traditionell auf dem Boxhagener Platz in Friedrichshain, wo Spielplatz und Liegewiese vorsorglich tagelang mit Polizeigittern abgesperrt sind.

Insgesamt 6200 Polizisten werden aufgeboten, die Hälfte davon aus anderen Bundesländern. Warnungen, diesmal würden die Innenminister Körting die Hilfe verweigern, stellten sich wie so oft als Unkenrufe heraus.

Für Klaus Wowereits rot-rote Koalition ist es politisch wichtig, die Lage am Mai-Tag einigermaßen zu beherrschen, ohne ihrer linksliberalen Anhängerschaft eine allzu harte Gangart gegen Demonstranten zuzumuten.

2009 hatte die vehemente Gewaltbereitschaft der Autonomen aus der revolutionären Demonstration heraus die nur vereinzelt angetretenen Sicherheitskräfte überrascht.

Die Polizei hatte die Lage falsch eingeschätzt, nachdem über Jahre hinweg die Krawalle abgeflaut waren. Aber die Mai-Nacht 2009 endete mit 479 verletzten Polizisten. Das, so schwört Körting, werde 2010 nicht wieder geschehen.

Die Politik ist vorgewarnt durch eine unendliche Kette linker Gewaltakte und angezündeter Autos. Die Autonomen heizen im Stile der Tailban-Propaganda die Stimmung an. Die Straßenkämpfer posieren mit Knüppeln und Macheten bewaffnet auf Gruppenfotos, ein Vermummter verkündet per Video-Botschaft Drohungen.

Kreuzberg rüstet sich, hat aber seine Gelassenheit nicht verloren. Nur das Autohaus und der Supermarkt hängen Spanplatten vor ihre Fenster in die dafür vorbereiteten Haken. Anwohner parken ihre Autos um.

Für den Tag der Arbeit hat der Bezirk in der kritischen Zone Flaschenbier verboten. Die vielen türkischen Anwohner, die aus Friseurläden und Hauseingängen kistenweise Kaltgetränke unter Myfest-Besucher und Krawalltouristen brachten, müssen ihre Zusatzeinnahmen vergessen.

Dafür sollte es an Spontan-Wurfgeschossen fehlen, wenn wie in den letzten Jahren Greiftrupps der Polizei identifizierte Straftäter aus der Menge holen.

Denn obwohl zuletzt sehr viele Polizisten verletzt wurden, gab es doch auch mit 279 mehr Festnahmen als sonst. Trotz einiger spektakulärer Fehlschläge für die Ermittler, als Gerichte mutmaßliche Steinewerfer mangels Beweisen laufen ließen, gab es auch mehr Verurteilungen mit teils harten Strafen.

Wenn die Beamten wie üblich vor dem 1. Mai in Schulen unterwegs sind, können sie die Jugendlichen mit Grund warnen, sich nicht durch einen Steinwurf ihr Leben mit einer dreijährigen Gefängnisstrafe zu versauen. Solche Warnungen sind nötig.

Denn die Autonome Szene hat Zulauf von jungen Leuten, da macht sich Körting keine Illusionen. Überhaupt, das zeigen die Festgenommenen des Vorjahres, ist der 1. Mai dann doch ein deutsches und ein Berliner Problem.

Die Zeiten, als türkische und arabische Krawallkids die Nacht als unpolitischen Kampfsport-Ersatz nutzten, ist nach eindringlicher Ansprache an die Migrantengemeinden vorbei. Die viel gescholtenen Krawalltouristen aus aller Welt gaffen vielleicht, aber sie beteiligen sich selten am Straßenkampf.

Auch die Kreuzberger selbst halten sich eher zurück. Die Festgenommenen stammten meist aus den anderen Berliner Bezirken.